«Erwachsene bestimmen sonst schon genug» – an der Kinderkonferenz im Kinderdorf Pestalozzi stehen die Rechte der Kinder im Zentrum

An der Kinderkonferenz in Trogen dreht sich alles um die Kinderrechte. 60 Mädchen und Buben aus der ganzen Deutschschweiz diskutieren mit – und stellen Forderungen.

Linda Müntener
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Im Stuhlkreis bringt Reihaneh Khorand den Kindern spielerisch die Kinderrechte näher. (Bilder: Urs Bucher)

Im Stuhlkreis bringt Reihaneh Khorand den Kindern spielerisch die Kinderrechte näher. (Bilder: Urs Bucher)

Dass die Buben und Mädchen genau wissen, worum es an diesem Nachmittag im Kinderdorf Pestalozzi geht, zeigt sich schon bei der Einstiegsrunde. Jeder soll ein Porträt von sich zeichnen, sagt Workshop-Leiterin Samantha Kuster. Aus dem Stuhlkreis kommt Protest. «Muss das sein?», fragt ein Bub. «Ja.» Er schmunzelt: «Aber wir haben doch ein Recht auf Mitsprache.»

Kinderrechte – um sie dreht sich alles an der Kinderkonferenz in Trogen. Von Mittwoch bis Sonntag setzen sich hier 60 Kinder zwischen 10 und 13 Jahren aus der ganzen Deutschschweiz mit der Kinderrechtskonvention auseinander. Der Anlass, organisiert von der Stiftung Pestalozzi, der schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände sowie der Kinderlobby, findet zum vierten Mal statt.

Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi

Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi ist ein international tätiges Kinderhilfswerk. Im Kinderdorf in Trogen lernen Kinder aus der Schweiz und dem Ausland im Austausch, mit kulturellen und sozialen Unterschieden umzugehen. In zwölf Ländern weltweit ermöglicht die Stiftung benachteiligten Kindern den Zugang zu qualitativ guter Bildung.

In diesem Jahr befassen sich die Teilnehmenden mit den Themen Social Media, Kinderarbeit und dem Kinderrechtsbericht Schweiz. Das geht alles spielerisch, ohne den Kern aus den Augen zu verlieren. Es sind aufgeweckte, aufmerksame Kinder, die sich mit Wortmeldungen nicht zurück halten.

In einem Zimmer diskutiert die Gruppe, was überhaupt als Kinderarbeit zählt. Ist es Kinderarbeit, wenn du deinem Mami helfen musst, nach dem Mittagessen den Tisch abzuräumen? «Nein, das ist doch selbstverständlich», sagt ein Mädchen. Ist es Kinderarbeit, wenn du dich nach der Schule um dein Grosi kümmern musst, weil es ihr schlecht geht? «Nein, ich habe mein Grosi lieb. Ich mache das gern.»

Ein Mädchen widerspricht. «Aber du bist doch nicht verantwortlich für dein Grosi.» Solche Diskussionen sind ein Schwerpunkt des Workshops, sagt Samantha Kuster. Die Erziehungswissenschaftlerin leitet das Radioprojekt im Kinderdorf und betreut in diesen Tagen die Social-Media-Gruppe. Sie sagt: 

«Die Kinderrechte bestehen zwar seit 30 Jahren, dennoch sind sie vielen nicht bekannt.»

Die Kinderrechtskonvention stützt sich auf vier Grundprinzipien: Recht auf Gleichbehandlung, auf Wahrung des Kindeswohls, auf Leben und persönliche Entwicklung sowie das Recht auf Anhörung und Partizipation.

Auch in der Schweiz werden Kinderrechte verletzt

Dass selbst in der Schweiz gegen Kinderrechte verstossen wird, zeigt ein Beispiel aus dem Thurgau. Die SP warf dem Kanton unlängst vor, die Konvention zu verletzten, weil auf der schwarzen Liste der säumigen Prämienzahler auch Kinder aufgeführt sind.

Der Bundesrat gab ihr Recht: Die Praxis verstösst gegen übergeordnetes Recht. Gemäss Kinderrechtskonvention sei bei allen Massnahmen, die Kinder betreffen, deren Wohl vorrangig zu berücksichtigen. Der Kanton muss mit Klagen rechnen, sollte er die Liste wie bisher weiterführen.

Artikel für Artikel werden in einem Büchlein die Kinderrechte erklärt. (Bild: Urs Bucher)

Artikel für Artikel werden in einem Büchlein die Kinderrechte erklärt. (Bild: Urs Bucher)

Zurück im Kinderdorf. Nach den Diskussionen geht es darum, Forderungen an die Politik zu formulieren, um die Rechte besser einzuhalten. Dabei wolle sie die Kinder nicht steuern, sagt Samantha Kuster. «Es soll so viel wie möglich von ihnen kommen.» Denn: «Die Erwachsenen bestimmen sonst schon genug.»

Am Sonntag präsentieren die Kinder das Ergebnis vor Eltern, Lehrpersonen, Stiftungsratspräsidentin und BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti sowie Vertretern der Kinderlobby. Letztere werden die Forderungen ins Bundeshaus tragen – damit sie auch dort Gehör finden.

Die Mädchen und Buben halten sich mit Wortmeldungen nicht zurück. (Bild: Urs Bucher)

Die Mädchen und Buben halten sich mit Wortmeldungen nicht zurück. (Bild: Urs Bucher)

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