«Kein katholischer Finsterling»

ST.GALLEN. Nach der Demonstration gegen Bischof Huonder war der Churer Bistumssprecher Giuseppe Gracia erneut auf allen Kanälen präsent. Der St.Galler Kommunikationsberater hat mit seiner klaren PR-Strategie die Konturen geschärft.

Marcel Elsener
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Seit 2011 Bistumssprecher in Chur: Der St. Galler Giuseppe Gracia. (Bild: Südostschweiz/Marco Hartmann)

Seit 2011 Bistumssprecher in Chur: Der St. Galler Giuseppe Gracia. (Bild: Südostschweiz/Marco Hartmann)

Da war er wieder, am Sonntag in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens: Nicht der umstrittene Churer Bischof Vitus Huonder, gegen den Tausende Katholiken in St.Gallen demonstrierten, sondern sein Sprecher, der St.Galler Giuseppe Gracia. Und Gracia sagte einmal mehr, dass es bei der Kundgebung nicht gegen die Person Huonders gehe, sondern gegen die katholische Lehre. Die Reformer seien «sehr unehrlich», wenn sie ihren Protest gegen den ungeliebten Bischof richteten, wo ihr wahres Anliegen doch eine «neue katholische Kirche» sei.

Obwohl die Demonstration an seinem Wohnort St.Gallen stattfand, war Gracia «selbstverständlich» an der gleichzeitigen Versammlung der Huonder-Anhänger in Steinen SZ. Am Gottesdienst zum Abschluss der «Gebets-Initiative für Einheit in der Kirche» zündete der Medienverantwortliche des Bistums Chur vor laufenden TV-Kameras in aller Seelenruhe eine Kerze an.

«Viele wollen keine Klarheit»

Nun, die Seelenruhe zeichnet den Kommunikationsprofi aus, als der Gracia nach 15 Jahren als diplomierter PR-Berater (u. a. für eine liechtensteinische Bank) und Mitglied des exklusiven Harbour-Clubs seinen Job macht. Und doch wunderten sich nahe und entfernte Bekannte in seiner Heimatstadt St.Gallen, wie es dem 46jährigen Schriftsteller mit italienisch-spanischen Wurzeln und verheirateten Vater von zwei Kindern in seiner jüngsten Rolle als Sprecher des rechtskonservativen Bischofs ergehen mag. Zumal die Verwunderung gross war, als er 2007 als Mediensprecher zur Bischofskonferenz und ein Jahr später zum Bistum Basel ging – und noch grösser, als er 2011 als «Imagepolierer» nach Chur wechselte.

«Mich reizt die Spannung», sagte er damals. «Chur ist kein ultrakonservatives Bistum, das sind Klischees.» Dass er in den gegenwärtigen «Dauerstress» und eine «mega Spannung» geraten würde, konnte er sich «nicht vorstellen», meint Gracia unterwegs am Mobiltelefon. Und hat eine Erklärung parat: «Je klarer man kommuniziert, desto grösser wird der Gegendruck. Ich mag in Chur nicht den schwafelnden PR-Fuzzi spielen, der alles vernebelt. Aber viele Leute wollen offensichtlich nicht, dass man Klartext spricht.» Dass ihm die «Imagekorrekturen», die er beim Stellenantritt für möglich hielt, nicht geglückt sind, muss Gracia eingestehen, laut lachend: «Das ging schief, ja.» Und doch wehrt er sich, wenn in diesen Tagen Huonders (und sein eigener) Kopf gefordert wird: «Es soll mir mal jemand sagen, wo genau der Bischof ausgrenzt.»

Den Chef repräsentieren

Ebenso geht ihm auf die Nerven, wenn er als «katholischer Finsterling» wahrgenommen werde. Hat er denn kein Problem, dass längst vom «Gespann Huonder-Gracia» die Rede ist? «Ach», grinst er mit dem Selbstverständnis eines Kommunikationschefs, «da fühle ich mich einerseits geehrt». Und will doch präzisiert haben, dass seine Aufgabe das eines «Sprachrohrs» sei. «So repräsentiere ich den Chef und berate ihn manchmal. Aber mich eins zu eins mit Vitus Huonder zu identifizieren wäre etwa gleich simpel und falsch wie mich mit meinen Romanfiguren gleichzusetzen.»

