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Mädchen spielten mit dem eigenen Kot: Arboner Gericht verurteilt Eltern wegen Verletzung der Fürsorgepflicht – doch sie bereuen nichts

Ein tunesisches Ehepaar wird wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht verurteilt. Sie haben ihre Zwillingsmädchen vernachlässigt. Vor Gericht weisen sich die Eltern gegenseitig die Schuld zu.
Ida Sandl
Der Eingangsbereich der Liegenschaft Schlossgasse 4 in Arbon, wo sich das Bezirksgericht befindet. (Bild: Reto Martin)

Der Eingangsbereich der Liegenschaft Schlossgasse 4 in Arbon, wo sich das Bezirksgericht befindet. (Bild: Reto Martin)

Polizisten müssen den Vater nach Arbon ans Gericht bringen. Eine geschlagene Stunde warten Richter und Anwälte. «Vergessen» ist alles, was der schmächtige Mann als Entschuldigung vorbringt. Er ist IV-Rentner, wegen einer durchlittenen Kinderlähmung trägt er Beinprothesen, kann sich nur mühsam auf zwei Krücken fortbewegen.

Ihm und seiner Noch-Ehefrau wird vorgeworfen, sie hätten die Erziehungs- und Fürsorgepflicht verletzt. Ihre Zwillingsmädchen hätten keine regelmässigen Essens- und Schlafzeiten gekannt. Es habe ihnen an gesundem Essen – vor allem Gemüse und Obst – ebenso gefehlt wie an frischer Luft. Die Eltern hätten sich mit den Kindern nicht beschäftigt. Vor Verzweiflung hätten die Mädchen angefangen, mit ihrem eigenen Kot zu spielen.

In der Entwicklung um ein Jahr zurück

Als die Missstände endlich aufflogen, waren die Kinder drei Jahre alt. In ihrer Entwicklung lägen sie jedoch ein ganzes Jahr zurück, stellten die Kinderärzte fest. Die Vernachlässigung wurde bekannt, nachdem die Kindsmutter ihrem Mann im Streit den Arm gebrochen hatte und er ins Spital musste. Daraufhin zeigte der Mann sie an, weil sie die Kinder vernachlässige.

Die Beschuldigten stammen aus Tunesien. Der Vater kam als Baby in die Schweiz. Die Mutter mit Anfang 20, um ihn zu heiraten. Sie ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und konnte kein Wort Deutsch. Mit den Zwillingen und einem pflegebedürftigen Mann sei sie überfordert gewesen, sagt ihre Verteidigerin. Der Ehemann sei nur auf dem Sofa gesessen und habe seine Frau herumkommandiert. Sie habe ihm nichts recht machen können.

Die Eltern wollen alles richtig gemacht haben

Vor Gericht schieben sich die Eltern gegenseitig die Schuld zu. Der Mann habe mit den Krücken auf sie eingeprügelt, sagt die Mutter. Die Mädchen hätten Angst vor ihm gehabt. Sie habe den Kindern gutes Essen gegeben. Es stimme auch nicht, dass sie die Kinderbetten umgekehrt auf den Boden gestellt habe und die Mädchen darin wie in einer Art Käfig eingesperrt waren. Das habe ihr Mann erfunden.

Der Vater wiederum erklärt, seine Frau habe die Kinder fast jeden Tag geschlagen. Er habe aufgrund seiner Behinderung nicht eingreifen können. Hätte er etwas gesagt, dann hätte er auch Schläge bekommen. Er sei als Kind körperlich misshandelt und sexuell missbraucht worden. Verglichen damit sei es gar nichts, was die Zwillinge erlebt hätten.

Die Eltern haben sich getrennt. Die Mädchen sind jetzt fünf Jahre alt und wohnen wieder bei der Mutter, sie bekommt Unterstützung bei der Erziehung. Der Vater hat die Zwillinge zuletzt vor zwei Jahren gesehen. Die Mutter verweigere ihm den Kontakt. Wieso er kein begleitetes Besuchsrecht beantragt habe, will die Vorsitzende Richterin wissen. Er sei in Tunesien bei seiner kranken Mutter gewesen, und es gehe ihm psychisch nicht gut. Für den Anwalt der Zwillinge sind die Aussagen der Eltern «sehr bedenklich»:

«Sie zeigen sich weder einsichtig, noch tut ihnen das Geschehene leid.»

Für die Arboner Richter haben sowohl die Mutter als auch der Vater ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht verletzt. Sie verurteilen beide zu bedingten Geldstrafen bei einer Probezeit von drei Jahren. Die Mutter muss eine Busse von 1800 Franken, der Vater von 4000 Franken bezahlen. So hatte es die Staatsanwältin beantragt. Dazu kommen Gerichts- und Verfahrenskosten von rund 3800 Franken für die Frau und etwa 4600 für den Mann. Den Kindern wird eine Genugtuung von je 2000 Franken zugesprochen.

Das Gericht orientierte sich beim Urteil am Gutachten des Spitals und des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes. Demnach haben sich die Mädchen in einem «erschreckenden Zustand» befunden. Die Eltern hätten bewusst eine Gefährdung der Kinder in Kauf genommen. Es müsse ihnen aufgefallen sein, dass die Kinder mit drei Jahren nicht richtig sprechen konnten und noch Windeln trugen. Kulturelle Unterschiede lassen die Richter nicht als Ausrede gelten:

«Auch in Tunesien weiss man, dass man Kinder regelmässig ernähren und Zeit für sie aufwenden muss.»

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