Kleine Leute, grosse Wirkung

Stefan Keller hat seine Serien mit Bildgeschichten im «Saiten» und in der «Wochenzeitung» in ein schönes Buch gepackt. Viele der «66 wahren Geschichten» aus dem historischen Alltag spielen an Ostschweizer Schauplätzen.

Marcel Elsener
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Arthur Uehlinger, Forstmeister und Umweltschutzbegründer, am Rheinfall, 1954.

Arthur Uehlinger, Forstmeister und Umweltschutzbegründer, am Rheinfall, 1954.

Sie heissen Martheli, Fräulein Walder, Seppetoni, Pedersoli oder Herr Lüthi, ihre Geschichten spielen in Birwinken, Oberegg oder Andwil. Es sind sogenannt kleine Leute, Bäuerinnen und Bauern, Arbeiterinnen und Arbeiter, aber nicht in jedem Fall: Fräulein Walder zum Beispiel, die gerne Medizin studiert hätte, aber als junge Frau um 1910 noch nicht in die Kantonsschule durfte, Anna Walder (1894–1986) wurde Berufsberaterin und Vorkämpferin für die Rechte der Frau.

Walders Geschichte bringt Stefan Keller vorne im Buch «Bildlegenden», und sie zeigt vorzüglich, was der im Thurgau aufgewachsene Historiker in seinen «66 wahren Geschichten» (Untertitel) erzählt und wie persönlich es geprägt ist. Erstmals in seinem Schaffen spricht der Autor von «Grüningers Fall» oder «Zeit der Fabriken» auch von sich; von seiner Familie, seiner Herkunft, seinem ersten Milieu. Fräulein Walder, die im Foto des Wiler Fotografen Karl Dörr als Mädchen an der Seite von zwei Buben zu sehen ist, sass Keller in dessen Bubenjahren «ein langes Leben später» gegenüber am Stubentisch: «als eindrückliche alte Dame, die mit grösstem Respekt behandelt und als Fräulein angesprochen wurde.» Der Respekt, auch in der Bildgeschichte, gilt einer «feministischen Karriere auf dem Land», die in der «Zentralstelle für weibliche Berufsberatung» gipfelt und wiederum die Kellers beeinflusst: «Meine Mutter lernte deshalb Gärtnerin.» Mutters Leidenschaft steckte die Kinder an – aha, daher hat Stefan Keller den grünen Daumen, denken sich da seine vielen Facebook-Freunde, die oft genug über seine Pflanzenfotofreuden staunen. Sonst pflegt der Historiker ja den von Momentsofortbildli überfluteten virtuellen Austauschkanal mit historischen Aufnahmen rückwärts zu beleben, und just die liegen diesem Buch zu Grunde: Den Anstoss zur Retro-Serie gab «Saiten»-Redaktor Peter Surber, der Keller aufgrund seiner rätselhaften Facebook-Einträge vorschlug, im Heft monatlich eine erklärende Bildgeschichte zu schreiben. Die seit April 2013 laufende – und längst nicht endende – Serie liefert den einen Strang der vorliegenden «Legenden»; der andere sind die gleichzeitig in der WOZ publizierten Unterschriften zu «Bildern des Widerstands».

Letztere sind wesentlich kürzer, die Beschreibung streng auf 400 Zeichen, also zwei, drei Sätze verdichtet, während die andere Hälfte jeweils fünfmal so lang ist und auf 2000 Zeichen knappe, aber runde Geschichten und sogar kleine Abschweifungen zulässt. Beiden Strängen gemeinsam sind die nicht erfundenen, sondern «wahren», recherchierten oder selbst erlebten Geschichten; die längeren aus «Saiten» spielen grösstenteils an Schauplätzen im Bodenseeraum. Dass hier auch Widerstandsgeschichten möglich sind, bezeugen Beispiele aus jener Serie – wie die Sitzblockade 1990 gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen.

