«Koch und Bäcker laufen gut»

Das GBS St. Gallen, grösstes Berufszentrum der Ostschweiz, wird 150jährig. Rektor Lukas Reichle mag trotz Jubiläum vor allem vom «Blickpunkt 2022» sprechen – auch wenn heute wieder «einfache Werte» gefragt seien.

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GBS-Rektor Lukas Reichle: «Wir erleben zum grossen Glück nur sehr wenig Gewalt.» (Bild: Ralph Ribi)

GBS-Rektor Lukas Reichle: «Wir erleben zum grossen Glück nur sehr wenig Gewalt.» (Bild: Ralph Ribi)

Herr Reichle, das von Ihnen geleitete Gewerbliche Berufs- und Weiterbildungszentrum GBS St. Gallen feiert sein 150jähriges Bestehen. Was und wie wird gefeiert?

Lukas Reichle: Bei grossen runden Zahlen soll man anerkennend zurückschauen auf das, was Tausende im Verlauf der Jahre geleistet haben. Eine grosse Broschüre mit Chronologie wie zum 125-Jährigen wird's nicht geben, dafür einen prägnanten Flyer.

Schliesslich wollen wir mit einem Podiumsanlass den Blick nach vorne wagen, auf die künftigen Herausforderungen und die Erwartungen unserer Abnehmer, also der Gesellschaft und der Wirtschaft.

Ein Fest gibt es nicht?

Reichle: Nein, mit rund 5000 Lernenden wäre dies ein ungeheurer Kraftakt. Und weil wir keine Vollzeitschule sind, ist die Erwartung eine andere.

Stichwort Herausforderungen: Was ist die grösste für das GBS?

Reichle: Dass es uns in Grund- und Weiterbildung gelingt, zusammen mit der Wirtschaft und den Berufsbildnern in den Ausbildungsstätten den angehenden Berufsleuten eine optimale Chance im Markt zu geben. Wobei dies im Ostschweizer Markt vor allem Stellen in KMU bedeutet.

Schön gesagt, doch das duale Modell mit Berufsfachschule und Lehre steht gehörig unter Druck.

Reichle: Klar, alles spricht vom «Kampf der Talente» oder von der drohenden Akademisierung. Aber wenn wir unsere Fachkompetenz auf hohem Niveau erhalten und in der Vermittlung von Wissen und Handlungskompetenz topaktuell und praxisnah bleiben, ist die duale Ausbildung weiterhin ein Erfolgsmodell. Und niemand weiss, wen der erwartete demographische Einbruch am meisten trifft, ob eher die Gymnasien oder die Berufsfachschulen.

Was wir beobachten: Berufe, bei denen man dreckige Hände bekommt, dem Wetter ausgesetzt ist oder mit hochflexiblen Arbeitszeiten auch in der Nacht rechnen muss, sind immer weniger gefragt.

Sie dürften wenig Freude haben am vielfachen Wunsch nach höheren Maturitätsquoten.

Reichle: Als liberaler Geist meine ich, dass der Staat hier nichts zu steuern hat. Wenn wir die Prozentsätze erhöhen, setzen wir falsche Steuerungsakzente.

Wenn die Wirtschaft keine oder wenig gefragte Berufe ausbilden und so auf Halde «produzieren» würde, wäre das nicht sinnvoll. Wichtig für unsere Jugend und die Gesellschaft ist, beide gleichwertigen Ausbildungswege in bester Qualität zu ermöglichen.

Welche Berufe sind denn bei Ihnen derzeit besonders gefragt?

Reichle: Produzierende Dienstleistungsberufe wie Koch oder Bäcker, die laufen sehr gut. Und bei den Informatikern müsste es aufgrund der Nachfrage einen Boom geben.

Wir sind da zwar auf einem guten Stand, aber das Defizit ist gross: Der Schweizer Wirtschaft fehlen ein paar tausend Informatiker auf allen Ebenen.

Und in solchen Berufsfeldern wählen die Interessenten zunehmend höhere Ausbildungswege?

Reichle: In der Tendenz, ja. Aber um beim Beispiel praxisbezogener Informatik zu bleiben: Nebst allgemeinen Kompetenzen aus der Sekundarstufe 1 sind eben auch ausgeprägte personale gefragt.

Wenn in einer jüngsten Erhebung der Stiftung Esperanza ein Drittel der Jugendlichen ohne Zukunftschancen wegen Faulheit und Bequemlichkeit ausscheidet, muss das zu denken geben. Da sind wieder gute, einfache Werte gefragt wie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft, Offenheit für Neues, Motivation, Identifikation und Loyalität.

Auf der Einladung zur Jubiläumsveranstaltung heisst es «Blickpunkt 2022». Warum dieses Jahr?

Reichle: Weil es eine auffällige Zahl ist, wenn man will: eine Schnapszahl. Ein Jahr in der Zukunft, aber nicht allzu fern, also erreichbar und noch vorstellbar.

Was wird sicher anders sein 2022?

Reichle: Ich bin dann vermutlich pensioniert.

Aber im Ernst: Die Informatik und die Kommunikationstechnologie werden die Lehrmittel und den Unterricht entscheidend verändert und noch mehr individualisiert haben. Wir werden ortsunabhängiger und freier über Web-Plattformen kommunizieren. Und die Geräte werden nicht mehr von der Schule bereitgestellt, sondern wie früher Bleistift und Schiefertafel von jedem Lernenden selber mitgenommen werden.

Braucht es demnach auch weniger Schulräume?

Reichle: Nicht weniger, aber andere, multifunktionalere Räume. Wenn wir von künftigen Räumen sprechen: Die neue Turnhalle sollte bis dahin stehen, aber ich bezweifle, ob die geplante, energetisch dringliche Renovation unserer Riethüsli-Bauten ebenfalls bis in zwölf Jahren geklappt hat. Was bei aller virtuellen Zukunftsmusik nie passieren darf: dass die Dimension Mensch im Unterricht vernachlässigt wird! Menschen und Werte stehen immer im Zentrum bei Bildungsprozessen.

Manche Werte werden von Jugendlichen buchstäblich mit den Füssen getreten. Es waren Küsnachter Berufswahlschüler, die in München wahllos Passanten niederschlugen und jüngst vor Gericht standen. Wie steht es mit der Gewalt am GBS St. Gallen?

Reichle: Wir haben grosses Glück – aber vermutlich auch den passenden Umgang gefunden, mit klaren, strengen und transparenten Regeln.

In meinen bisher fünf Jahren als Schulleiter hatten wir einen einzigen Schulausschluss und nur sehr wenige Disziplinarmassnahmen auf Rektoratsebene. Wir leiden kaum unter Gewalt, und wir erleben wenig Zerstörung von Infrastruktur, seien es Sprayereien oder Mobiliarschäden. Da nimmt wohl jeder ein Stück Eigenverantwortung wahr.

Was auch für das Leitungsteam und die Lehrpersonen unserer riesigen Schule gilt: nicht nur punkto kleineren Strafen oder Stundenplanung, sondern auch, wenn wir ab 2011 die Schulentwicklung über Schulprogramme mit Dreijahresplänen der Abteilungen mit rund 45 Berufen planen.

Interview: Marcel Elsener

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