Klimastreiker mobilisieren via Whatsapp - Ostschweizer sind mit am aktivsten

Kantonsschüler aus der ganzen Schweiz haben sich extrem rasch zu Klimastreiks organisiert. Dies gelang vor allem dank dem Mitteilungsdienst Whatsapp. Nun müssen die Schüler die Bewegung jedoch weiter am Laufen halten.

Marlen Hämmerli
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Schülerinnen streiken in St.Gallen für eine andere Klimapolitik. (Bild: Michel Canonica)

Schülerinnen streiken in St.Gallen für eine andere Klimapolitik. (Bild: Michel Canonica)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

  • Bis Sonntag, 17. Februar gingen Schülerinnen und Schüler fünf Mal in St.Gallen auf die Strasse. Damit sind die Ostschweizer Klimastreiker mit die aktivsten in der Schweiz.
  • Die Schüler demonstrieren für eine andere Klimapolitik. Vorbild ist die schwedische Schülerin Greta Thunberg.
  • Der erste Streik in der Schweiz fand Mitte Dezember in Zürich statt. Nur eine Woche später streikten bereits Jugendliche in St.Gallen, Basel und Bern.
  • Die rasante und flächendeckende Mobilisierung gelang den Jungen vor allem dank Whatsapp und Facebook.

Die Klimastreik-Bewegung hat sich ausgebreitet wie ein Virus: rasant und schier unaufhaltsam. Erst streikten in Zürich Gymnasiasten, eine Woche später gingen auch in St.Gallen, Basel und Bern Schülerinnen und Schüler auf die Strasse. Nur neun Tage darauf trafen sich rund 120 Jugendliche aus der Deutsch- und Westschweiz in Bern – mitten in den Weihnachtsferien.

Spätestens jetzt hatten sich Schüler aus der gesamten Schweiz angesteckt: Mitte Januar streikten Tausende von Genf bis St.Gallen. Besonders engagiert waren bislang St.Galler Schüler (siehe Grafik). «Das ist die grösste Jugendbewegung seit Jahrzehnten und die erste grosse Bewegung der Digital Natives», sagt Stefan Rindlisbacher, der an der Universität Freiburg zu Jugendbewegungen forscht.

Ohne die Sozialen Medien wäre die Bewegung nicht derart rasant gewachsen. Am Anfang stand Jonas Kampus, Wetziker Kantonsschüler und Juso-Mitglied. Als er von den australischen Schülerstreiks erfuhr, dachte er: «So was brauchen wir auch.» Kampus gründete auf Whatsapp einen «Klima-Chat», wie er «Watson» sagte. Am 14. Dezember fand in Zürich der erste Streik statt. Gleichentags entstanden die erste Facebook-Seite und das erste Instagram-Konto der Bewegung. Ein Tag später existierte bereits eine Klimastreik-Website.

Junge vernetzen sich via Whatsapp

Kantonsschülerin Miriam Rizvi organisiert mit anderen Schülerinnen und Schülern die Klimastreiks in St.Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Kantonsschülerin Miriam Rizvi organisiert mit anderen Schülerinnen und Schülern die Klimastreiks in St.Gallen. (Bild: Urs Bucher)

St.Galler Kantischüler erfuhren so vom Zürcher Streik. «Das Thema ist auch hier relevant. Also haben sich einige zusammengetan, das Klimakollektiv gegründet und innert drei Tagen den ersten Streik organisiert», sagt Miriam Rizvi vom Klimakollektiv Ostschweiz. Gleichzeitig beschlossen Schüler in anderen Schweizer Städten ebenfalls für eine andere Klimapolitik zu streiken und gründeten weitere Whatsapp-Chats. «Am 18. Dezember schickte jemand den Link zum nationalen Klima-Chat herum. So konnten wir uns vernetzten», erzählt Rizvi.

Am 21. Dezember streikten Schülerinnen und Schüler in St.Gallen erstmals. Gleichentags entstand ein Instagram-Profil mit ersten Streikbildern. Weitere Schüler erfuhren von der Bewegung, kontaktierten das Klimakollektiv Ostschweiz und fragten, ob sie helfen könnten. So wuchs das Kollektiv von 4 auf 18 Schülerinnen und Schüler an. Vertreten ist nicht mehr nur die Kantonsschule Burggraben St.Gallen; heute beteiligen sich auch Schüler aus Wil, Wattwil und Trogen aktiv im Kollektiv.

