Kein erneuter Fernunterricht – St. Galler Regierung lehnt Petition von Kantonsschülern ab: «Es wird befürchtet, dass die Ausbildungsziele nicht mehr erreicht werden können»

Wegen der hohen Coronazahlen forderte ein Schüler der Kantonsschule am Brühl die Rückkehr zum Fernunterricht, über 9000 Personen unterschrieben die Petition. Die St. Galler Regierung ist aber klar dagegen: Im Lockdown im Frühling hätten viele Schüler die Lernziele nur teilweise oder gar nicht erreicht.

Adrian Vögele
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Homeschooling ist vorläufig kein Thema: Die St. Galler Kantonsschüler haben weiterhin Unterricht im Schulhaus – und nicht daheim.

Homeschooling ist vorläufig kein Thema: Die St. Galler Kantonsschüler haben weiterhin Unterricht im Schulhaus – und nicht daheim.

Bild: Gaetan Bally / Keystone

In der Schule ist ihnen die Ansteckungsgefahr zu gross: Viele Kantischülerinnen und Kantischüler wollen angesichts der hohen Coronazahlen lieber wieder von zu Hause aus lernen. Über 9000 Personen haben eine Petition von David Rommel, Schüler an der Kanti am Brühl in St. Gallen, unterzeichnet, die sich an Gesundheitschef Bruno Damann richtete. Die Forderung: Fernunterricht für alle Mittel- und Berufsschulen im Kanton. In Kommentaren auf der Petitionswebsite wurde der Regierung vorgeworfen, «grobfahrlässig» vorzugehen, wenn sie am Präsenzunterricht festhalte.

Jetzt antwortet die Regierung. Sie zeigt zwar Verständnis für das Anliegen, hält aber an ihrem bisherigen Kurs fest: Sie will möglichst lange darauf verzichten, wieder auf Fernunterricht zu wechseln – und begründet dies vor allem mit den Erfahrungen aus dem ersten Lockdown im Frühling. Die Resultate waren offenbar ernüchternd:

«Wissenschaftliche Untersuchungen und eine breit angelegte Befragung aller st.-gallischen Mittelschülerinnen und Mittelschüler haben gezeigt, dass viele Schülerinnen und Schüler die Lernziele im Fernunterricht nur teilweise oder gar nicht erreicht haben.»

Zwei Drittel zeigten schlechtere Leistungen als normal

Stefan Kölliker, St. Galler Bildungschef.

Stefan Kölliker, St. Galler Bildungschef.

Bild: Ralph Ribi

Grob gesagt machte nur ein Drittel der Schüler im Homeschooling dieselben Fortschritte wie im Präsenzunterricht. «Ein Drittel der Schülerinnen und Schüler zeigte schlechtere Leistungen und das letzte Drittel fiel massiv ab», so die Regierung. In vielen Fächern hätten die Lehrpersonen die Stoffdichte reduzieren müssen. Die Regierung sagt darum klipp und klar:

«Es wird befürchtet, dass bei einer Fortsetzung des Fernunterrichts die Ausbildungsziele insgesamt nicht mehr erreicht werden können.»

Damit aber sei das vordringliche Ziel der Mittelschulen gefährdet, nämlich, die Schülerinnen und Schüler studierfähig zu machen.

«Manche Jugendliche hatten zu Hause kein ideales Umfeld zum Lernen»

Tina Cassidy, Leiterin Amt für Mittelschulen Kanton St. Gallen.

Tina Cassidy, Leiterin Amt für Mittelschulen Kanton St. Gallen.

Bild: PD

Wie kommt es zu diesem durchzogenen Resultat? Tina Cassidy, Leiterin des Amts für Mittelschulen, betont, die Lehrpersonen hätten sich im Fernunterricht sehr stark engagiert. Und auch auf der Seite der Schüler könne man auf keinen Fall sagen, dass es generell an Einsatz, Motivation oder Willen gefehlt habe. «Das Bild ist aber sehr heterogen. Die einen Schülerinnen und Schüler freuten sich richtiggehend über den Fernunterricht und kamen beim Lernen deutlich besser voran als im Normalfall.»

