Kolumne
Gegentribüne: Die grossen und kleinen Momente des FC St.Gallen

Die grossen Momente in der langen Geschichte des FC St.Gallen kennen wir. Daneben gibt es die vielen kleinen Ereignisse, kaum bedeutend für den Verein, umso mehr für den Einzelnen von uns. Das erste Spiel mit Papa auf dem Espenmoos, das erste Spiel als Junior und viele kleine Begebenheiten.

Fredi Kurth
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Kolumnist Fredi Kurth.

Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Tobias Garcia

An diese kleinen Episoden – lustige, eigentümliche oder kaum der Rede wert – erinnere ich mich jeweils, wenn es dem FC St.Gallen nicht so rund läuft. Wenn er sich zwischen Höhenflug und Kriechgang befindet, wobei der Kriechgang häufig etwas länger gedauert hat als der grosse Moment – wie es halt so ist mit Momenten.

In diesen Tagen habe ich wieder in Erinnerungen und Schriftstücken gewühlt – wobei ich nicht behaupten möchte, der FC St.Gallen befinde sich schon wieder im Kriechgang. Einiges deutet darauf hin, dass er sich nur ein wenig in die Tiefe absenken lässt, um irgendwann mit umso mehr Schwung wieder Höhe zu gewinnen.

In solcher Betrachtung wird einem bewusst, wie viel sich ansammelt in langer Zeit, auch wie viele Generationen von Spielern gekommen und gegangen sind. Zehn Jahre, so lange erstrecken und überlappen sich ungefähr die Altersgruppen im Fussball.

Die Leere im Espenmoos

Wenn ich heute selten mal im Espenmoos vorbeischaue und das geschwungene Dach mit der halbmondartig angeordneten Sitzpartie betrachte, dann kann ich mir fast nicht mehr die Erinnerung ausmalen, die Gefühle und überwältigenden Spiele, die hier als klubhistorische Ereignisse in die Annalen eingegangen sind. Ich sehe diese einmalige Konstruktion, die mich irgendwie an einen Zitronenschnitz erinnert und dann die eher entrümpelte denn renovierte Umgebung wahrnehme, ohne die Möblierung durch Stehrampen, gedeckte Gegentribüne und elektronische Anzeigetafel und empfinde eine grosse Leere. Diese vermögen auch die paar Espenbäume, auch Zitterpappeln genannt, nicht zu kompensieren.

Das Fussballstadion Espenmoos.

Das Fussballstadion Espenmoos.

Bild: Urs Jaudas (St.Gallen, 25. März 2014)

Wahrscheinlich ist einfach der Kontrast an dieser nun entlegenen Stelle der Stadt, der Kontrast zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zu stark. Vielleicht bin ich auch zu wenig Fussballromantiker, versuche ich dieses Spiel eher mit nüchterner Logik und anhand von Statistiken zu begreifen.

Brühl – Mendrisio als Debüt im Espenmoos

Grosse Spiele haben wir hier gesehen, mit über 16'000 Fans den Europacup-Match gegen Inter Mailand, der nach der hohen Niederlage im San Siro torlos endete. Mein Debüt als Zuschauer erlebte ich als Knirps viel früher, vor etwas mehr als 60 Jahren, paradoxerweise ohne den FC St.Gallen. Der SC Brühl, der nach dem Tribünenbrand im Krontal ins Espenmoos ausweichen musste, spielte gegen Mendrisio und schoss alle fünf Tore bei keinem Gegentreffer nach der Pause.

Schon damals stach mir ein Akteur ins Auge: Brühls Spielertrainer Erich Haag, der vom FC St.Gallen «über den Jordan» gewechselt war, Spielertrainer und Spielmacher in einer Person. Filigranes hatte der Deutsche auch als Besitzer eines Uhren- und Schmuckgeschäfts in St.Fiden gelernt. Es war eine Begegnung der 1. Liga Gruppe Süd-Ost, der dritthöchsten Spielklasse. Noch paradoxer: Der Lokalrivale spielte auf derselben Stufe. Es gab Derbies, die sich später in der Nationalliga B in vier Saisons fortsetzten.

