Kein verfrühtes Weihnachtsmärchen

Ruhe. Das wünscht sich Lorenzo Vinciguerra nach seiner Flucht aus den Händen der Entführer und seiner gestrigen Rückkehr in die Schweiz. Ruhe. Nichts anderes erwartet ihn in seiner Heimat Grub, das zur Gemeinde Eggersriet gehört.

Noemi Heule
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Ruhe. Das wünscht sich Lorenzo Vinciguerra nach seiner Flucht aus den Händen der Entführer und seiner gestrigen Rückkehr in die Schweiz. Ruhe. Nichts anderes erwartet ihn in seiner Heimat Grub, das zur Gemeinde Eggersriet gehört. Statt einer fürstlichen Willkommenszeremonie herrscht in der 2200-Seelen-Gemeinde alltägliche Geschäftigkeit.

Zwar zeigen sich die Gruber erleichtert, dass der Familienvater nach 1039 Tagen Geiselhaft heimkehrt. «Ich hätte nicht mehr damit gerechnet», bekennt ein Passant. Ein verfrühtes Weihnachtsmärchen sei die Rückkehr trotzdem nicht: «Das Leid der Familie ist wohl noch lange nicht zu Ende», sagt etwa Patrick Mevius, Inhaber des Dorfladens in Eggersriet. Nun müsse der Vogelkundler erst seine Traumata bewältigen. «Es dauert wohl noch eine Weile, bis sein Leben wieder den gewohnten Gang nimmt», ergänzt Mevius. Er selbst würde den Tierpräparator nicht erkennen, träte er demnächst in seinen Laden. Damit ist er nicht allein.

Schweizweit macht Vinciguerra zurzeit Schlagzeilen, in seiner Heimatgemeinde kennen ihn jedoch nur wenige. «Er lebte sehr zurückgezogen, hat sich praktisch nie im Dorf gezeigt», sagt ein Stammgast im «Hirschen» Grub. Erst mit der medialen Aufmerksamkeit wuchs auch sein Bekanntheitsgrad in der Gemeinde. Nicht alle sind ihm seither wohl gesonnen. Nebst Erleichterung ist fast drei Jahre nach seiner Entführung noch immer Unverständnis zu spüren. Der Abenteurer habe Warnungen missachtet und seine kleinen Kinder im Stich gelassen, sagen abschätzige Stimmen.

«Vorbei ist vorbei», betont hingegen eine Spaziergängerin, «nun sollten wir uns über das glückliche Ende freuen.» Sie geniesst die Sonne, die sich tagelang hinter einer dicken Nebeldecke verborgen hat. Pünktlich zur Rückkehr des Vogelkundlers zeigt sich das Dorf so von seiner schönsten Seite. Regelmässig spaziert die 81-Jährige am Haus der Familie Vinciguerra vorbei. «Ich habe jedesmal an ihn gedacht», sagt sie. Wie viele andere Anwohner wünscht die Gruberin dem Heimkehrer vor allem eines: Zeit, sich nach den Strapazen wieder im Alltag zurechtzufinden.

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