Kolumne
Gegentribüne: Die dritte Welle des FC St.Gallen ist vorerst gestoppt

Der Hype um den Cupfinal des FC St.Gallen versank am Pfingstmontag jäh in Schutt und Asche. Doch die Enttäuschung dürfte langsam der Erkenntnis weichen, dass der älteste Fussball-Club der Schweiz aus der wilden Coronasaison gefestigt hervorgehen wird. Dass der Ligaerhalt wichtiger ist als der Kübel.

Fredi Kurth
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Kolumnist Fredi Kurth.

Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Tobias Garcia

Ein solches Fazit mag nur Stunden nach dem deprimierenden Verdikt vom Wankdorf etwas befremden, aber eine tiefere Analyse und Beobachtung lassen entsprechende Schlüsse zu. Was mich zuversichtlich stimmt, ist der grenzenlose Enthusiasmus, der trotz schwachem Abschneiden im Frühjahrspensum der Super League entstanden ist. Er war wahrscheinlich noch nie so gross wie in den vergangenen zehn Tagen. Und er zeigt, wie viel der FC St.Gallen vielen Menschen in der Region bedeutet.

Manche gehen am Abend grün-weiss ins Bett und stehen am Morgen grün-weiss wieder auf. Man kann das als übertrieben betrachten, aber es gibt wesentlich dümmere Beschäftigungen, als Leidenschaft und Identität für einen Fussballclub und damit für eine etwas in die Ecke gestellte Landesregion zu zeigen.

Der ungestillte Erfolgshunger

Damit ist ein Grund für die Begeisterung erwähnt, der andere liegt in der Rarität des Erfolgs. Der FC St.Gallen gehört zu den Mannschaften mit der längsten Zugehörigkeit zur höchsten Spielklasse. Zwei Meistertitel und ein Cupsieg widerspiegeln diese Präsenz jedoch ungenügend. Vier von fünf Cupfinals sind verloren gegangen. Ein Verlierer-Image hat sich auch sonst über die Jahre hinweg ausgebreitet, und es ist dieser Erfolgshunger, der zu emotionalen Ausbrüchen führt, wie wir sie nun innerhalb weniger Tage im Positiven und Negativen erleben.

Fans in der St.Galler Innenstadt beim Cupfinal vom Pfingstmontag.

Fans in der St.Galler Innenstadt beim Cupfinal vom Pfingstmontag.

Bild: Urs Bucher/Freshfocus

Mit vielen Abonnenten und mehr Konstanz in die neue Saison

Mein Optimismus ernährt sich aus den vielen Abonnenten, die über 8000, die sich bereits wieder für die neue Saison verpflichtet haben, die meisten wahrscheinlich noch vor dem Ligaerhalt. Die Cupniederlage mag die Woge vorübergehend eindämmen, aber nach der Sommerpause frisch erholt und neuem Tatendrang, hoffentlich bald ohne Einschränkungen durch Corona, sollte die Mannschaft zumindest wieder das Niveau der ersten Saison mit dem Trio Hüppi, Sutter, Zeidler erreichen. Damals gab es keinen gravierenden Abfall, und mit zwei Punkten mehr als in dieser Saison wurde die Gruppenphase für die Europa League nur um Haaresbreite verpasst.

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Bild: Benjamin Manser

Ein gesundes Virus breitet sich aus

Aber was soll das eigentlich mit diesen Wogen des FC St.Gallen? Es geht um die Wirkung, die der FC St.Gallen in all den Jahren in der Öffentlichkeit ausgelöst hat. Jahrzehntelang war sie konzentriert auf die fussballinteressierte, meist männliche Bevölkerung. Die erste grosse Welle, welche die ganze Familie und weiter reichende Schichten der Gesellschaft erfasste, setzte im Jahr 2000 mit dem zweiten Meistertitel und dem Chelsea-Rauswurf ein.

Sie verebbte allmählich, ehe der Club mit dem Einzug in die neue Arena, der Rettung vor dem Konkurs durch Dölf Früh und weitere Geldgeber sowie dem Wunder von Moskau die zweite Welle auslöste. Diese wird nun bezüglich Unterstützung nochmals übertroffen von der herausragenden Saison auf Platz zwei vor einem Jahr und der Cupfinal-Qualifikation in diesem Jahr. Der internationale Ausweis fehlt zwar, aber was die Anhänger ins Delirium beförderte und nun scheinbar zu unverbrüchlicher Treue veranlasst, war die Art und Weise, wie St.Gallen auftrumpfte, nach vorne orientiert, mit klarem Matchplan.