Begeisterung früher nicht kleiner, nur begrenzter

Obwohl die Fussballer bis hinauf in die höchste Liga noch einem Beruf nachgingen und die Autogrammbildchen, die es schon damals als Kaugummi-Beilage gab, mit Berufsbezeichnungen versehen waren, war die Begeisterung für den Fussball annähernd so gross wie heute. Nur breitete sie sich vermehrt über das nationale Geschehen aus.

Noch flimmerte lange nicht in allen Haushalten ein Fernsehapparat, und noch viel weniger war Fussball aus allen Herren Ländern zu sehen. Am ehesten noch die Bundesliga mit der Sportschau und dem Aktuellen Sportstudio, moderiert von Zeitgenossen wie Kurt Brumme, Wim Thoelke oder Harry Valérien, dem Vorbild des bekannten St.Galler Fernseh- und Radio-Allrounders Beat Antenen.

Fussball war Männersache

Aber so wie beim Stimmrecht, das sich die Frauen hartnäckig erkämpfen mussten, war Fussball fast ausschliesslich Männerangelegenheit. Den Beleg dafür entdeckte ich im Matchprogramm des SC Brühl vom 10. September 2011, als entgegen allen Wetten die Derby-Tradition nochmals für zwei Spiele auflebte. Im Matchprogramm sind Aufnahmen vom Derby «Anno domini 1970» abgebildet, die meisten mit den voll besetzten Zuschauerrängen im Krontal, heute Paul-Grüninger-Stadion genannt: Unter den vielleicht 200 bis 300 Köpfen ist kaum eine Frau zu entdecken. Gerne erwähne ich immer wieder einmal, wie im Espenmoos ab und zu Herr Meier oder Müller via Lautsprecher gebeten worden ist, sich sofort ins Kantonsspital zu geben. Er sei soeben Vater geworden.

Das Paul-Grüninger-Stadion – hier, wie es gerade vom Schnee befreit wird.

Das Paul-Grüninger-Stadion – hier, wie es gerade vom Schnee befreit wird.

Bild: Urs Bucher (10. März 2016)

Mein erstes Spiel als C-Junior, die damals früheste Kategorie für einen Knirps? Ich mag mich nicht mehr erinnern, interessiert auch niemanden. Vielleicht schon eher meine Einsätze in der höchsten Juniorenliga der Schweiz. Wir durften nämlich 1968/69 alle Heimspiele auf dem Hauptplatz im Espenmoos absolvieren, der Rasen picobello hergerichtet von Platzwart Arturo Boscardin. Daneben war bei jedem Match der Baufortschritt der neuen Tribüne, des Zitronenschnitzes, zu beobachten. Die Umkleidekabine befand sich in der Turnhalle Buchwald. Der FC St.Gallen genoss derweil Gegenrecht und durfte seine erste Nachkriegssaison in der Nationalliga A auf dem Krontal austragen.

Fussball statt Tanzkurs

Apropos: Vater werden. Es war die Zeit, als auch schon mal die Freundin eines Inter-A-Juniors mit dem Kinderwagen im Espenmoos erschien. Die Pille war eben noch nicht allzu lange auf dem Markt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Derlei wäre mir nie widerfahren. Unter den jungen Leuten bestand gegenüber dem andern Geschlecht eine noch ziemlich unterschiedliche Lockerheit. Ich war ganz auf den Ball fokussiert - nicht auf den Bentele-Ball, den Höhepunkt des Stadt-St.Galler Tanzkurses.

Die Aussenposition des Spielers und des Journalisten

Meine Position war jene des Aussenverteidigers. Meine primäre Aufgabe, den linken Flügel des Gegners zu beschatten und mit gepflegtem Aufbau die Gegenangriffe einzuleiten. Beides ist mir nicht schlecht gelungen. Ich mag mich nur an einen erinnern, der mich wirklich vor Probleme stellte: Bruno Beyeler, später langjähriger Stammspieler beim FC Lugano. Er spielte mir im Cornaredo Knoten in die Beine, sodass ich schon nach einer halben Stunde mit einer Zerrung am rechten hinteren Oberschenkel ausscheiden musste.

