«Keine absolute Gewissheit»

Heute wird Bankchef Jürgen Frick, der am Montag in Balzers erschossen wurde, beerdigt. Die Polizei hat inzwischen die Taucheranzüge des Tatverdächtigen Jürgen Hermann unbenutzt gefunden, nach der Waffe wird intensiv gesucht.

Heini Schwendener
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RUGGELL. Unzählige Mannstunden Fahndungsarbeit haben die Polizeikräfte in den viereinhalb Tagen seit dem Tötungsdelikt in Balzers geleistet. «Aufgrund unserer Erkenntnisse gehen wir nach wie vor von einem Suizid des Tatverdächtigen Jürgen Hermann aus», sagte Polizeichef Jules Hoch gestern an einer Medienkonferenz in Ruggell.

In der Luft, am Boden, im Wasser

Minutiös schilderte Hoch zusammen mit Mario Büchel, Chef Sicherheits- und Verkehrspolizei, welche Schritte die Polizei unternommen hat, seit sie am Montag um 7.30 Uhr alarmiert worden war. Neue Erkenntnisse über den Verbleib von Jürgen Hermann konnten trotz aller Anstrengungen nicht gewonnen werden.

Gesucht wurde aus der Luft mit Helikoptern, auch mit einem Super Puma der Schweizer Armee samt Wärmebildkamera. Gesucht wurde auch am Boden, mit einem Grossaufgebot an Personal, inklusive Suchhunde. Und schliesslich durchsuchten Taucher die Gewässer im Raum Ruggell, wo ein Brief und Utensilien des Tatverdächtigen gefunden worden waren.

Die Polizei fand, wie bereits berichtet, Hermanns Auto, seinen Pass, einen Abschiedsbrief, Kleidungsstücke und seine Brille. Gestern nachmittag schliesslich stiessen Suchhunde im Wald auf die Spur des Tatverdächtigen vom Auto bis zu den Fundstellen besagter Gegenstände.

Tauchanzüge sichergestellt

Jules Hoch präsentierte den Medien Auszüge aus Hermanns Brief, der in Englisch und Deutsch abgefasst ist. «I shot him as he deserved it» – «ich erschoss ihn, wie er es verdient hat», heisst es darin etwa, ausserdem «Lebt wohl meine Liebsten. Es war eine wunderbare Zeit mit euch. Um Euch zu retten habe ich den Freitod gewählt.»

Den Spekulationen, der Tatverdächtige Jürgen Hermann sei noch am Leben und als passionierter Taucher durch den Rhein ab- beziehungsweise untergetaucht, hielt der Liechtensteiner Polizeichef folgende Erkenntnisse entgegen: Hermanns Tauchanzüge seien unbenutzt gefunden worden. Zudem hätten umfangreiche Finanzermittlungen keine Hinweise auf eine Flucht oder die Vorbereitung einer Flucht des Tatverdächtigen ergeben. Gefunden hat die Polizei auch die beiden Brillen Hermanns, der ohne Sehhilfe ein Sehvermögen von nur 30 Prozent besitzt.

Zusammenarbeit klappt

Die Liechtensteiner Landespolizei nimmt weiterhin an, dass der Tatverdächtige Selbstmord begangen hat. «Aber solange wir keine Leiche haben, haben wir auch keine absolute Gewissheit und führen unsere Ermittlungen in verschiedenen Richtungen weiter», sagte Jules Hoch.

Die Landespolizei hat 125 Mitarbeitende, davon 85 Polizeibeamte. Zudem gibt es noch eine 30köpfige Miliz-Bereitschaftspolizei. Damit ist dieses Tötungsdelikt mit den umfangreichen Suchaktionen nicht zu bewältigen. Jules Hoch und Mario Büchel äusserten sich denn an der Medienkonferenz überaus lobend über die gute Zusammenarbeit mit den Schweizer und Vorarlberger Kollegen, die sofort in die Fahndung integriert werden konnten.

Gestern wurde zudem eine grosse Flächensuche gestartet, bei der rund 90 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz standen. 66 Polizeischüler aus der Ostschweiz suchen unter der Anleitung von Instruktoren der Kantonspolizeien Graubünden und Glarus und der Landespolizei das Gelände zwischen Kanal und Rhein bei Ruggell ab. «Wir hoffen, weitere Gegenstände des Tatverdächtigen zu finden, insbesondere die Tatwaffe und sein Mobiltelefon», erklärte Büchel die Grossaktion. Hermanns Handy ist seit Sonntag abgeschaltet und kann daher nicht geortet werden. Im Raum Rheinmündung und Bodensee sind österreichische und deutsche Polizeikorps mit Leichensuchhunden alarmiert.

Schutz für gefährdete Personen

An der heutigen Beerdigung des ermordeten Bankchefs Jürgen Frick in Balzers ist die Polizei ebenfalls im Einsatz, unter anderen mit Spezialisten der Kantonspolizei Graubünden. Dabei gehe es vor allem darum, das Sicherheitsempfinden der Trauerfamilie zu verstärken, so Mario Büchel.

Weil ungewiss ist, ob Jürgen Hermann nicht doch noch lebt, stehen gemäss Jules Hoch über ein Dutzend Leute in Liechtenstein und Österreich in engem Kontakt mit der Polizei. Individuell sei das Ausmass und die Art der Personenschutz-Massnahmen bestimmt worden, meist über private Sicherheitsdienste.

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