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Klimakrise – na und? Ostschweizer buchen immer häufiger Langstreckenflüge

Schüler streiken für eine verantwortungsvollere Klimapolitik, die sozialen Medien sind überflutet von besorgniserregenden Meldungen zur Klimaveränderung. Eine Umfrage in Ostschweizer Reisebüros zeigt aber, dass zunehmend Flugreisen gebucht werden – je weiter, desto lieber.
Christa Kamm-Sager
Fliegen ist günstig, weit weg fliegen ist billig. «Es gibt beim Fliegen keine Streckenrealität», sagt eine Reiseberaterin aus der Ostschweiz. (Bild: Getty)

Fliegen ist günstig, weit weg fliegen ist billig. «Es gibt beim Fliegen keine Streckenrealität», sagt eine Reiseberaterin aus der Ostschweiz. (Bild: Getty)

Ab Mitte Dezember bis März ist Hochbetrieb in den Ostschweizer Reisebüros. Jung und Alt planen die Ferien – schliesslich ist die Vorfreude die grösste Freude. Wird diese nun wegen der Schlagzeilen zur Klimaerwärmung gedämpft? Überlegen sich Herr und Frau Ostschweizer zweimal, ob sie in ein Flugzeug steigen?

Mehr Anfragen denn je für Ferndestinationen

«Ich merke gar nichts davon, dass Leute aus Klimaschutzgründen zurückhaltender sind mit Fliegen», sagt Claudia Lorenz vom Reisebüro Travel Life in Horn. «Wir haben mehr Anfragen denn je für Ferndestinationen wie Asien, Amerika und Afrika.» Der Mittelmeerraum sei dagegen eher weniger gefragt. Die Reiseberaterin kennt auch die Gründe dafür:

«Teilweise sind Flüge nach Asien in der Hauptsaison gleich teuer wie ein Flug ans Mittelmeer. Es gibt beim Fliegen keine Streckenrealität.»

Auch Peter Kast, Filialleiter von «Globetrotter» in St.Gallen, sagt es deutlich: «Ganz ehrlich: Wir spüren nichts davon, dass die Leute aus Umweltschutzgründen weniger fliegen.» Sobald es ans eigene Portemonnaie gehe, seien die Kosten der massgebende Entscheidungsfaktor. Er nennt ein Beispiel: «Ist ein Flug nach New York mit einem Zwischenstopp in Paris 150 Franken günstiger als ein Direktflug, buchen die Leute lieber den günstigeren Flug, obwohl eine Zwischenlandung deutlich mehr CO2 produziert.»

Das Bewusstsein bei den Kundinnen und Kunden für die Klima-Problematik sei zwar durchaus vorhanden, «aber sobald die Leute verzichten müssen, wird es schwierig.» Kast nimmt deutliche Worte in den Mund:

«Es ist eine Schweinerei, dass Fliegen so billig ist. Die Preise sind weit weg von der Realität.»

Ein Flug nach New York und zurück sei beispielsweise derzeit für rund 500 Franken zu haben. Die Airlines würden davon profitieren, dass es keine Steuer auf Kerosin gebe. Man müsste die Politik oder die Airlines in die Pflicht nehmen. Zudem sei das Angebot auf dem Flugmarkt einfach riesig.

Zwei- bis dreimal pro Jahr weit weg fliegen

Das Reisebüro STA Travel hat sein Angebot spezialisiert auf Studenten und jüngere Reisende. Auch hier ist der Tenor der Gleiche: «Wir spüren keine Veränderung im Buchungsverhalten von Flugreisen. Noch immer gibt es sehr viele Kunden, die per Flugzeug verreisen möchten», sagt Abteilungsleiterin Nadine Perret. Im europäischen Raum komme es hie und da vor, dass sich Kunden gegen eine Flugreise entscheiden, wenn es ein gutes Bahnangebot für die gleiche Strecke gebe. Bei Reisen innerhalb eines Landes sei eine leicht stärkere Tendenz zu Zug und Bus statt Flug festzustellen.