Aussenverteidiger. Das passte zu mir. Ein bisschen am Rande sein. Zwei, drei Schritte weiter draussen, und schon ist man neben dem Feld. Es passt auch zu meinem Journalistenberuf. Auch die Medienschaffenden bewegen sich am Rande der Materie, über die sie schreiben, aber für die sie keine Verantwortung übernehmen müssen. Dennoch sind sie einem hehren Anspruch verpflichtet: der Wahrheit und der Objektivität.

Der Unterschied zwischen System und Taktik

Juniorenobmann Räto Hoegger brachte uns den Fussball in Praxis und Theorie näher. «Du musst dich als Aussendecker auf der Linie zwischen Stürmer und dem Tor bewegen. Und du darfst nie zu früh den Gegner attackieren. Sonst bist du ausgedribbelt.» Zumindest letzteres dürfte heute nicht mehr in jeder Situation gelten. Hoegger erklärte auch den Unterschied zwischen System und Taktik: Das System widerspiegelt die Grundformation einer Mannschaftsaufstellung, die Taktik besagt, wie dieses System umgesetzt wird, im Prinzip ob offensiv oder defensiv.

Peter Zeidler, der Trainer des FC St.Gallen.

Peter Zeidler, der Trainer des FC St.Gallen.

Bild: Martial Trezzini / KEYSTONE

Inzwischen werden diese Begriffe ziemlich verschwommen verwendet. So ist es immerhin von Vorteil, wenn Peter Zeidler, so meine ich zumindest, immer dasselbe System mit vier Verteidigern und der Raute in der Mitte anwendet. Fabio Celestini hingegen hat am Mittwoch auf Blue TV im Eiltempo gleich vier Systeme mit all den verwirrenden Zahlen herunter raspeln können, die seine Luzerner Mannschaft beherrscht oder beherrschen sollte.

Die glückliche FCSG-Generation

Nicht nur gesellschaftlich, auch sportlich hatte der FC St.Gallen in den 1960-ern noch viel Luft nach oben. Das war im Grunde ein Glück für die inzwischen in die Jahre gekommenen Anhänger: Lange ging es ungefähr im Stil von zwei Schritten vorwärts, einer zurück nach oben und als das hundertjährige Bestehen 1979 näher rückte, war die Mannschaft in der Spitzengruppe der Eliteklasse angekommen, in der ersten Hälfte der 1980-er sogar für drei Jahre ununterbrochen und mit europäischen Abenteuern.

Auch diese Zeit war voller Episoden und Emotionen. Sie allein würden ein Buch füllen. Zurzeit lese ich die Buchreportage «Wir werden ewig leben» von Christoph Biermann. Er hat Union Berlin in unmittelbarer Nähe begleitet und nur schon einzige Saison, die erste Bundesliga-Saison der «Eisernen», auf 411 Seiten ausgebreitet. Ganz knapp kommt der FC St.Gallen darin vor, was insofern interessant ist, als Trainer Urs Fischer fast die Hälfte seiner Nationalliga-A-Spiele mit den Espen bestritten hat.

Auch die beiden Jahrzehnte vor und nach dem Jubiläum, die ich als Teilzeit-Angestellter in der Administration des ältesten Schweizer Fussballclubs erlebt habe, sind gespickt mit kleinen Momenten. Einen Teil davon werde ich an dieser Stelle gelegentlich auffrischen.

Wundertüte Super League

Derlei kann ich mir leisten, weil die Super League im Moment kaum an beständigen Tatsachen festzumachen ist. Nicht nur der FC Zürich, sondern die ganze Liga ist eine Wundertüte geworden - abgesehen von den Young Boys, die kaum noch einzuholen sind, und dem FC Lugano, der immer unentschieden spielt, wenn nicht in den Schlussminuten der Gegner in den lucky Punch der Tessiner rennt.