Bei anderen war das Gegenteil der Fall – was auch mit der Coronasituation als Ganzes zusammenhing, wie Cassidy sagt: «Manche Jugendliche hatten zu Hause kein ideales Umfeld zum Lernen, mussten sich beispielsweise um ihre jüngeren Geschwister kümmern. Andere hatten beste Voraussetzungen – eine gute technische Ausrüstung und Eltern, die bei Fragen weiterhelfen konnten.» Solche Unterschiede hätten zu den stark unterschiedlichen Leistungen beigetragen.

Die Regierung wiederholt denn auch ihr Hauptargument gegen den Fernunterricht: Schule sei ein sozialer Vorgang und lebe vom direkten physischen Austausch. «Schülerinnen und Schüler lernen nicht nur aus Büchern, Skripten oder Onlinemedien, sondern entscheidend auch von der Lehrperson und voneinander.»

St. Galler Berufsschüler wären gegenüber anderen Kantonen benachteiligt

In der Berufsbildung, die sich nach schweizweiten Vorgaben richtet, befürchtet die Regierung zudem, dass St. Galler Schüler mit dem Homeschooling einen Nachteil gegenüber Schülern aus anderen Kantonen hätten, in welchen nach wie vor Präsenzunterricht stattfinde. Insbesondere bei schwächeren Lernenden werde der Berufseinstieg aufgrund von allfälligen Wissenslücken noch erschwert.

Zeugnisse und Abschlüsse 2021 nicht gefährden

Ein weiterer Haken des Fernunterrichts sind die Prüfungen. «Valide Prüfungen sind im Fernunterricht kaum möglich. Nach dem Lockdown vom Frühling fehlte es denn auch im Sommer an einer soliden Notenbasis für die Leistungsbewertungen», schreibt die Regierung. Mittelschüler erhielten im vergangenen Sommer keine Zeugnisse, auf Lehrabschlussprüfungen musste teils komplett verzichtet werden.

«Eine erneute Anordnung von Fernunterricht würde die Zeugniserteilung im Januar 2021 wie auch die Schul- und Lehrabschlüsse im Sommer 2021 gefährden.»

Tina Cassidy sagt darum: «Falls wir wider Erwarten doch wieder in den Fernunterricht wechseln müssten, so würden wir voraussetzen, dass wir die Schülerinnen und Schüler zumindest punktuell in die Schule holen dürfen – für Prüfungen oder Laborlektionen beispielsweise.»

Regierung hat «gutes Gewissen» beim Präsenzunterricht

Für die Regierung ist somit klar: Sie wird ein erneutes Homeschooling «nicht ohne grosse Not» anordnen. Die Bedenken aus der Schülerschaft wegen der Ansteckungsgefahr teilt sie nicht unbedingt: «Die strengen Schutzkonzepte erlauben es in der aktuellen Pandemiesituation, den Präsenzunterricht guten Gewissens aufrechtzuerhalten.»

Keine Auswertung zur Volksschule

Wie gut haben die Schülerinnen und Schüler der Volksschule die Lernziele im Fernunterricht erreicht? Für den Kanton St. Gallen gebe es keine Zahlen dazu, sagt Alexander Kummer, Leiter des Amts für Volksschule. «Es lässt sich aber wohl sagen, dass für die Volksschule als Ganzes – vom Kindergarten bis in die 3. Oberstufe – die Voraussetzungen für Fernunterricht suboptimal sind. Der Präsenzunterricht ist im Alter der Volksschulkinder zentral für das Lernen.» Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie der Universität Oxford, die dieser Tage in ganz Europa für Schlagzeilen sorgte. Demnach lag der Lernfortschritt von niederländischen Primarschulkindern etwa 20 Prozent unter jenem der Vorjahre. Diese 20 Prozent entsprächen in etwa der Zeitdauer der Schulschliessungen. (av)