Nach Angriff von Rheintaler SVP-Mann Büchel gegen Klimaschützerin Greta Thunberg: St.Galler Schüler widersprechen vehement

SVP-Nationalrat Roland Büchel kritisiert den Klimastreik nach schwedischem Vorbild und bezeichnet dessen Vorreiterin 
als Marionette linker Aktivisten. Für die St.Galler Organisatoren dagegen ist sie ein Vorbild und der Streik mehr als jugendlicher Idealismus.

Noemi Heule
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Jugendliche ziehen morgen erneut für den Klimaschutz durch die St.Galler Innenstadt. (Bild: Benjamin Manser St. Gallen, 18. Januar)

Jugendliche ziehen morgen erneut für den Klimaschutz durch die St.Galler Innenstadt. (Bild: Benjamin Manser St. Gallen, 18. Januar)

Roland Rino Büchel war bereits wieder abgereist, als Greta Thunberg am Mittwoch in Davos eintraf. Jedes Jahr reist der Rheintaler Nationalrat für das Stelldichein zwischen Unternehmern und Politiker ans Weltwirtschaftsforum. Eine kurze Reise freilich, im Vergleich zu einer Fahrzeit von rund 30 Stunden, welche die 16-jährige Aktivistin aus Schweden hinter sich hatte, als sie in den Bündner Bergen aus der Rhätischen Bahn stieg. Büchel war dann auch längst wieder weg. Das hinderte den SVP-Politiker nicht daran, sich später auf Tele Züri über den Kopf des Klimastreiks auszulassen. Eine reine Inszenierung sei ihr Aufmarsch, sie selbst eine Marionette linker Aktivisten. Lächerlich sei der Medienrummel rund um den «Klimastar», einfach nur lächerlich, sagte er am Montag in der Sendung «Talk täglich» und schob noch ein lächerlich hinterher.

Für Miriam Rizvi dagegen ist die Schwedin ein Vorbild. Die 17-Jährige ist der Kopf des Klimakollektivs in St.Gallen. «Greta Thunberg hat gezeigt, dass jede Einzelperson eine grosse Wirkung haben kann.» Sie selbst sei keine Marionette, sondern handle aus eigenem Antrieb, stellt sie klar, genauso wenig wie Thunberg.

«Wir sind frustriert, und deshalb stehen wir auf.»

Marionette oder Vorbild, 
aber keine Anführerin

Mit ihrem Vorbild hat Rizvi indes wenig gemein. Keine Regung zeigt die schwedische Schülerin, wenn sie mit gesenktem Kopf, beäugt von unzähligen Kameras, ihre klimapolitischen Forderungen abliest. Thunberg leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer leichten Form von Autismus. Gestik und Mimik der Schwedin wirkt deshalb wie bei vielen Betroffenen abweisend, eisig, puppenhaft. «Das Mädchen tut mir leid», sagt Büchel dazu.

Rizvi dagegen weicht keinem Blick aus, erwidert ihn trotzig, und so drückt sie sich auch aus. Bestimmt und selbst ohne Notizen druckreif. Greta Thunberg sei ein Vorbild, sagt sie, aber nicht ihre Anführerin. Die Klimabewegung sei dezentral organisiert, dort wo sich jemand einsetze, gehen die Schüler auf die Strassen. Morgen wird nebst St.Gallen, in Neuenburg, Fribourg oder Basel demonstriert (siehe Infobox). Zum ersten Mal findet die Kundgebung nicht während der Schulzeit, sondern an einem Samstag statt, nachdem die Schüler beim Streik vor zwei Wochen eine unentschuldigte Absenz und damit einen Eintrag im Zeugnis riskierten.

«Eine Demonstration in der Freizeit ist völlig in Ordnung», sagt Roland Rino Büchel. Vom «Schulstrejk för Klimatet» nach schwedischem Vorbild hält er hingegen nichts. Das Anliegen sei kein Anlass zum Schuleschwänzen, sagt er, während jeder Schüler pro Monat einen vierstelligen Betrag koste. Ohnehin mache es keinen Sinn mit weltpolitischen Forderungen die lokale Mittelschule zu bestreiken. Zu demonstrieren aber sei ein demokratisches Recht. Ein Recht, von dem er selbst noch nie Gebrauch gemacht hat, auch nicht als Jugendlicher. «Keine Zeit zu träumen», blieb ihm als Lehrling auf der Bank, arbeitete er doch nebenbei noch in der elterlichen Autogarage. Den idealistischen Wunsch die Welt zu retten, habe er denn auch nie gehegt. Auf ihren Idealismus angesprochen, lacht Miriam Rizvi.