Dass die Bewegung anfänglich vor allem über Whatsapp wuchs, ist erstaunlich. Der Mitteilungsdienst funktioniert über private Handynummern. Einem Chat kann nur beitreten, wer vom Administrator hinzugefügt wird oder einen Beitrittslink erhält. Die Links der Regionalgruppen wurden tausendfach geteilt, in manchen Regionen – etwa der Romandie – auch über Klassenchats. Die Bewegung wuchs exponentiell.

Klimastreiker profitieren von Facebook-Algorithmen

Das Beispiel zeigt: Über die Sozialen Medien können Massen mobilisiert werden. So entstand etwa die Bewegung der «gilets jaunes» auf Facebook. Dabei profitierten die «Gelbwesten» von mehreren Algorithmen: Nachrichten von Facebook-Gruppen werden zum Beispiel höher gewichtet und im Nachrichtenstrom bevorzugt. Dasselbe gilt für Demonstrationen, die mittels der Funktion «Event» organisiert werden. Beide Algorithmen nutzen auch die Klimastreikenden.

Das schnelle Wachstum der Bewegung rief in St.Gallen FDP-Kantonsrat Walter Locher auf den Plan. In einer Einfachen Anfrage bezeichnete er die Streiks als «orchestriert durch eine nationale politische Kampagne» und stellte mehrere Fragen. Diese Woche hat die Regierung geantwortet.

AHV-Reform betrifft die Zukunft der Jungen ebenfalls

Warum aber bewegt das Klima die Schüler so sehr? Andere Themen betreffen ebenso die Zukunft der Jungen, etwa die AHV-Reform. «Damit Bewegungen entstehen, braucht es den zündenden Funken», erklärt Stefan Rindlisbacher. «Man muss aber unterscheiden zwischen der Vorgeschichte und dem Aufkommen einer Bewegung.» Umweltthemen beschäftigen seit Generationen. Der Klimawandel wird seit Jahren diskutiert. «Die Jugendlichen werden sich dazu Gedanken gemacht haben. Greta, eine starke Identitätsfigur, wird dann der zündende Funken gewesen sein.» Tatsächlich folgten die Streiks in Australien dem Vorbild der schwedischen Schülerin Greta Thunberg.

Stefan Rindlisbacher forscht zu Jugendbewegungen. (Bild: PD)

Stefan Rindlisbacher forscht zu Jugendbewegungen. (Bild: PD)

Wie lange sich die Bewegung halten wird, kann Rindlisbacher nicht abschätzen. «Ich vermute aber, dass die Klimastreiks nicht spurlos verschwinden werden. Denn die Streiks sind politisch und von grösserer gesellschaftlicher Relevanz.» So konnten die Kantischüler diese Woche bereits einen ersten Erfolg verbuchen: Die Umweltkommission des Ständerates hat das CO2-Gesetz beraten und beschlossen, die Treibhausgasemissionen bis 2030 zu halbieren. Zudem will die Kommission die Ziele des Pariser Abkommens explizit im Gesetz verankern. Zuvor hatte der Nationalrat das CO2-Gesetz verworfen.

Politische Erfolge sind wichtig für das Überleben der Bewegung

Politische Erfolge sind essenziell für die Klimastreik-Bewegung. «Haben die Jugendlichen das Gefühl, nichts zu erreichen, frustriert sie das und das wirkt demotivierend», sagt Rindlisbacher. «Wichtig für das Fortbestehen der Bewegung ist auch ein harter Kern, der weitere Demonstrationen organisiert.»

Beides ist Rizvi bewusst. Am Freitag haben die Schüler in St.Gallen abermals gestreikt. Am Abend fanden in der Grabenhalle ein Podium zur Klimapolitik und ein Fest statt. Am 15. März sind weltweit Streiks geplant. Nicht nur in St.Gallen wollen Schüler auf die Strasse gehen, sondern erstmals auch in Frauenfeld.

Vergangene Woche hat das Klimakollektiv einen offenen Brief eingereicht. Einige der adressierten St.Galler Politikerinnen und Politikern haben sich laut Rizvi per Mail gemeldet, den Erhalt bestätigt oder ihre Unterstützung zugesichert. «Es ist wichtig, jetzt in Kontakt mit lokalen und kantonalen Politikern zu kommen», sagt sie. Eine Möglichkeit sei, Forderungen für diese Ebenen zu formulieren. «Den Umgang mit Politikern werden wir genauer am nächsten nationalen Treffen diskutieren.» Dieses findet nächstes Wochenende statt.

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Othmar von Matt