Kleiner Wortschatz, Manko an Blickkontakt und Wahrnehmungsstörungen: Schon Kleinkinder verbringen heute viel Zeit am Smartphone

Die Kleinsten wischen auf Tablets. Grössere Kinder können sich die Welt ohne Smartphone nicht mehr vorstellen. Die Neuen Medien fordern Eltern heraus.

Ursula Wegstein
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Schon Kleinkinder verbringen heute viel Zeit mit digitalen Geräten wie Smartphones oder Tablets. (Bild: Gaetan Bally)

Schon Kleinkinder verbringen heute viel Zeit mit digitalen Geräten wie Smartphones oder Tablets. (Bild: Gaetan Bally)

Im Eiltempo hat der technologische Fortschritt alle Lebensbereiche erfasst. Auch die Kindheit. Einerseits sind Handy, Tablet und Co. eine Bereicherung. Andererseits eine Herausforderung: Die Kinder von heute müssen den angemessenen Umgang mit digitalen Geräten von klein auf erlernen. Eine Umfrage bei Fachstellen in der Ostschweiz zeigt besorgniserregende Tendenzen: Es gibt immer mehr Kinder mit viel zu kleinem Wortschatz. Oder Kinder, die mit dem Finger auf ein Fenster tippen und denken, es würde sich öffnen. Oder Kinder, die ein Buch nicht umblätterten, sondern die typische Wischbewegung machten.

«Immer häufiger sind Kinder nicht mehr mit der Wirklichkeit in Verbindung», sagt Maria Luisa Nüesch, die über 40 Jahre als Kindergärtnerin und Leiterin von Eltern-Kind-Gruppen tätig war. Das beginne schon in den ersten Lebensstunden. Bereits bei der Geburt, oder beim Stillen seien Mütter von Smartphone abgelenkt. «Viele Mütter können nicht bei sich sein», sagt Nüesch. Ihr fällt auf, dass Kinder ein Manko an Blickkontakt hätten, unzufrieden und unruhig seien. Dann drückten Babys und Kleinkinder ihr Unbehagen mit Weinen aus.

«Eine künstlich heile Welt nützt der Entwicklung nicht»

Vor allem aber könnten viele Kinder nicht mehr von sich aus vertieft spielen. Die Diagnosen lauten: Spieldefizitsyndrom oder intermodale Wahrnehmungsstörung. Für eine Mutter sei ein unzufriedenes Kind oft schwer zu ertragen, darum sei die Versuchung gross, das Kind mittels elektronischer Medien abzulenken. So verstärke sich der Teufelskreis. Auch nach der neuesten Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollten Kinder unter zwei Jahren gar nicht vor Bildschirmen sein.

Doch pauschal alles zu verteufeln, sei auch nicht förderlich, findet Margot Vogelsanger, Leitung Schulpsychologie Kanton Appenzell Ausserrhoden. «Alles ist eine Frage des Masses. Das ist mit dem Smartphone nicht anders, wie mit Schoggi oder Chips». Dass auch ein zweijähriges Kind Fotos auf einem Tablet ansehe und dabei Freude am Wischen habe, sei völlig in Ordnung. Das sei wie ein Bilderbuch anschauen, solange das Gerät das Bilderbuch nicht ersetze.

Umgang mit digitalen Geräten lernen

«Mit dem Erklären der Strassenregeln beginne ich auch nicht erst, wenn mein Kind ein Velo bekommt», sagt Vogelsanger. Wichtig sei, dass einer Familie ein bewusster Umgang mit digitalen Geräten gelinge. Das sei ein Lernprozess in kleinen Schritten. Dafür brauche es allerdings eine klare Haltung der Eltern.

«Wenn eine Mutter mit ihrem Kind im Sandkasten spielt, am Schluss ein Foto für Papa macht, und dann dem Kind zeigt, was er zurückgeschrieben hat, ist das gut so.»

Es mache keinen Sinn, künstlich eine heile Welt schaffen zu wollen, das nütze der Entwicklung nicht. «Elternsein lernt man nirgends», sagt sie. Das werde immer vorausgesetzt. «Darum sollten Eltern sich nicht scheuen, auch einmal eine Erziehungsberatung in Anspruch zu nehmen», sagt Vogelsanger. Im besten Fall nicht erst, wenn das Haus schon brenne.

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