Die meisten Bilder stammen aus Stefan Kellers eigenem Archiv; er hat sie gesammelt, in Brockenhäusern oder an Internet-Auktionen, «nicht wie ein Sammler, sondern immer auf der Suche nach guten Bildern und Geschichten», wie er sagt. Selbstverständlich gehen die Arbeiten in der Zürcher Bürowerkstatt des journalistisch tätigen Historikers ineinander über: In einigen Fällen knüpfen die Bildgeschichten an Episoden an, die in Kellers Büchern vorkamen – klar, dass etwa Arbon, «Boomtown» der Fabriken und regionale Hauptstadt des Sozialismus, mehrfach Erwähnung findet. Andere Anekdoten dürften demnächst im Buch auftauchen, an dem er derzeit arbeitet: die Wirtschaftsgeschichte des Kantons Thurgau, erzählt über die letzten 200 Jahre und gezielt auch von unten. «Dem Leser soll klar werden, was die Menschen bewegt hat, als etwa eine Hungersnot wütete oder Kinderarbeit in der Textilindustrie üblich war», hat Keller zu seinem Ansatz gesagt. Und: «Meine Arbeitsmethode besteht darin, lokale Ereignisse so lange zu betrachten, bis ich die Weltgeschichte darin erkenne.»

Bergarbeiter in Wittenbach und Kleinwüchsige in Oberegg

Episoden der Weltgeschichte in Gottlieben (Schloss) oder Ramsen (Gasthaus Moskau) festzumachen, darin ist Stefan Keller ein Meister. Und als Erzähler auch der knappsten Form ein Könner, der, stets engagiert für die kleinen Leute, auf pathetische Schlusspointen ebenso verzichtet wie auf den moralinsauren Zeigefinger. Umso berührender die erzählten Lebensgeschichten, beispielsweise des jungen italienischen Mineurs Giovanni Pedersoli, der 1909 beim Bau des Bruggwaldtunnels verschüttet wurde und wundersam überlebte, derweil sieben seiner Kumpel umkamen – an ihre Namen erinnert im Bahnhof Wittenbach ein Stein. Und Herr Lüthi? Der «hatte einen schweren Job», als Obstbauberater, dem es gelang, in 45 Jahren mehr als 600 000 Thurgauer Hochstammbäume zu fällen; die Zerstörung der Streuobstwiesen erzählt Keller anhand einer Postkarte mit Oberthurgauer Seedörfern. Den lakonischen Humor setzt der Autor immer dort treffend ein, wo es Machtverhältnisse zu entlarven gilt. Schelmisch freut er sich mit Seppetoni Bischofberger, einem von sieben kleinwüchsigen Menschen, die in Oberegg lebten, wie der einmal einem respektlosen Touristen zurückgab: «Zwei Franken, wenn er ihm am Füdle bloose könne, ohne sich zu bücken.»

Manchmal tut das Understatement weh: Die brillanten Nachrufe auf den Maler Anton Bernhardsgrütter und den Mechaniker Hans Widmer verlangen nach ganzen Büchern, oder wenigstens Zeitungsseiten. «Keiner hat mir so viele Geschichten erzählt», schreibt Keller über seinen langjährigsten Freund Widmer. Wie viele Geschichten der zuhörende Historiker auf Seiten der «kleinen Leute» noch erzählen könnte! «Schon als Bub haben mir alle ständig Geschichten erzählt. Jetzt erzähle ich weiter, was ich weiss. Die Bilder helfen mir bei der Erinnerung.» Stefan Kellers Buch ist das denkbar schönste «Facebook», das man sich als Geschenk zu Weihnachten vorstellen kann. Und zwar für alle, nicht nur für die Tanten im Thurgau.

Bildlegenden. 66 wahre Geschichten. 67 Abbildungen. 144 Seiten. Rotpunktverlag Zürich, 2016. 29 Franken. Buchvorstellungen: Di, 25. Oktober, 20.15 Uhr, mit Peter Surber (Saiten), Palace St.Gallen; Mi, 2. November, 19.30 Uhr, Kantonsbibliothek Thurgau, Frauenfeld

Die streikenden Heine-Arbeiter auf dem Arboner Sternenplatz, Postkarte von 1904.

Die streikenden Heine-Arbeiter auf dem Arboner Sternenplatz, Postkarte von 1904.

Rettung des Arbeiters Pedersoli (nicht Petresoli oder Pietrosoli), Bruggwaldtunnel, 1909.

Rettung des Arbeiters Pedersoli (nicht Petresoli oder Pietrosoli), Bruggwaldtunnel, 1909.

Die Geschwister Bischofberger in Oberegg. (Bilder: «Bildlegenden»/ Rotpunktverlag/ Archiv Stefan Keller)

Die Geschwister Bischofberger in Oberegg. (Bilder: «Bildlegenden»/ Rotpunktverlag/ Archiv Stefan Keller)