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KLEIDUNG: Senegalesen lieben St.Galler Stickereien

Die traditionsreiche Ostschweizer Textilstadt trifft auf den modebewussten Senegal: Stoffe, die in St.Gallen entworfen wurden, trägt man wenig später an einer Taufe oder Hochzeit in Dakar. Einzelne St.Galler Firmen setzen bereits ganz auf den afrikanischen Markt.
Katja Müller, Dakar
Gefragte Textilien: Eine Frau in Dakar probiert ein Kleid aus St. Galler Stoff an. (Bild: Katja Müller (Dakar, 29. Januar 2018))

Gefragte Textilien: Eine Frau in Dakar probiert ein Kleid aus St. Galler Stoff an. (Bild: Katja Müller (Dakar, 29. Januar 2018))

Katja Müller, Dakar

ostschweiz@tagblatt.ch

Im Wohnzimmer von Yacine Diakhate in der senegalesischen Hauptstadt Dakar hält ein Stück St.Gallen Einzug. An einer Stange hängen Kleider, unter anderem ein weisses mit feinen Stickereien, importiert direkt aus der Ostschweiz. Der Stoff eines anderen Kleids, ein üppiges Blumenmuster, wurde ebenfalls in der Gallusstadt kreiert. Yacine Diakhate ist Schneiderin und kauft seit über 15 Jahren ihre Stoffe in der Ostschweiz ein. Sie arbeitet zu Hause, ein Zimmer ist zu einem Atelier mit drei Nähmaschinen umfunktioniert. Vier Angestellte beschäftigt sie mittlerweile.

Vor kurzem tauschte Yacine Diakhate die Wärme und die staubigen Strassen Dakars mit der kalten, verschneiten Schweiz. Für eine Woche reiste sie in die Ostschweiz und nach Österreich, um sich die neusten Kreationen anzusehen. Diese Tour unternimmt sie ein- bis zweimal pro Jahr. Normalerweise wird von Afrika in die Schweiz importiert, hier ist es für einmal umgekehrt. St. Galler Stoffe sind nicht nur im Senegal, sondern in ganz Westafrika beliebt. Die traditionsreiche Textilstadt trifft auf eine Region, die schöne Kleider schätzt.

Fast täglich reisen Westafrikaner in die Ostschweiz, auf der Suche nach den elegantesten Kreationen. Für viele St.Galler Textilunternehmen ist der afri­kanische Markt zwar noch klein. Sie hoffen aber, expandieren zu können. Laut dem Schweizerischen Textilverband gewinnt der Absatz südlich der Sahara ­zunehmend an Bedeutung. Einzelne St.Galler Firmen haben schon ganz auf Afrika gesetzt. Okutex etwa macht einen grossen Teil des Umsatzes auf dem Kontinent, insbesondere in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land – eine lukra­tive Nische im umkämpften Textilmarkt. Das Geschäft begann vor 30 Jahren mit einem nigerianischen Kunden und hat sich mittlerweile auf mehrere Länder in Westafrika ausgedehnt.

Nicht nur für die Oberschicht

Johanna Rittmeyer, eine Schweizer Modedesignerin mit St.Galler Wurzeln, wohnt seit über 30 Jahren im Senegal. St.Galler Stoffe und Stickereien würden schon seit Jahrzehnten im Senegal getragen. «Sie sind der Inbegriff von Luxus und Exklusivität», sagt sie. Allerdings hat die Qualität ihren Preis. Die Textilien sind so teuer, dass sie sich nur die Oberschicht leisten kann. Aber wie oft in Afri­ka wird vieles geteilt. Die Besitzer geben die Kleider weiter an Verwandte oder Angestellte. «So lange der letzte Faden hält, zieht sie jemand an», sagt Johanna Rittmeyer. So profitieren auch Menschen davon, die solche Stoffe nicht kaufen könnten.

Für Yacine Diakhate ist klar, weshalb die Ostschweizer Produkte seit langem so beliebt sind. Die Qualität sei hervorragend, die Stickereien elegant und raffiniert gemacht. Zu ihren Kundinnen gehören Geschäftsfrauen und Politikerinnen. Gerade holt eine von ihnen ihr Kleid ab. Sie wird es am nächsten Fest tragen. «Ich liebe alles Schöne und dazu gehören diese Stoffe», sagt sie und verschwindet zur Anprobe hinter einem Holzparavent.

