Kleine Region will gross hinaus

Kulturlandschaft, Naturschutz-Gebiete, Kureinrichtungen und fangfrischer Fisch: Touristiker wollen mit neuen Strategien das angestaubte Image am Untersee abschütteln. Geworben wird unter dem Begriff «Die feine Ecke des Bodensees».

Gerhard Herr
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Den Touristikern, Hoteliers und Gastronomen am Bodensee ist nicht erst zum Ende der wegen anhaltender Regenfälle regelrecht ins Wasser gefallenen Hauptsaison deutlich geworden, was moderne Feriengäste vom Bodensee erwarten. Die Gäste sind heute – in Zeiten des Internets – bestens über ihr Ferienziel informiert. Sie bleiben am Untersee überwiegend nur ein paar Tage in ihrem Hotel oder dem Pensionszimmer.

Die wenigsten davon sind noch Langzeit-Feriengäste mit drei bis vier Wochen Aufenthaltsdauer an einem Ort. Und langfristig im voraus buchen, wie noch lange vor der Wirtschaftskrise, ist auch nicht mehr angesagt. Dafür, so die Vorsitzende des Tourismus Untersee e.V. und Stuttgarter Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer, hat sich Deutschland und damit auch der Bodensee seit dem 11. September 2001 zunehmend zu einer attraktiven Destination entwickelt.

Dann wieder stellt sie fest: «Der Gast entscheidet heute zwischen Malediven und Untersee, er ist eben sehr anspruchsvoll geworden.»

«Welt hat sich weitergedreht»

Zuletzt 1998 hat der wieder frisch gegründete, grenzüberschreitende Verein, in dem 14 Gemeinden von Radolfzell über die Insel Reichenau bis hin zu Steckborn und Stein am Rhein zusammengeschlossen sind, ein erstes Leitbild entworfen.

«Die Welt hat sich weitergedreht, die Gäste haben andere Vorlieben», nennt Fezer als Gründe, jetzt neue Perspektiven und Ziele zu suchen. Damit soll der Untersee endlich aus seinem Schattendasein als verträumte Region mit kläglicher Infrastruktur und vielen Pensionen herauskommen.

Um in Workshops und mit den Verantwortlichen der Region, aber auch mit den Kommunen entsprechende Ziele zu erarbeiten und Probleme zu lösen, wurden allein 860 Fragebögen an Kommunalpolitiker oder Gastronomen verschickt und ausgewertet.

«Best Agers» im Visier

In der eher kleinräumigen und mit vielen Naturschutzgebieten gesegneten Region sollen die Übernachtungszahlen erhöht und der qualitativ hochwertige Tagestourist, aber auch derjenige, der Ferien am Wasser liebt, angelockt werden. Besonders hohe Bedeutung haben dabei die so genannten «Best Agers», die 50- bis 70-Jährigen, die zu allen Jahreszeiten unterwegs sind, die Aktivferien-Gäste, Familien mit Kindern, Natur- und Kulturfreunde sowie Singles.

Die Klientel soll zwei bis vier Stunden Anreisezeit haben. Dazu gehören der Raum Zürich, die Ostschweiz, Baden-Württemberg, Bayern und Ostfrankreich. Die weiter entfernte Region soll eher der Marktbearbeitung der Internationalen Bodensee Tourismus GmbH überlassen bleiben. «Die Region steht nicht für Motorsport und Riesenspassbäder», sagt Fezer mit Seitenhieb auf Friedrichshafen, wo sich gerade eine Oldtimermesse als motorsportliches Grossevent etabliert hat, oder auf die Thermalbäder von Konstanz, Überlingen und Meersburg.

Ausserdem soll die Saison auf Frühjahr und Herbst ausgeweitet werden. Doch auch das ist nichts wirklich Neues. Nachholbedarf besteht indes in der Qualitätsverbesserung des Service oder in der gezielteren Zusammenarbeit unter den Kommunen. «An einem Strang ziehen» ist künftig, zumindest in dem umfangreichen Studienpapier mit dem Titel «Fit für die Zukunft», vorgegeben. Unter Imagekorrektur steht dort auch: «Weg von etwas verschlafen».

Jeder ein Botschafter der Region

«Früher hat für die meisten Gäste der Bodensee doch an der Rheinbrücke von Konstanz aufgehört», bringt es die im malerischen deutschen Untersee-Dörfchen Gaienhofen residierende Vereinsgeschäftsführerin Lucia Kamp auf den Punkt. Jetzt will man am Untersee vor allem mit Service und der Landschaft, dem auf deutscher und Schweizer Seite perfekten Radweg-Netz, den Wassersport- und Kurangeboten punkten.

«Unser Ziel ist, dass jedes Produkt und jeder Beschäftigte im Tourismus zum Botschafter der Region wird.»

Zu möglichen Botschaftern zählt sie die Bernina-Nähmaschinen aus Steckborn genauso wie die Unterwäsche des sich wirtschaftlich gerade neu aufstellenden Radolfzeller Herstellers Schiesser. Und: Die Servicekraft im Restaurant soll genauso zu den Geheimnissen und Sehenswürdigkeiten des Untersees, der Unesco-Weltkulturerbe-Stätte Insel Reichenau, das Otto-Dix-Hauses in Hemmenhofen oder zu den 30 Museen geschult werden wie der Rezeptionist.

Der Tourismus-Motor

Schliesslich ist der Tourismus in der von wenigen grossen Hotels, wenig Industrie, dafür aber vielen mittelständischen Unternehmen geprägten Region am Ende des westlichen Bodensees einer der bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren. Am Untersee gibt es rund 600 Anbieter von Übernachtungsmöglichkeiten. Darunter sind 80 Hotels und Gasthöfe, 450 Ferienwohnungen, 50 Privatzimmervermieter und 20 Campingplätze.

Während im vergangenen Jahr dort 1,4 Millionen Übernachtungen registriert wurden, waren es im gesamten Bodenseeraum elf Millionen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste am Untersee beträgt fünf Tage, am Bodensee nur noch 3,5 Tage.

Unter die drei Besten

Mit der Vielfalt der Landschaft und der in den letzten Jahren über die Grenzen hinaus in die Schweiz gewachsenen Einheit soll jetzt als «die feine Ecke des Bodensees» um mehr Gäste geworben werden.

«Wir wollen in Zukunft zu den drei Besten am See gehören, welche immer das sind», gibt Isabel Fezer vor. Ihre Geschäftsführerin Kamp wird konkreter: «Wir wollen besser sein als Konstanz, Friedrichshafen oder Meersburg – warum nicht?»

Der jährliche Etat dafür ist mit bis zu 280 000 Euro, gemessen an der Investition der Konkurrenten, eher bescheiden, sagt Lucia Kamp.

Kulturlandschaft am Untersee – oben Blick vom Seerücken zur Insel Reichenau – sowie die malerischen Dörfer Mammern und Gottlieben. (Bilder: Herbert Haltmeier/Coralie Wenger/Reto Martin)

Kulturlandschaft am Untersee – oben Blick vom Seerücken zur Insel Reichenau – sowie die malerischen Dörfer Mammern und Gottlieben. (Bilder: Herbert Haltmeier/Coralie Wenger/Reto Martin)

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