Kolumne
Gegentribüne: Jugend schlägt Erfahrung –wieviel Routine braucht der FC St.Gallen?

Früher war Erfahrung im Fussball eine wichtige Eigenschaft. Heute zählt sie fast nichts mehr. Auch beim FC St. Gallen erfreuen wir uns an der jugendlichen Welle. Ist das aber auf lange Sicht eine gute Entwicklung?

Fredi Kurth
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Der FC St.Gallen setzt auf Jugend: Der 18-Jährige Leonidas Stergiou im Einsatz.

Der FC St.Gallen setzt auf Jugend: Der 18-Jährige Leonidas Stergiou im Einsatz.

Bild: Claudio Thoma, freshfocus
(22. November 2020)

Am vergangenen Samstag haben wir das heikle Thema «Jugendwahn» im Fussball gross aufgegriffen. Es war überfällig, und die Zeilen, die hier stehen, habe ich vor zehn Tagen schon geschrieben: Die Problematik detailliert aus St.Galler Sicht. Doch dann schlug beim FC St.Gallen die Corona-Welle zu, und das Thema war verschoben. An diesem Wochenende sogar der Match gegen Zürich.

Auf die richtigen Pferdchen gesetzt

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Urs Bucher

Also: Die Jugend liegt im Trend. Das Durchschnittsalter der Mannschaften sinkt rapide. In der Bundesliga war vor 17 Jahren ein Spieler im Schnitt 27,1 Jahre alt, heute gerade noch 24,2 Jahre. St.Gallens Trainer Peter Zeidler schickte in der vergangenen Saison stets die jüngste Mannschaft der Liga auf den Rasen, gut ausgebildete Fussballer, die wendig sind, zupackend in den Zweikämpfen und Tempoaktionen auslösen können.

Ältere Leute wie Moreno Costanzo, Milan Vilotic oder Vincent Rüfli hatten keine Chance auf einen Stammplatz. Die Erfolge und die dadurch ausgelöste Begeisterung für das Team, nicht nur im Kybunpark, sondern landesweit, gaben den Verantwortlichen die Gewissheit, auf die richtigen Pferdchen gesetzt zu haben.

Da gab es auch das Beispiel Barnetta

Dabei hatte der FC St.Gallen in der Saison davor den Barragenplatz primär dank den Toren und Leistungen seines erfolgreichsten Routiniers umschifft: Tranquillo Barnetta verabschiedete sich damals als Star von der Fussballbühne mit just erreichten 34 Jahren. Der beste Fussballer, den die Stadt St.Gallen nach dem Brühler Richard Dürr hervorgebracht hat, musste sich aber auch erst wieder hochdienen. Zeidler hatte ihm höchstens im Notfall noch eine Schlüsselrolle zugetraut und stellte dann erstaunt fest, nachdem Barnetta mit zwei Treffern gegen die Grasshoppers den Match noch gekehrt hatte:

«Tranquillo ist offensichtlich ein Wettkampftyp.»
Tranquillo Barnetta jubelt mit Trainer Peter Zeidler.

Tranquillo Barnetta jubelt mit Trainer Peter Zeidler.

Bild: Urs Bucher
(12. Mai 2019)

Aber vielleicht war es gerade die Erfahrung, die seine fussballerische Klasse nochmals aufleben liess. Jene Routine, die ihm wohlweislich im Training abriet, sich immer nur für den Match aufdrängen zu wollen und so von der Wochenarbeit entkräftet ins Spiel zu steigen. Vor allem für etwas ältere Sportler gilt: Die physische Arbeit eines Trainings ist immer nur so gut wie die angemessene Erholung bis zum nächsten Training.

Mario Frick kehrte mit 35 zurück

St.Gallens Youngsters sind nun ein Jahr älter geworden, Jordi Quintillà und Victor Ruiz zählen 27 Lenze, Lukas Görtler 26. Routine wurde mit Basil Stillhart, ebenfalls 26-jährig, dazugekauft. Früher war das noch «bestes Fussballalter» mit Aussicht auf ein spätes Gnadenbrot. Als Mario Frick, heute Trainer des FC Vaduz, 2009 von Siena zum FC St.Gallen zurückkehrte, stand er kurz vor dem 35. Geburtstag und führte sich sogleich mit dem ersten Super-League-Tor St.Gallens in der damaligen AFG Arena ein. Der Gegner hiess Basel.

Es gibt auch heute noch Ausnahmen: Gonzalo Castro wirbelt beim VfB Stuttgart im Alter von 33 gegnerische Abwehrreihen auf. Daniel Didavi und Hamadi Al Ghaddioui sind beide 30. Just der Bundesliga-Aufsteiger aus dem gemütlichen Schwabenland setzt nun ebenfalls auf Sturm- und Drang. Bei Rasen Ballsport Leipzig ist die Richtung schon lange vorgegeben. Einzig Kevin Kampel ist im riesigen Kader bereits 30-jährig. Trainer Jürgen Nagelsmann brachte Leipzig letzten Sommer in den Halbfinal der Champions League.

FC St.Gallen lässt die Alten nicht im Regen stehen

Stellt sich die Frage, wer denn noch ein Herz für die gar nicht so alten Fussballer hat. Und man beobachtet, dass es um sie hierzulande nicht so schlecht bestellt ist. Zum Beispiel haben einige Vereine der Challenge League, die ursprünglich eine andere Bestimmung hatte, Altersabteilungen eingeführt. So fanden in jener Liga vor einiger Zeit die ehemaligen St.Galler Andreas Wittwer, Roman Buess und Stjepan Kukuruzovic Unterschlupf.