Senegalesische Kleider sind weit und brauchen viel Stoff, was für die Ostschweizer Lieferanten interessant ist. Während man für eine Bluse in der Schweiz 1,5 Meter benötigt, verarbeitet man im Senegal 4,6 Meter für ein Kleid. Besonders beliebt sind bestickte und bedruckte Stoffe mit fröhlichen, aber raffinierten Farben. Der Geschmack ist aus Schweizer Sicht konservativ. Während in der Schweiz Spitzen lange Zeit nicht mehr gefragt waren, fanden sie in Afrika stets Abnehmer. Den Textilunternehmen kommt entgegen, dass die traditionelle Mode wieder wichtiger geworden ist. Wie Johanna Rittmeyer erzählt, trugen Senegalesen oft nur an Feiertagen afrikanische Kleidung. Nun ziehen Männer zur Arbeit häufig wieder einen sogenannten Boubou an, die Frauen weite Gewänder.

Mode ist im Senegal und generell in Westafrika von grosser Bedeutung. Wer keinen Wert auf sein Äusseres legt, gilt als unanständig. Sich schön anzuziehen ist ein Ausdruck von Würde. Man trotzt damit den Widrigkeiten des oft harten Alltags. Auch wenn sie wenig Geld haben, lieben Senegalesen den grossen Auftritt. Kleider sind ein Zeichen von Prestige, man repräsentiert damit seinen Stand.

Lieferanten orientieren sich an islamischen Feiertagen

Im Unterschied zur Schweiz stehen im Senegal nicht berühmte Marken oder Designer im Zentrum, sondern die Stoffe. Es existieren kaum grossen Laden­ketten. Dafür gibt es unzählige kleine Schneiderateliers – allein in Dakar sollen es 20'000 sein. Dort lassen sich die Leute ihre Garderobe nähen. Je nach Einkommen aus günstigen oder teuren Textilien. Ganz im Gegensatz zu Europa sind Konfektionen nach Mass billiger als Mode ab der Stange.

Es ist Tradition, dass sich Senegalesen zu jedem Fest, sei es eine Hochzeit, eine Taufe oder ein islamischer Feiertag, ein neues Outfit nähen lassen. Deshalb führen einige St.Galler Lieferanten ihre Agenda nach den islamischen Feiertagen. «Kurz vor Beginn des Ramadans oder vor dem Opferfest ist die Nachfrage gross, dann sollten die neusten Designs fertig sein», sagt Matthias Heé, Geschäftsführer von Okutex.

Zu diesen Anlässen muss alles stimmen. Frauen verbringen den halben Tag beim Coiffeur, es wird nicht an Schminke und Accessoires gespart. Der Kopfschmuck ist aus dem gleichen Stoff wie der Jupe und das Oberteil, Handtasche und hohe Schuhe passen perfekt. Es glitzert und glänzt, wo man hinschaut. Mit einem eleganten St.Galler Stoff steht man schnell im Mittelpunkt.

Der Erfolg der St.Galler Stoffe bringt allerdings Nachteile mit sich. Konkurrenten aus China, Indien oder der Türkei kopieren die Stoffe und verkaufen sie günstiger. Das setzt die St.Galler Textilfirmen unter Druck. Laut Matthias Heé können sie ihm nur begegnen, indem immer wieder Neuheiten auf den Markt bringen und sich ständig verbessern.

Für Kunden ist es schwierig zu erkennen, welche Stoffe echt sind, für Experten nicht. «Ich nehme den Stoff in die Hand und weiss, ob es sich um Schweizer Qualität oder ein billiges Imitat handelt», sagt Yacine Diakhate. Sie verwendet nur Originale und zeigt auf eine grosse Holztruhe in ihrem Wohnzimmer. Hier lagert säuberlich verpackt ihr wertvolles Arbeitsmaterial.

Bild: jbr

Bild: jbr

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