Interview
Kinderpsychiater zum St.Galler Kita-Missbrauchsfall: «Ein Trauma setzt sich oft im Körper fest»

Der pädophile Kita-Betreuer muss für vier Jahre hinter Gittern. Doch was geschieht mit den Kindern, die er missbraucht hat?

Janina Gehrig
Merken
Drucken
Teilen
Möglichst «normal» weiterleben: Wenn Kinder Opfer von Missbrauch wurden, brauchen sie vor allem Sicherheit und Stabilität.

Möglichst «normal» weiterleben: Wenn Kinder Opfer von Missbrauch wurden, brauchen sie vor allem Sicherheit und Stabilität.

Eranicle / iStockphoto

Er hatte sich privat und in der St.Galler Kinderkrippe Fiorino an Buben vergangen, seine Taten fotografiert und gefilmt und ins Darknet gestellt. Diese Woche ist der St.Galler Kita-Betreuer wegen mehrfacher Schändung, sexueller Handlungen mit einem Kind und Pornografie zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Daniel Bindernagel, die Hauptopfer waren 16 und 21 Monate alt. Sind die Kinder für immer traumatisiert?

Daniel Bindernagel: Von einer Traumatisierung ist auszugehen. In diesem Fall sind sie aber noch so jung, dass man nicht genau weiss, welche Folgen daraus entstehen können.

Kann es auch sein, dass Kinder einen Missbrauch gar nicht mitbekommen?

Nein. Sie merken, dass sie einem Übergriff ausgeliefert sind. Sie können das Geschehene aber nicht einordnen, weil sie keine Begriffe dafür haben. Man weiss aber, dass schon ganz kleine Kinder Scham- und Schuldgefühle haben und dass sich traumatische Erfahrungen schon in diesem Alter ins Körpergedächtnis schreiben können.

Daniel Bindernagel, leitender Arzt Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst Kanton St.Gallen.

Daniel Bindernagel, leitender Arzt Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst Kanton St.Gallen.

Wie zeigt sich das?

Ganz kleine Kinder zeigen oft unspezifische Symptome. Sie schlafen nicht, schreien viel, lassen sich nicht gut beruhigen, verlieren den Appetit. Ältere Kinder ziehen sich zurück, wollen sich etwa nicht mehr waschen oder nicht mehr berührt werden. Man muss mit voreiligen Schlüssen aber vorsichtig sein.

Es gibt kein Symptom und keine Aussage, die einen Missbrauch beweisen könnte. Es gibt nur Hinweise.

Muss man die Kinder unbedingt therapieren oder kann es sein, dass sie das Geschehene wieder vergessen?

Kinder im Alter von 16 Monaten müssen nicht zwangsläufig therapiert werden. Das wichtigste ist das Umfeld: Vor allem die Eltern müssen unterstützt werden, da sie oft heftig verunsichert sind und emotional reagieren. Man muss sie begleiten, damit sie den Kindern Sicherheit, Stabilität und Kontinuität bieten können. Das Leben soll möglichst normal weiterlaufen.

Man sollte so tun, als wäre nichts geschehen?

Nein. Wenn das Kind Fragen stellt, sollte man darauf eingehen. Aber tatsächlich sollte man mit Kindern in diesem Alter nicht über das Trauma selbst reden, es nicht ausfragen oder nachhaken. Eher sollte man dem Kind sagen, dass es etwas Schlimmes erlebt hat, man jetzt aber dafür sorgt, dass es nicht mehr passiert.

Eltern sollten auch über ihre eigenen Gefühle sprechen, denn die Kinder spüren, dass sie belastet sind.

Betroffen war auch ein vierjähriges Kind. Ist eine Therapie hier einfacher?

Auch Vierjährige sollte man nicht ausfragen. Psychologen spielen, malen oder sprechen mit ihnen in einfachen Worten. Primär unterstützt man aber die Eltern.

Wie wahrscheinlich entwickeln Missbrauchsopfer später Störungen?

Kinder, die sexuell missbraucht wurden, können auch spät im Leben erhebliche Belastungen zeigen. Erstaunlicherweise nicht nur im psychischen, sondern im körperlichen Bereich, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Man kann das Erlebte nicht löschen, aber die Entwicklung günstig beeinflussen. Einige führen ein ganz normales Leben ohne sichtbare Störungen.

Wann ist die Prognose besonders ungünstig?

Weil die Gedächtnisfunktion der Kinder sich erst mit der Zeit entwickelt, kommt es vor, dass das Erlebte abgekapselt wird und im Erwachsenenalter wieder hervorbricht. Die verheerendsten Verläufe haben Missbrauchsfälle, die mehrfach und innerhalb von Familien geschehen. Es ist für ein Opfer tendenziell einfacher, ein Trauma zu verarbeiten, wenn der Täter keine primäre Bezugsperson ist – wie im vorliegenden Fall.

Kinderschutzzentrum: Erste Anlaufstelle

Rund 1000 Anfragen jährlich behandelt die Beratungsstelle In Via des Kinderschutzzentrums St. Gallen. Als eine der ersten Anlaufstellen beraten deren Mitarbeiter Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern und Fachpersonen aus Schulen, Kitas, Sport- und Jugendverbänden, wenn der Verdacht auf psychische, physische, sexuelle oder häusliche Gewalt sowie Vernachlässigung eines Kindes besteht. Das Kinderschutzzentrum bietet auch eine Notunterkunft (Schlupfhuus) für Kinder und Jugendliche an und vermittelt Fachleute wie Therapeuten oder Juristen. (jan)