Knapp einen Monat nach dem Canyoning-Unglück in Vättis: Ein vierter Mann wird nach wie vor vermisst

Mitte August ist es in Vättis in der Parlitobelschlucht zu einem Canyoning-Unfall gekommen. Nach einem heftigen Gewitter wurden vier Männer als vermisst gemeldet. Drei Männer konnten in der Nacht tot aufgefunden werden. Ein vierter Mann wird noch vermisst.

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Medienschaffende besichtigen den Unfallort.
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Medienschaffende besichtigen den Unfallort.
Ein Polizist erklärt die Situation vor Ort.
Medienschaffende besichtigen den Unfallort.
Aus dem Bach wird innert Minuten ein reissender Fluss.
Medienschaffende besichtigen den Unfallort.
Medienschaffende besichtigen den Unfallort.
Hanspeter Krüsi erklärt den Medienschaffenden die Situation vor Ort.
Am Donnerstagnachmittag informierten Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der St.Galler Kantonspolizei, und Armin Grob, Fachspezialist Canyoning bei der Alpinen Rettung Ostschweiz, über das Canyoning-Unglück.
Der Unfallort auf der Karte gekennzeichnet.
Am frühen Mittwochabend ist es in Vättis in der Parlitobelschlucht zu einem Canyoning-Unfall gekommen.
Der Gigerwaldstausee.
Eisatzkräfte im Hubschrauber suchten den Ort ab.
Staumauer beim Gigerwaldstausee.
Ein Mann blieb nach dem Unglück vermisst.
Die Strasse musste gesperrt werden.

Medienschaffende besichtigen den Unfallort.

Bild: Raphael Rohner

(kapo/rms) Rund 100 Rettungskräfte standen am Mittwoch, 12. August, nach dem Meldungseingang des Canyoning-Unglück in Vättis im Einsatz. Nebst mehreren Patrouillen der Kantonspolizei St.Gallen waren die Rettungsstation Pizol mit Canyoning-Spezialisten der Alpinen Rettung Ostschweiz, Rega-Helikoptern, ein Superpuma der Armee, der Helikopter der Kantonspolizei Zürich, Mitarbeitende des Kraftwerks Gigerwald und ein Team der Psychologischen Ersten Hilfe im Einsatz. Dies teilte die Kantonspolizei St.Gallen am Montag mit.

Aufgrund eines aufziehenden Gewitters musste die Suche nach dem vierten Vermissten in der Nacht vom 13. August um 3 Uhr abgebrochen werden. Sie wurde in den frühen Morgenstunden desselben Tages wieder aufgenommen, blieb jedoch leider erfolglos und musste wiederum aufgrund des schlechten Wetters am Nachmittag eingestellt werden.

Im Einsatz standen an diesem Tag 15 Mitglieder der Alpinen Rettung Ostschweiz (ARO) sowie Flächensuchhunde der ARO und der Polizei. Canyoning-Spezialisten wurden erneut von einem Rega-Helikopter in der Schlucht abgesetzt, um diese abzusuchen. Polizeitaucher suchten mit einem Boot den Gigerwald-Stausee ab, «hatten jedoch mit extrem schlechten Unterwasser-Sichtbedingungen von maximal 50 Zentimeter zu kämpfen», heisst es in der Medienmitteilung. Weiter wurde mit Drohnen und dem Polizeihelikopter das Seeufer abgesucht.

Schluchtausgang und Seebeginn abgesucht

In den Folgetagen wurde jeweils mit Patrouillen der zuständigen Polizeiregion, punktuell mit Unterstützung von Spezialisten, der Unfallort begangen und insbesondere der Bereich zwischen Schluchtausgang und Seebeginn abgesucht:

  • 14. August: Begehung Suchgebiet. Weiterer Helikopter-Suchflug.
  • 15. August: Begehung Suchgebiet. Massive Geländeverschiebungen aufgrund von Regenfällen in der vorausgegangenen Nacht festgestellt.
  • 16. August: Begehung Suchgebiet mit Hunden. Fund von Seilresten. Weitere Suche beim Fundort des Seils brachte den Vermissten nicht zu Tage.
  • 17. August: Geplante Suche mit Leichenspürhunden. Aufgrund Unwetter und zu hohem Wasserpegel zur Wahrung der Sicherheit der Einsatzkräfte nicht durchgeführt. Stattdessen Sichtkontrolle vor Ort.
  • 18. August: Begehung Suchgebiet. Fund von weiteren Seilresten. Weitere Suche beim Fundort des Seils brachte den Vermissten nicht zu Tage. 19.08.2020: Begehung Suchgebiet. Erneut massive Geländeverschiebungen aufgrund von Regenfällen feststellbar.
  • 19. August: Begehung Suchgebiet. Erneut massive Geländeverschiebungen aufgrund von Regenfällen feststellbar.
  • 20. August: Suche mit Leichenspürhunden der Kantonspolizei Zürich. Suche zwischen Schluchtausgang und Seebeginn. Suche mit Sondierstangen und Grabungen, wo Hunde mögliche Witterungen anzeigten. Kein Erfolg.
  • 21. August: Erneute Begehung der Schlucht durch Canyoning-Spezialisten der Alpinen Rettung Ostschweiz. Optimale Verhältnisse mit wenig Wasser in der Schlucht. Kein Hinweis auf Vermissten innerhalb der Schlucht.
  • 22./23. August: Aufgrund konstanter Wetterverhältnisse keine Geländeverschiebungen und keine neuen Suchansätze.
  • 24. August: Erneuter Helikopter-Suchflug.
  • 25.-29. August: Aufgrund konstanter Wetterverhältnisse keine Geländeverschiebungen und keine neuen Suchansätze.
  • 30. August: Begehung Suchgebiet. Die heftigen Regenfälle vom 29./30. August haben enorme Wassermassen hervorgebracht. Das Bachbett wurde erneut umgestaltet. Suche blieb erfolglos.
  • 31. August: Aufgrund konstanter Wetterverhältnisse keine Geländeverschiebungen und keine neuen Suchansätze.
  • 1. September: Begehung Suchgebiet mit Einsatz von Metalldetektor. Kein Erfolg.
  • 2. September: Einsatz der Polizeitaucher. Problematisch war dabei die Sichtweite im Gigerwald-Stausee. Diese betrug maximal 30 bis 50 cm. Das bedeutete für die Polizeitaucher, dass der Seegrund abgetastet werden musste. Kein Erfolg.

«Das obenstehende Suchprotokoll zeigt eindrücklich auf, dass sich die Suche im alpinen Gelände sehr schwierig gestaltet», so die Kantonspolizei St.Gallen weiter. Die Einsatzkräfte hätten insbesondere nach stärkeren Regenfällen ein verändertes Gelände angetroffen.

«Nur diese Geländeverschiebungen bringen neue mögliche Suchansätze hervor, indem Stellen frei gelegt werden, die vorher verborgen waren.»

An mehreren aufeinanderfolgenden Tagen ohne Geländeverschiebungen hätten wiederholte Suchbemühungen auf bereits abgesuchten Gebiet daher keinen Sinn gemacht.

Sicherheit der Einsatzkräfte hat höchste Priorität

Leider müsse bei diesen Sucheinsätzen von einer Leichensuche ausgegangen werden. Der Sicherheit der eingesetzten Einsatzkräfte werde deshalb durch die Einsatzleitung der Kantonspolizei St.Gallen höchste Priorität beigemessen.

«Weitere Sucheinsätze lassen sich nur bei optimalen Wetterverhältnissen verantworten.»

Ebenfalls geprüft geworden sei der Einsatz von weiteren technischen Hilfsmitteln, wie beispielsweise eines Baggers. Trotz der intensiven Suche könne bislang keine erfolgsversprechende Grabungsstelle ausgemacht werden. Weiter heisst es in der Medienmitteilung:

«Das Suchgebiet ist ohne genaue Anhaltspunkte schlichtweg zu gross.»

Die Kantonspolizei St.Gallen stehe in engem Kontakt mit der spanischen Botschaft in der Schweiz sowie den Angehörigen der Opfer und des Vermissten. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit wäre seitens der Angehörigen der Wunsch nach dem Einsatz eines spanischen Bergungs-Teams geäussert geworden. Die Kantonspolizei St.Gallen sei bereit, ein Team aus Spanien bei einem Sucheinsatz einzubinden, sofern es die Wettersituation und die Sicherheit der Einsatzkräfte zulässt. Zudem begrüsse es die Kantonspolizei St.Gallen, wenn keine privaten Suchaktionen gestartet werden.

Wettersituation wird genau beobachtet

«In der kommenden Herbst- und Wintersituation muss die Wettersituation weiter genau beobachtet werden», schreibt die Kantonspolizei St.Gallen. Ein Wintereinbruch limitiere die Suchmassnahmen oder führt zu deren Unterbruch. Solange dies aber nicht der Fall sei, würde im gleichen Rahmen mit den Suchbemühungen fortgefahren.

Die Kantonspolizei St.Gallen würde aktiv informieren, sofern die weiteren Sucheinsätze zum Auffinden des Vermissten führen.

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