Mutter Teresas Kirchenbild

Wo sieht Gracia die Kirche in zehn, zwanzig Jahren? «Keine Ahnung», flunkert er, «solche Fragen stelle ich mir gar nicht.» Und er verweist auf einen Aufsatz, in dem er – vor der Papstwahl im März 2013 in der «BaZ» – seine Haltung zur katholischen Kirche mit der verehrten heiligen Mutter Teresa auf den Punkt gebracht hat: «Sie antwortete auf die Frage eines Journalisten, was sich in der Kirche ändern müsse: Sie und ich.»

Er stehe «nicht auf der falschen Seite», wenn er die umstrittenen Ansichten seines Bischofs vertrete. «Eine Mehrheit lehnt die katholische Lehre weitgehend ab, wie eine Umfrage der Bischofskonferenz belegt. Die Fehde, die an der Person Huonder ausgetragen wird, ist deshalb ein Konflikt um das Leitbild der<Firma> – viele wollen einfach die meisten Strukturen und unliebsame Chefs loswerden.»

Drei Romane fertig

Offenherzig räumt er ein, «oft dran gedacht» zu haben, «den Bettel hinzuschmeissen». Aber klein beizugeben ist nicht die Art Gracias, der stets gegen den Mainstream antrat: «Ich war von herausfordernden, antispiessigen Positionen immer fasziniert, seien es durchgeknallte Künstler, kompromisslose Priester oder buddhistische Zenmönche.» Auf die Frage, wie er seine publizierten Hommagen an Lieblingsautoren und zweifelnde Wahrheitssucher wie Franz Kafka oder Thomas Bernhard mit der rigorosen Lehre nach Churer Art vereine, antwortet er mit einer Gegenfrage: «Wer sagt denn, dass ich kein Suchender mehr bin?»

Schriftsteller ist Gracia auf jeden Fall noch – und froh, dass er «wieder einmal öffentlich darauf angesprochen wird». Drei Romane hat er publiziert, alle drei teils wütende, aber auch feinsinnige Emigrantengeschichten mit autobiographischem Hintergrund. Drei weitere hat er fertiggestellt, einen Öko-Horrorthriller, einen Krimi im Castingmilieu und sein «Herzensprojekt», das grosse Buchprojekt der italienischen und spanischen Einwanderung in der Ostschweiz im Zeitraum von 1950 bis 1970 – ein Buch, das mit der umstrittenen Schliessung des italienischen Konsulats und dem Abbruch des spanischen Klubhauses in St.Gallen gewiss aktuell wäre. Obwohl er mit Nagel & Kimche und Ammann namhafte Verlage hatte und sogar Suhrkamp Interesse zeigte, hat Gracias Agent in Berlin noch für keinen der Romane einen Verlag gefunden.

Der «etwas abwesende Blick»

Beim kirchlichen Wort genommen wurde der Schriftsteller gestern von «Saiten», dem Magazin, wo er einst regelmässig publizierte. Wenn «der ehemalige <Saiten>-Autor im Fernsehen» darauf verweise, dass Huonder «nichts weiter als die katholische Lehre vertrete», dann habe er damit «recht und unrecht zugleich», schreibt der Theologe Rolf Bossart im <Saiten>-Blog. Unrecht, weil die im Auftrag enthaltene «Entweltlichung eher einer faktischen Entmenschlichung der Kirche gleicht». Bossart nimmt an, dass der Huonder-Sprecher wisse, «dass sowohl das Evangelium wie der jetzige Papst zuallererst die Nöte und Ängste der Menschen im Blick haben und also statt die Verluderung der Menschen die Verluderung der Strukturen kritisieren». Somit lasse «der etwas abwesende Blick, mit dem Gracia in die Kamera sprach, vermuten, dass ihm zumindest dieser Widerspruch nicht entgangen ist.»

Mit Widersprüchen muss der PR-Profi weiterhin leben können. Er hält sie als Secondo im hassgeliebten St.Galler «Sumpf» seit jeher aus. Wer weiss, vielleicht schreibt er dereinst über die Umbrüche in Chur und in der katholischen Kirche noch ein (Sach-)Buch. Und setzt sein 2011 aus Zeitgründen zur Halbzeit sistiertes Theologiestudium fort.

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