«Keinen Anlass für weitere Schritte»: Rüegg-Stürm bleibt Professor an der HSG und äussert sich erstmals wieder in der Öffentlichkeit

Die Universität St.Gallen hat den wegen seines Raiffeisen-Mandats heftig kritisierten Professor Rüegg-Stürm bis 2026 wiedergewählt. Erstmals geht dieser auf seinen Anteil an den Missständen der HSG ein – wenn auch nur schriftlich.

Marcel Elsener
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Johannes Rüegg-Stürm

Johannes Rüegg-Stürm

Bild: Maurus Hofer

Seit Februar 2019 unterrichtet er nach seiner Auszeit wieder an der HSG, im Dezember hat der Universitätsrat seine Professur bestätigt und verlängert: Johannes Rüegg-Stürm, unter Druck geratener früherer Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen Schweiz, bleibt Professor sowie Forschungsleiter für Organization Studies an der Universität St.Gallen (seit 2002) und Direktor am Institut für Systemisches Management und Public Governance (seit 2010).

Rüegg-Stürm wurde als Ordinarius für Organizational Behavior für die Amtsdauer vom 1. Februar 2020 bis zur Emeritierung am 31. Juli 2026 wiedergewählt, mit einem Beschäftigungsgrad von 75 Prozent. Die Wahl muss von der St.Galler Regierung formell noch genehmigt werden.

Verlängerung der Professur keine Selbstverständlichkeit

Die Verlängerung der Professur des 58-jährigen Spezialisten für Unternehmensführung und Mitautor des St.Galler Management-Modells war erwartet worden, doch selbstverständlich ist sie nicht. Denn Rüegg-Stürm stand als Raiffeisen-VR-Präsident mit einer Entlöhnung von jährlich 548000 Franken (2017) massiv in der öffentlichen Kritik, als die Leitung der Bank ins Visier der Strafbehörden kam. Anfang März trat er als VR-Präsident zurück, nachdem er in der «NZZ am Sonntag» erklärt hatte, dass «der Fall Vincenz» den Verwaltungsrat «völlig überrascht und schockiert» habe.

Nach seinem Rücktritt äusserte sich Rüegg-Stürm nicht mehr zu den Vorgängen und zog sich zurück. In der unabhängig vom Raiffeisen-Mandat eingerichteten Auszeit von seiner HSG-Professur schrieb er 2018 an einem Buch über Management im Gesundheitswesen.

Die HSG sah keinen Anlass für eigene Massnahmen

Die Wiederwahl des Professors sei im Universitätsrat «nicht einfach durchgewinkt» worden, sagt der Präsident des obersten HSG-Gremiums, der St.Galler Bildungsdirektor Stefan Kölliker. Vielmehr habe man von Johannes Rüegg-Stürm vorgängig eine schriftliche Stellungnahme eingefordert und an der Sitzung nochmals ein Gespräch mit ihm geführt. «Dabei gab es keine spezifischen Fragen», erklärt Kölliker.

«Es ging darum, ob er seine Aufgaben bei der HSG tadellos erfüllen kann.»

Dies habe Rüegg-Stürm «mit seinem selbstbewussten Auftritt und seinen Ausführungen überzeugend darlegen» können. Ausserdem habe es der Unirat sehr ­begrüsst, dass Rüegg-Stürm gerade auch seine negativen Erfahrungen mit den Masterstudenten thematisiere.

Die HSG hatte bereits vor einem Jahr erklärt, dass Rüegg-­Stürm seinen Verpflichtungen an der Universität St.Gallen jederzeit nachgekommen sei und man «keinen Anlass für weitere Schritte» sehe; die Bewertung seiner Verwaltungsratstätigkeit sei Sache von Raiffeisen Schweiz. Also werde er weiterhin «auf Master- und Doktoratsstufe sowie in der Weiterbildung in den Themengebieten Management und Organisation unterrichten».

2020/21 leitet Rüegg-Stürm folgende Seminare: Systemisches Management im Gesundheitswesen, SKU Executive Management Programm, Controlling für Manager: Was Nicht-Controller über Controlling wissen müssen, Strategisches Prozessmanagement und Operational Excellence.

«Jede wichtige Erfahrung fliesst in die Lehre ein»

Wie beurteilt der Professor selber seine Wiederwahl und seinen Anteil an den Missständen, die der HSG in den letzten zwei Jahren zu schaffen machten? Auf unsere Fragen hat Johannes Rüegg-Stürm erstmals Stellung genommen – schriftlich. «Meine Tätigkeit an der HSG war stets der zentrale Teil meines beruflichen Selbstverständnisses, mein Engagement bei Raiffeisen eine vorneherein zeitlich limitierte Nebentätigkeit», schreibt er. «Sicher gab es überschiessende Kritik. Diese hat mich erst recht zu vollem Einsatz in Forschung, Lehre und Weiterbildung motiviert.» Auf die Frage, warum er sich seit seinem Rücktritt nicht zum Raiffeisen-Mandat geäussert hat, meint er:

«Es ist ganz grundsätzlich nicht vorgesehen, dass sich nahe Beobachter und Zeugen in einem laufenden Rechtsverfahren öffentlich äussern.»

