Stalkingfall vor dem Bezirksgericht Frauenfeld: «Der Terror gilt eigentlich meiner Mutter»

Nicht das erste Mal steht der als politischer Flüchtling anerkannte Kurde vor Gericht. Er streitet alles ab und behauptet, der Kläger würde ihn nicht in Ruhe lassen.

Christof Lampart
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Das Bezirksgericht Frauenfeld an der Zürcherstrasse.

Das Bezirksgericht Frauenfeld an der Zürcherstrasse.

Reto Martin

Der Beklagte, der sich wegen Persönlichkeitsschutz und der Missachtung eines Kontakt- und Annäherungsverbots zu verantworten hatte, war nicht im kleinen Gerichtssaal des Bezirksgerichts Frauenfeld zugegen. Dort, wo sich neben der Richterin, dem Klägeranwalt und dem Pflichtverteidiger auch der Kläger versammelt hatte, blieb ein Platz frei.

Aus gutem Grund: Der Kläger, ein 38-jähriger Mann aus Frauenfeld, hatte erfolgreich beantragt, dass er sich nicht im gleichen Raum wie der Mann, der ihn stalke, aufhalten müsse. Er sei mit den Nerven völlig am Ende und wolle ihm nicht über den Weg laufen. So musste der Beklagte im Beisein einer Dolmetscherin bei der Befragung des Klägers in einem anderen Raum Platz nehmen, wohin die Verhandlung live übertragen wurde. Erst zur eigenen Befragung, als der Kläger schon wieder das Gericht verlassen hatte, wechselte der Beklagte in den Gerichtssaal.

21 Fälle zählt der Kläger auf: «Nur die Spitze des Eisberges»

Der Kläger listete 21 Fälle auf, in denen er vom Kurden, der einst der Geliebte seiner Mutter gewesen sei, gestalkt worden sei; doch sei das «nur die Spitze des Eisberges». Über das normale, tägliche Stalking habe er längst nicht alles aufgeschrieben.

Der Kläger machte zu Beginn deutlich, dass eigentlich nicht er das wahre Opfer sei, sondern seine Mutter. Diese habe der Mann jahrelang gestalkt, bis sie ein Kontakt- und Annäherungsverbot gegen ihn erwirkt hat. Der Kläger sagt: Seitdem habe er seine Mutter nicht mehr kontaktieren können und sei auf ihn ausgewichen: «Der Terror gilt also eigentlich nicht mir, sondern meiner Mutter». 

Das Stalking habe im Herbst 2017 begonnen. Der Kurde habe den Mann an verschiedenen Orten in Frauenfeld unvermittelt angesprochen, habe vor der Wohnung auf ihn gewartet oder mitten in der Nacht an der Wohnungstür Sturm geläutet.

«Er hat nichts verheimlicht.
Er wollte ja, dass ich ihn sehe».

Auch nach der Verhängung einer Kontaktsperre habe das Stalking nicht aufgehört – der Kurde habe nun sein Tun an den Bahnhof Frauenfeld verlagert, im Wissen, dass der Kläger sich regelmässig dort aufhielt oder den Zug nahm. «Er hat sich dann drei Meter von mir entfernt auf eine Bank gesetzt und mich mit Blicken fixiert». Ab und an sei der Beklagte in denselben Zug eingestiegen und am selben Ort wie der Kläger ausgestiegen. Für ihn ist somit klar: «Im Regionalzug hat er sicher nicht den Sicherheitsabstand von 100 Meter eingehalten».

Die Konsequenzen aus der Nichtbeachtung des Kontakt- und Annäherungsverbots seien für das Opfer traumatisch gewesen. «Ich habe ständig in grosser Angst gelebt, dass er mir etwas antun könnte, schliesslich hatte er mich zuvor schon einmal geschlagen. Und in einem Zug kann man nicht flüchten.» Am 23. Dezember 2019 am Bahnhof Winterthur habe der Kläger zwei Securitas-Leuten gemeldet, dass sein Verfolger aus demselben Zug ausgestiegen sei wie er.

«Da ist er gekommen und hat mir gesagt, dass er mich schlagen werde – und zwar mehr als nur einmal. Dafür habe ich Zeugen.»

Mit den Aussagen konfrontiert, stritt der als politischer Flüchtling anerkannte Kurde alles ab. Es verhalte sich genau umgekehrt. Vielmehr mache ihm der Kläger das Leben zur Hölle, indem er das Schreiben mit dem Kontakt- und Annäherungsverbot überall herumzeige, wo er sei. Somit könne er kein normales Leben mehr führen.

Auch der Beklagte beteuert: «Ich möchte, dass das aufhört».

Er wolle mit dem Kläger keinen Kontakt haben und versuche alles, um ihn nicht sehen zu müssen. Der Vorfall am Bahnhof Winterthur beschere ihm heute noch schlaflose Nächte, doch sei dies aus Verzweiflung heraus geschehen, denn «ich bin wegen des Schreibens, immer wieder in die Falle getappt, die er mir gestellt hat. Ich möchte, dass das aufhört. Aber ich denke, dass er mir mit dem Schreiben auch im Jahr 2020 noch viel Leid antun wird», so der Beklagte. Das Urteil steht noch aus.

Lange Vorgeschichte

(red) Der kurdische Flüchtling steht nicht zum ersten Mal vor Gericht. Es gab bereits Verhandlungen vor den Bezirksgerichten Weinfelden und Frauenfeld. Der Fall hat mit dazu geführt, dass die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog Vorstösse für mehr Opferschutz im Nationalrat eingereicht hat. 

STALKING: Unbelehrbare sollen in Haft

Die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog verlangt mit einer Motion, dass renitente Stalker härter bestraft werden – Bussen reichten nicht aus. Auch FDP- und CVP-Politiker unterstützen die Forderung.
Ida Sandl