Kindsmissbrauch wie Folter

Ein 40-Jähriger hat fünf Kinder missbraucht und war deswegen ein halbes Jahr in U-Haft. Vor dem Thurgauer Obergericht kämpft er gegen eine Rückversetzung in die Halbgefangenschaft.

Thomas Wunderlin
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FRAUENFELD. Um den Hals hat er einen Schal gewickelt, was den vierzigjährigen Frauenfelder verletzlich wirken lässt. Während der Verhandlung hält er den Blick meist gesenkt. Als Schlusswort erklärt er bloss, er schliesse sich den Ausführungen seines Verteidigers an.

Erhöhte Rückfallgefahr

Gemäss dem Bericht seines eigenen Psychiaters zeigt er sich bei der Aufarbeitung seiner Delikte nach wie vor «beschämt und weinerlich». Der vom Gericht bestellte Psychiater attestiert ihm eine «unreife Persönlichkeitsstörung» und hält die Gefahr weiterer sexueller Übergriffe auf Kinder für erhöht. Der Sohn einer ledigen Mutter, der seinen Vater nicht kennt, ist bei seinen Grosseltern aufgewachsen. Nach einer KV-Lehre arbeitete er sich zum Einkaufsleiter hoch. Die gutbezahlte Stelle verlor er nach seiner Verhaftung Ende 2012.

Seit 2007 hatte er sich in seiner Wohnung immer wieder an vier Buben und einem Mädchen im Alter zwischen drei und elf Jahren vergangen. Zugleich fotografierte und filmte er ihren Genitalbereich ausgiebig, was die Beweisführung erleichterte.

Eigene Stellung ausgenutzt

Laut dem Urteil des Bezirksgerichts missbrauchte er seine Rolle als Vertrauensperson der Kinder und ihrer Eltern. Teilweise war er Pate seiner Opfer. Seine Stellung habe er perfide ausgenützt, fanden die Bezirksrichter. Er habe «verwerflich und abstossend» gehandelt. Ohne auf das Kindswohl Rücksicht zu nehmen, habe er seine sexuellen Triebe bei verschiedenen Kindern fast bei jedem Zusammentreffen befriedigt. «Ununterbrochene Manipulationen von bis zu 80 Minuten» am Glied eines Fünfjährigen lassen gemäss Bezirksgericht «an Folter denken».

Das Bezirksgericht sprach ihn schuldig der sexuellen Handlungen mit Kindern, der Schändung und der Pornographie, alles mehrfach begangen. Ausserdem rauchte er Marihuana und Haschisch und schnupfte Kokain.

Das Bezirksgericht verurteilte ihn zu drei Jahren Gefängnis, wovon nur 547 Tage vollziehbar sind und ein halbes Jahr U-Haft abgezogen wird. Die Genugtuungszahlungen, zu denen ihn das Bezirksgericht verpflichtete, hat er alle beglichen. Vor Obergericht weitergezogen hat er das Urteil, weil er deswegen wieder elf Monate ins Gefängnis müsste. Er könnte die Strafe zwar in Halbgefangenschaft verbringen. Dadurch würde er aber seine neue Stelle wieder verlieren, argumentiert sein Anwalt. Er müsse dort auch abends arbeiten und ins Ausland reisen.

«Zu wohlwollendes Urteil»

Obwohl das Bezirksgericht von einem sehr schweren Verschulden ausgehe, zeuge sein Urteil von «zu viel wohlwollendem Kalkül», kritisiert der Staatsanwalt, der vier Jahre Gefängnis beantragt hatte. Bei gerichtlichen Sanktionen gehe «es nicht einzig und allein darum, dass sich ein Straftäter wieder eingliedert». Eine Strafe müsse auch dem Verschulden angemessen sein. Das Obergericht wird sein Urteil schriftlich eröffnen.

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