Den Inhalt seiner schriftlichen Stellungnahme und der Befragung durch den Unirat kommentiert Rüegg-Stürm nicht. Es sei «naheliegend», dass der Rat «unter den gegebenen Umständen das Bedürfnis hatte, sich mit mir über meine Erfahrungen und die Perspektiven meiner Arbeit an der HSG auszusprechen».

Jedoch erklärt der Management-Spezialist den Einfluss der Kritik auf seine künftige Lehrtätigkeit: «Jede wichtige Erfahrung fliesst in die Lehrtätigkeit eines Professors ein. Derzeit unterrichte ich auf Master- und Doktoratsstufe in den Fächern Management, ­Organisation, Strategie und Change Management. Entscheidend ist dabei, neue Themen aufzugreifen und kreative Antworten zu finden.» Deshalb habe er mit seinem Kollegen Dieter Thomä auch das Masterprogramm MOK (Management, Organisation und Kultur) aufgebaut und forsche zum Management von Spitälern.

Sonnen- und Schattenseiten statt reiner Erfolgsstorys

Rektor Thomas Bieger meinte im Zusammenhang mit Rüegg-­Stürm, dass Fehler zur erwünschten «Praxisnähe» gehörten und es «sehr lehrreich» sei, wenn der frühere Raiffeisen-­VR-Präsident seine Erfahrungen im Unterricht einbringe. «Es ist ein entscheidender Vorteil der HSG, dass wir Praxisnähe auch über persönliche Erfahrungen im Umgang mit unternehmerischer Verantwortung einbringen», sagt Rüegg-Stürm dazu.

«Dabei ist jede Berufstätigkeit durch Sonnen- und Schattenseiten geprägt, und vor allem die Schattenseiten führen oft zu einem substanziellen Erkenntniszuwachs.» In diesem Sinne vermittle die HSG ihren Studierenden nicht nur «Success Stories», sondern sensibilisiere sie für eine verantwortungsbewusste Management-­Praxis. «Authentische, differenziert reflektierte Erfahrungen machen die Studierenden immer sehr betroffen und führen zu spannenden und bestimmt auch lehrreichen Diskussionen mit ihnen», meint der Professor.

Rüegg-Stürm habe «sich nie erklären müssen»

Wem war Rüegg-Stürm über den Unirat hinaus Rechenschaft schuldig? Hatten die Studierenden Erklärungsbedarf? Er habe «sich nie erklären müssen, weil gegen meine Tätigkeit in Forschung, Lehre und Weiterbildung in keinem Moment Kritik formuliert worden ist», antwortet Rüegg-Stürm. «Aber ich bringe in jedem Lehr- und Weiterbildungskontext aktiv mein grosses Bedauern über die negativen Auswirkungen zum Ausdruck, die sich im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit für Raiffeisen selbst und leider auch für die HSG ergeben haben.»

Der Fall Rüegg-Stürm war am Anfang einer Kaskade von Missständen an der HSG. Was trägt er zum geforderten «Kulturwandel» bei? Er schreibt: «Komplexe Organisationen – auch die HSG – bewegen sich ständig in einem Spannungsfeld sich ändernder gesellschaftlicher Erwartungen und einer bewährten eta­blierten Praxis. Derzeit ist unsere Gesellschaft durch verstärkte Unsicherheit und Suche nach Orientierung geprägt. Kein Wunder, dass nach einer Phase grosszügiger Entwicklungsspielräume eine solche folgt, die durch den Wunsch nach einer stärkeren zentralen Kontrolle geprägt ist. Unser Institut und ich persönlich bringen uns aktiv in die Diskussion einer förderlichen Mischung beider Pole ein.»

Die Kritik sei ein «guter Anlass, um unser Erfolgsmodell zu überprüfen und auf die heutige Situation in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft auszurichten». Und es scheine «noch viel wichtiger zu werden, die Vor- und Nachteile verschiedener Universitätskonzeptionen öffentlich möglichst verständlich zu erklären», schreibt er weiter.

Nachdem sein lukratives Mandat bei Raiffeisen seit zwei Jahren der Vergangenheit angehört, ist gemäss der aktuellen Liste der Nebenbeschäftigung für Rüegg-Stürm noch folgendes Mandat angegeben: Seit September 2018 ist er als bezahlter Coach und Prozessbegleiter für die Firma Rüegg IntegrArtis tätig.

Der HSG-Professor mit Raiffeisen-Problemen schweigt beharrlich

Seit seinem Abgang als VR-Präsident von Raiffeisen im März 2018 hat HSG-Professor Johannes Rüegg-Stürm nichts zu den Vorkommnissen gesagt – auch nicht, was die Uni betrifft. Über die Gründe seines Schweigens kann man nur spekulieren.
Marcel Elsener

Der Raiffeisen-Professor kehrt an die HSG zurück

Der heftig kritisierte Ex-Präsident von Raiffeisen Schweiz, Johannes Rüegg-Stürm, unterrichtet ab nächster Woche wieder an der Uni St.Gallen. In seiner Auszeit hat er an einem Buch zum Gesundheitswesen gearbeitet.
Marcel Elsener