Auch Claudia Lorenz vom Horner Reisebüro doppelt nach: Gerade junge Reisende würden zum Teil zwei- bis dreimal pro Jahr weit weg fliegen, weil die Flüge derart günstig seien. Auffällig sei, dass wegen des heissen Sommers im letzten Jahr eher wenig für die Sommermonate gebucht werde, dafür seien Frühling und Herbst stark nachgefragt.

«Sobald Leute verzichten müssen, wird es schwierig»

Wer fliegt, kann freiwillig eine CO2-Kompensation bezahlen. Claudia Lorenz spürt durchaus, dass Kundinnen und Kunden dem Thema Klimaschutz gegenüber sensibilisiert seien. «Viele fragen von sich aus nach einer CO2-Kompensation.»

Es sei eher die Ausnahme als die Regel, dass Leute von sich aus nach einer CO2-Kompensation fragen würden oder eher ans Mittelmeer als nach Asien fliegen, sagt hingegen Peter Kast von «Globetrotter».

«Die Kunden machen sich bereits bevor sie zu uns ins Reisebüro kommen Gedanken über die CO2-Thematik. Daher wird während der Reiseberatung eher selten darüber gesprochen», sagt auch Nadine Perret von STA-Travel.

Besonders beliebt seien in diesem Jahr Reisen in die USA, Kanada, Afrika und Asien, haben die Ostschweizer Reiseberater einhellig festgestellt.

«Freiwilligkeit bei der CO2-Abgabe ist fragwürdig»

«Beim Reisen prallen Anspruch und Wirklichkeit aufeinander», sagt Christian Laesser, Titularprofessor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St.Gallen. Nicht nur für Schweizer seien Reisen und Ferien quasi ein Grundrecht – in den Ferien mache man all das, was man sonst nicht mache. Die Klima-streikenden Kantischüler, die überspitzt formuliert dann per Flugzeug auf ihre Maturareise gehen, seien dafür ein illustres Beispiel. Es sei nichts als konsequent, wenn jetzt das erste Gymnasium in Zürich Maturareisen per Flugzeug verbiete. «Es ist immer einfacher, wenn solche Fragen nicht individuell geregelt, sondern im Kollektiv entschieden werden und man sich so das vermeintliche Opfer teilen kann», so Laesser.

Er sehe zudem keinen Grund, weshalb man die freiwillige CO2-Kompensation nicht obligatorisch einführe. «Die Freiwilligkeit erachte ich als wenig zielführend, trotz meiner freiheitlichen Denkweise.»

Eine der effizientesten Massnahmen, das Fliegen verhältnismässiger zu gestalten, wäre es, die Kernemissionen auf mehr Tage zu verteilen. Ein Wochenendtrip nach New York sei im Verhältnis viel schädlicher, als wenn jemand eine Woche bleibt - oder besser noch länger. Aber das Zeitbudget sei heute für viele massgebender als das Geldbudget.

Der Durchschnittsschweizer fliege extrem viel im Vergleich zu Menschen in anderen Ländern. Allerdings müsse man bedenken, dass der Luftverkehr «nur» 10 bis 12 Prozent aller CO2-Emissionen weltweit ausmache und modernere Triebwerke heute deutlich besser abschneiden würden.

«Alle wollen Tourismus, wir alle wollen reisen, und viele Länder brauchen den Tourismus für ihre wirtschaftliche Entwicklung», so der Tourismusfachmann. Er warne deshalb vor ideologischen Diskussionen. «Es gibt keinen nachhaltigen Tourismus; Mobilität ist eine notwendige Bedingung für Tourismus. Man kann höchstens Emissionen reduzieren.» Die nachhaltigste Reise sei eine Städtereise per Zug. Die Energie komme dabei im besten Fall aus erneuerbaren Ressourcen. Und in einer Stadt muss nicht extra eine touristische Infrastruktur geschaffen werden. (chs)

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