«Es ist idealistisch zu denken, wir könnten so weitermachen wie bisher.»

Über Schwänzen will sie nach den Debatten, welche die beiden vergangenen Streiks begleiteten, nicht mehr sprechen, sondern über das Klima. Und über Politik. Die Kantischülerin, die für die Jungsozialisten auf der Nationalratsliste steht, wirft das CO2-Gesetz ins Feld. Jenes Gesetz, das eine unheilige Allianz aus SVP und der Linken im Dezember im Nationalrat bachabschickte. Roland Rino Büchel begründet den Entscheid seiner Fraktion mit einer Frage: «Was kann die kleine Schweiz gegen die Klimaerwärmung tun?» Bereits jetzt sei der CO2-Ausstoss pro Kopf hierzulande nichts halb so gross wie in vergleichbaren Ländern, etwa Holland.

Machtpolitik zu Lasten 
des Klimas

Schade sei es, dass das Klima für Machtpolitik missbraucht werde, sagt Rizvi. «Das Thema geht uns alle an – unabhängig von Parteien oder Landesgrenzen.» Zwar produziere die Schweiz vergleichsweise wenig Treibhausgase, «aber wir exportieren unseren CO2-Emissionen, indem wir etwa Kleider kaufen, die in Asien produziert werden.» Den Ausstoss an Treibhausgasen bis 2030 auf null zu senken ist nur eine Forderung des Klimakollektivs. Zudem wollen sie, dass das Klima als Asylgrund anerkannt und der Klimanotstand ausgerufen wird.

Roland Rino Büchel spricht von «inhaltlichen Differenzen». Während seine Kritik an der Rolle der schwedischen Vorreiterin in seiner «direkten Rheintaler Art» schonungslos ausfiel, hält er sich gegenüber der lokalen Bewegung zurück. Vorausgesetzt die Jugendlichen handeln aus eigenem Antrieb. Er selbst nehme, wenn immer möglich, das Velo statt das Auto, fährt auch mal auf zwei Rädern nach Bundesbern. In ein Flugzeug dagegen sei er während 17 Jahren nicht gestiegen. Auch der Umwelt zuliebe, vor allem aber der Gesundheit wegen. Bis vor einem Jahr, als er Bundesrat Schneider-Ammann nach China begleitete. Auch in Davos stieg er nach dem Swiss Personality Dinner in die Rhätische Bahn. Vom WEF ging es über Chur, Landquart und Basel weiter nach Strasbourg. Fünfeinhalb Stunden war er dafür unterwegs.

Klimastreik in der 
ganzen Schweiz

Zum vierten Mal findet morgen Samstag in St. Gallen ein Klimastreik statt. Zeitgleich gehen die Jugendlichen in Zürich, Luzern, Bellinzona, Solothurn, Freiburg und Neuenburg auf die Strasse. Während die vergangenen beiden Streiks jeweils während der Schulzeit stattfanden, findet die Kundgebung zum ersten Mal an einem Samstag statt. Damit sollen gemäss Organisatoren auch Lehrlinge oder Arbeitstätige jeden Alters angesprochen werden.

Zuletzt demonstrierten die Jugendlichen in St. Gallen am 18. Januar. Federführend waren die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule am Burggraben, vereinzelt wurden sie von Altersgenossen anderer Mittelschulen aus St. Gallen, Wattwil oder Heerbrugg unterstützt. Dem Streik vorausgegangen war eine Debatte rund um das Absenzenwesen, nachdem das Bildungsdepartement des Kantons entschieden hatte, die Teilnahme am Streik mit einer unentschuldigten Absenz zu ahnden. Die Streikenden riskierten damit einen Eintrag im Zeugnis. Dennoch zogen schliesslich rund 350 Personen durch die St. Galler Innenstadt – gleich viele waren es eine Woche zuvor. Den Jugendlichen schlossen sich Passanten und Politiker aus dem linken Lager an. Schweizweit gingen gemäss Mitteilung über 20000 Personen auf die Strasse.

Während sich die morgigen Demonstrationen auf die Schweiz beschränken, sollen Mitte März weltweit weitere folgen – unter anderem in Schweden, dem Heimatland der Aktivistin Greta Thunberg. Die 16-jährige Schülerin legte mit ihrer Rede an der UNO-Klimakonferenz in Polen den Grundstein für die weltweiten Schülerbewegungen. (nh)

Hinweis: Die Demonstranten versammeln sich morgen, 15 Uhr, auf dem Gallusplatz in St.Gallen