Kinderpsychiatrie am Anschlag: Zahl der psychisch kranken Kinder im Kanton St.Gallen ist massiv gestiegen

Die kinder- und jugendpsychiatrische Notfallversorgung im Kanton St.Gallen kommt an ihre Grenzen. Regelmässig müssen Termine verschoben werden, Therapieabbrüche sind die Folge. Eine Notfallequipe soll entlasten.

Katharina Brenner
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Über die Hälfte der behandelten Kinder und Jugendlichen leidet unter Verhaltens- und emotionalen Störungen.

Über die Hälfte der behandelten Kinder und Jugendlichen leidet unter Verhaltens- und emotionalen Störungen.

Bild: Carlo107 / E+

Die Kinderpsychiaterinnen und -psychiater im Kanton St.Gallen brauchen Hilfe. «Die Notfälle haben derart zugenommen, dass wir sie nicht mehr wie früher neben der regulären Sprechstunde behandeln können», sagt Suzanne Erb, Ärztliche Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste St.Gallen (KJPD). Die rund 90 Fachpersonen unter den 130 Mitarbeitern seien voll mit Patienten besetzt. Weil Notfälle höchste Priorität haben, müssten sie die Termine regulärer Patienten regelmässig verschieben. «Das führt zu Irritationen und sogar zu Therapieabbrüchen», so Erb.

Suzanne Erb, Ärztliche Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste St.Gallen.

Suzanne Erb, Ärztliche Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste St.Gallen.

Bild: KJPD St.Gallen/Stefan Peter

Die Politik hat das Problem erkannt. Eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Gesundheitsdepartements hat eine Standortbestimmung im Bereich der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung im Kanton durchgeführt. Notfallversorgung und Krisenversorgung gehörten zu den Versorgungslücken mit dem grössten Handlungsbedarf, schreibt die Regierung in ihrer Botschaft.

  • Ausgangslage Die KJPD sind Anlaufstellen bei Zwängen, Suizidgedanken, Essstörungen und vielen weiteren psychischen Krisen und Krankheiten. Neben dem Zentralen Ambulatorium und der Tagesklinik in der Stadt St.Gallen gibt es Regionalstellen in Heerbrugg, Sargans, Uznach, Wattwil und Wil. Die Zahl der Patientinnen und Patienten ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als die Hälfte gestiegen. Von 2000 Fällen im Jahr 2008 auf 3200 Fälle im Jahr 2018. Die Hälfte der Kinder und Jugendlichen wird wegen Verhaltens- und emotionalen Störungen behandelt.
  • Notfälle Nicht nur die Zahl der regulären ambulanten Behandlungen, auch die der Notfälle hat zugenommen. Wurden 2011 noch 105 Notfälle und Krisen erfasst, waren es von Juli 2018 bis Juni 2019 insgesamt 464. Dasselbe Phänomen beobachten auch andere Kantone. Das Durchschnittsalter in St.Gallen lag bei knapp 15 Jahren. «Ein Notfall ist, wenn eine Person sagt, dass sie in Not ist und sofort Hilfe braucht», sagt Erb. Meistens sei dies tagsüber der Fall. Es handle sich fast immer um Kinder und Jugendliche mit Suizidalität und akuten psychiatrischen Erkrankungen.
  • Gründe Untersuchungen zu diesen Entwicklungen gebe es noch keine,
    so Erb. Doch sie listet mögliche Ursachen auf: den steigenden Leistungsdruck. So würden beispielsweise psychische Krisen in der Zeit vor den Zeugnissen zunehmen. Die sozialen Medien und mit ihnen die stärkere Verbreitung und massivere Härte von Mobbing, die
    extrem schädigend seien. Die heutige Kleinfamilie, die weniger tragfähig sei als früher, weil weniger Zeit fürs Gespräch bleibe. Und die höhere Bereitschaft von Eltern, Fachpersonen und Jugendlichen, über psychische Probleme zu sprechen. Diesen Aspekt deutet Erb grundsätzlich positiv, er trage aber mit zum starken Anstieg von Notfällen bei.
  • Notfallequipe Die St.Galler Regierung schlägt die Gründung einer Notfallequipe vor. Diese soll Kinder und Jugendliche, Angehörige, Lehrpersonen oder Heimleitungen im Krisenfall beraten. Sie soll die ambulante Notfallbehandlung ermöglichen, allfällige stationäre Einweisungen oder weiterführende Kriseninterventionen aufgleisen. Dafür will die Regierung 385 Stellenprozente für einen Oberarzt und zwei Fachpsychologen sowie deren Stellvertreter schaffen. «Dieser Schritt ist notwendig, damit wir unseren Patientinnen und Patienten wieder gerecht werden können», sagt Erb. Über einen Tagesnotfalldienst verfügen die KJPD zwar bereits. Die Mitarbeiter sind jedoch wegen der angestiegenen Fallzahlen bereits mit regulären Patientenbehandlungen ausgelastet. Die Notfallequipe soll tagsüber an Werktagen da sein. Sie leiste einen wichtigen Beitrag zur Suizidprävention, so die Regierung.
  • Pikettdienst Zusätzlich soll ausserhalb der Öffnungszeiten des KJPD der bereits bestehende Pikettdienst für die ambulante Notfallbehandlung ausgebaut werden. Dieser wird gemeinsam mit dem Ostschweizer Kinderspital betrieben. In der Nacht richten sich Betroffene bisher an den hausärztlichen Notfalldienst, der weiterhin bestehen bleibt. Mit Notfallequipe und Pikettdienst wird rund um die Uhr eine Notfallabklärung durch Fachpersonen der KJPD möglich sein. Wenn immer möglich, sei eine ambulante Therapie einer stationären vorzuziehen, sagt Erb. Einerseits sei eine Hospitalisation oft ein einschneidendes Erlebnis, andererseits bedeute sie massiv höhere Kosten. Ein Tag Hospitalisation inklusive Schule koste bis zu 1200 Franken. «Wenn damit ein Jugendlicher vor einer schweren Gefährdung geschützt werden kann ist dies gut; sehr oft genügt aber eine deutlich günstigere ambulante Krisenbehandlung.»
  • Kosten Die Stiftung KJPD wird seit einigen Jahren über einen jährlichen Globalkredit von Seiten des Kantons finanziert. Für den Ausbau der Notfallversorgung soll dieser Kredit um jährlich 1,1 Millionen Franken erhöht werden. Dieser Betrag unterliegt dem fakultativen Finanzreferendum.
  • Umsetzung Im Februar wurde die Kommission für das Geschäft bestellt. In einer der kommenden Sessionen kommt es in den Rat. Mit einer Umsetzung wird frühestens Mitte 2020 gerechnet. Für das Budget 2020 wurden daher 550'000 Franken berücksichtigt.
  • Modell Der Kanton Zürich stellte bereits vor neuen Jahren eine Zunahme der Notfälle fest und gründete den Zentralen Notfalldienst. Seitdem hat sich die Zahl der Notfälle verdreifacht: von 300 auf 900 pro Jahr. Leiter Gregor Berger spricht sich für die St.Galler Pläne aus. In Zürich könne durch die hohe Ärztedichte manches aufgefangen werden. Der Kanton St.Gallen hingegen habe einen Notfalldienst umso nötiger. Die St.Galler Regierung schreibt von einem akuten Mangel an Kinderpsychiatern. Die wesentlichen Ziele des Angebots nennt Berger: Suizidprävention, Frühintervention bei schweren Störungen und das Vermeiden unnötiger stationärer Aufenthalte.
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