Sie liebt mich, sie liebt mich nicht

Diese dritte Welle ist in diesem Frühjahr gebrochen worden. Eine fast beispiellose Niederlagenserie und Torflaute musste hingenommen werden, ehe sich die Mannschaft am Ende stets antizyklisch verhielt: Glänzte sie im Cup, folgte prompt der Rückschlag in der Meisterschaft. Umgekehrt zeigte sie daheim gegen Lausanne, was immer noch an Sturmlauf in der Super League möglich wäre, was infolgedessen die Euphorie im Hinblick auf den Cupfinal ins Kraut schiessen liess.

Zu tief schon im Erholungsmodus?

Was am Pfingstmontag fehlte, war die Energie, wahrscheinlich das wichtigste Element in der Umsetzung von St.Gallens Spielweise. Warum dem so war – schwierig zu eruieren. Ich fand es auch gut, den Nachwuchs nach Genf zu entsenden. Möglicherweise war es der Spannungsabfall nach dem Ligaerhalt, vielleicht war durch die Pause der Körper vieler Spieler nach der strengen Saison so weit schon in die Erholungsphase abgesunken, dass ein Aufbäumen nicht mehr möglich war. Noch nie habe ich Lukas Görtler so kraftlos über den Rasen bewegen sehen wie am Montag. Der Geist war willig, das Fleisch schwach.

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Bild: Michel Canonica

Spielleiter ungenügend

An der Einsicht fehlte es nach dem Spiel nicht. Das ehrt Mannschaft und Trainer. Die Ergebenheit ging mir allerdings ein wenig zu weit. Denn es gab ein Team, das noch schlechter disponiert war als der FC St.Gallen, nämlich jenes des Spielleiters und des VAR. Wie die Analyse auf SRF ergab, musste der Schiedsrichter drei heikle Situationen beurteilen.

Rainer Maria Salzgeber und Experte Benjamin Huggel liessen durchblicken, dass der Schiedsrichter jedes Mal auch anders hätte entscheiden können, ja müssen. Und wenn bei sensiblem Spielstand jedes Mal gegen dasselbe Team entschieden wird, dann hat der Schiedsrichter seine Aufgabe nicht erfüllt, dann kann sehr wohl von ausschlaggebender Beeinflussung die Rede sein.

Schiedsrichter Lionel Tschudi beim Cupfinal.

Schiedsrichter Lionel Tschudi beim Cupfinal.

Bild: Martin Meienberger

Ein verwandelter Penalty zum Ausgleich kurz nach der Pause hätte durchaus das Spiel in die andere Richtung drehen können. Denn auch der wiederum sehr effiziente FC Luzern war nicht über alle Zweifel erhaben. Und St.Gallen hat unlängst beim FC Zürich bewiesen, in der Pause mit zwei Toren im Rückstand und scheinbar geschlagen, dass es reagieren kann.

Der Lehrer und die gelehrigen Schüler

Doch wenden wir uns vom Unabwendbarem noch etwas Erfreulichem zu: Vielleicht hätten die Talente, die am Freitag in Genf ihren Auftritt hatten, über frischere Beine verfügt. Natürlich, es war bloss ein Freundschaftsspiel. Aber wie der nur leicht verstärkte Talentschuppen antrat, war beeindruckend. Es erinnerte mich an jenen Match, in dem Peter Zeidler erstmals an der Seitenlinie den FC St.Gallen antrieb, damals mit allen Stammspielern gegen das Premier League Team Brighton and Hove Albion.

Bereits war die Federführung des neuen Trainers zu erkennen. Nun genauso am Freitag. Da stand der Lehrer am Spielfeldrand und auf dem Feld setzten die Schüler um, was offensichtlich schon intensiv geübt worden war. Da scheint eine Basis für die Zukunft gelegt zu sein.

Servette gegen FC St. Gallen in Genf.

Servette gegen FC St. Gallen in Genf.

Bild: Urs Lindt / freshfocus

Auf Wiedersehen!

Mit so hoffnungsvollen Zeilen darf ich meinen Bleistift nun zur Seite legen. Nach 13 Jahren Fussball in der neuen Arena ist die Zeit gekommen, die Spiele von der Gegentribüne aus «unbelastet» zu verfolgen. Ich danke allen, die meine Ansichten und sprachlichen Verrenkungen gelobt, kritisiert oder einfach zur Kenntnis genommen haben, und ich freue mich auf das Wiedersehen und Fachgespräche im Stadion.