Selbst die Super League und, man höre und staune, das Nationalteam hat Bedarf an routinierten Fussballern. Die Vereine heissen: FC Sion, FC Lugano und FC Basel. Was überrascht. Lugano hat mit den Stammspielern Mijat Maric (36), Alex Gerndt (34), Miroslav Covilo (34) und Jonathan Sabbatini (32) und einem auch sonst deutlich überalterten Kader seit Monaten nicht mehr verloren und ist vorne mit dabei.

Basel will in dieser Saison die Young Boys, die ihren Kader altersmässig bereinigt haben, vom Titelthron stürzen. Das versucht es mit Timm Klose (32), Fabian Frei (31), Valentin Stocker (31), Ricky van Wolfswinkel (31), Luca Zuffi (30) und Taulant Xhaka (29). Vor allem versucht es Trainer Ciriaco Sforza mit Tempofussball, zumindest in der ersten Halbzeit. Zu diesem Zweck stehen auch einige flinke Talente zur Verfügung. In der zweiten Halbzeit reicht die Energie aber meistens nur noch für die Sparflamme – in der Super League genügt das, wie die Partien der Basler gegen St.Gallen und Lausanne verdeutlicht haben. Lugano gegen Basel hat am Wochenende kaum jenen Fussball offenbart, der den Schweizer Klubfussball international wieder zurück in die Spur bringen dürfte. Da boten die Young Boys und Lausanne eher positive Ansätze.

Was sich Silvan Hefti denkt?

Auch Vladimir Petkovic erinnert sich seiner langjährigen Weggefährten und hat den Anhängern des FC St.Gallen im Coronajahr Freude bereitet: Ein Spieler aus dem Ostschweizer Nachwuchs hat zweimal ein Aufgebot erhalten. Zwar liegt seine Zeit schon etwas zurück: Am 24. Mai 2007 debütierte Michael Lang im Alter von 16 Jahren in der Super League. Er gehört bis heute zu den drei jüngsten Spielern, die in der höchsten Liga des Landes eingesetzt worden sind. Der Thurgauer hat in diesem Jahr acht Minuten für Werder Bremen und noch keine in diesem Herbst für Borussia Mönchengladbach gespielt. Petkovic macht ja einen guten Job, und so haben wir Verständnis, dass er keinen grossen Wert auf Wettkampfpraxis legt.

Silvan Hefti hat sich bei YB nahtlos eingefügt.

Silvan Hefti hat sich bei YB nahtlos eingefügt.

Bild: Alessandro Della Valle, Keystone (6. November 2020)

Ob Silvan Hefti aber auch dieser Ansicht ist? Petkovic setzt eben lieber auf Erfahrung als auf Jugend und berücksichtigt den ebenfalls nicht schlechten, viereinhalb Jahre älteren Silvan Widmer vom FC Basel auf (2 Tore, 4 Assists 2019/20). Heftis Bilanz: 3 Tore, 7 Assists, eine der besten Zweikampfbilanzen aller Aussenverteidiger vergangene Saison. Neu bei YB nahtlos eingefügt. In Sofia Vorbereiter des Siegtreffers.

Das Beispiel Alain Wiss

Der FC St.Gallen hat älteren Spielern immer wieder beigestanden, wenn ihre Existenz durch schwere Verletzung und auslaufenden Vertrag gefährdet war. So dürfte auch Alain Wiss die Haltung der Klubführung geschätzt haben. Altersmässig passte er nicht mehr ins Zeidler-Sutter-Konzept. Aber vor einem Jahr, nicht weit entfernt in Altach, fand der nun 30-jährige eine passende Aufgabe in der österreichischen Bundesliga. Trainer Alex Pastoor ist auch von der Persönlichkeit des defensiven Mittelfeldmannes angetan. Nachdem Wiss für kurze Zeit ausgefallen war, sagte der Holländer unlängst:

«Ich bin froh, dass er wieder da ist. Mit ihm hat das Training eine andere Qualität.»

Von Kofferträgern zu Tempomachern

Der Trend stimmt natürlich: Die jungen Spieler bringen Schwung ins Geschehen, ermöglichen angriffigen Fussball. Früher mussten sie sich erst einmal hochdienen und den Mannschaftskoffer tragen. Nun sind heute die älteren manchmal gerade noch geduldet. Allerdings hat sich nur verschärft, was einst schon gegolten hatte: Eine Fussballerlaufbahn war schon immer beschränkt auf eine relativ kurze Lebensphase. Und sie war in der Schweiz meistens Nebenbeschäftigung. Heute erhalten viele im Nachwuchscamp auch berufliche Ausbildung.

Dennoch sind die Herausforderungen gross, müssen sich selbst arrivierte Profis schon vor dem 30. Altersjahr Gedanken machen über ihre weitere Zukunft. Ich denke, der FC St.Gallen 1879 ist auf dem Weg zu einem gesunden Mass, was den Altersdurchschnitt anbelangt. Er darf etwas tiefer liegen, auch weil der Verein die Nachwuchsförderung zuoberst an die Fahne geheftet hat.