«Kein Bedarf für ein Babyfenster»

In Davos wurde im Juni das zweite Babyfenster der Schweiz installiert. Die Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind plant nun auch in der Ostschweiz eine derartige Einrichtung. Die regionalen Spitäler reagieren jedoch zurückhaltend.

Sarah Schmalz
Merken
Drucken
Teilen
Die Einsiedler Babyklappe – sieben Neugeborene wurden hier seit 2001 anonym abgegeben. (Bild: ky/Sigi Tischler)

Die Einsiedler Babyklappe – sieben Neugeborene wurden hier seit 2001 anonym abgegeben. (Bild: ky/Sigi Tischler)

Eine Klappe, dahinter ein geheiztes Bettchen mit Decke – in Einsiedeln und seit diesem Juni auch in Davos sind so genannte Babyfenster bereits Realität. Seit der Eröffnung der Einsiedler Babyklappe im Jahr 2001 haben sieben Frauen ihr Kind anonym in sichere Obhut gegeben. Dominik Müggler, Präsident der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind (SHMK), die sich auch gegen Abtreibungen stark macht, ist überzeugt: «Gäbe es in allen Regionen der Schweiz ein Babyfenster, könnten wesentlich mehr Säuglinge gerettet werden.»

Drei Motionen abgelehnt

Dass dies bisher nicht der Fall ist, hat laut Müggler mit den drei Motionen zur anonymen Geburt (siehe Kasten) zu tun, die allesamt durch das Parlament abgelehnt wurden – die letzte im Jahr 2009. «Anonyme Geburten wären für uns die beste Lösung», sagt er. Nach den negativen Entscheiden konzentriere man sich nun wieder auf die Einrichtung von Babyfenstern. Die SHMK hat dafür sechs Regionen evaluiert, darunter auch den Raum St. Gallen/Appenzell/Toggenburg. Ein konkretes Projekt für die Ostschweiz gibt es noch nicht. Doch Müggler ist optimistisch. Er verweist auf die gute Zusammenarbeit mit Spitälern und Vormundschaftsbehörden in Einsiedeln und Davos und betont die breite Akzeptanz der Babyfenster in der Bevölkerung. Tatsächlich halten laut einer aktuellen Umfrage 87 Prozent der Befragten Babyfenster für sinnvoll.

Kantonsspital ist kritisch

Andreas Malzacher, leitender Arzt Neonatologie der Frauenklinik des Kantonsspitals St. Gallen, steht dem Thema kritischer gegenüber. Die Spitalleitung habe mehrmals über die Installation eines Babyfensters diskutiert, sagt er, sich aber immer wieder dagegen entschieden. Man halte den Aufwand – ein Babyfenster müsse schliesslich permanent überwacht werden – letztlich einfach für grösser als den Nutzen. Der Kinderarzt verweist auf Deutschland, wo nach einem «regelrechten Boom in den vergangenen 15 Jahren» die «Klappen» nun kontrovers diskutiert und einige bereits wieder geschlossen würden – im Zentrum der Debatte steht die Frage, ob Babyfenster tatsächlich Kindstötungen verhindern. Eine kürzlich veröffentlichte Studie des deutschen Jugendinstituts hält fest: «Frauen, die ihr Neugeborenes töten oder aussetzen, werden mit den Babyfenstern nicht erreicht.» Wer eine solche Tat begehe, handle panikartig. Wolle eine Frau ihr Kind hingegen in sichere Hände geben, täte sie dies auch ohne die Möglichkeit der anonymen Abgabe – etwa durch eine gewöhnliche Adoption. Das glaubt auch Andreas Malzacher. In den dreizehn Jahren seiner Tätigkeit am Kantonsspital sei noch nie ein Kind anonym abgegeben, also zum Beispiel vor die Türe der Frauenklinik gelegt worden. Der Arzt sagt deshalb: «Wir sehen keinen Bedarf für ein Babyfenster.»

Weitere Spitäler zurückhaltend

Auch die Klinik Stephanshorn schreibt auf Anfrage: «Über das Babyfenster wurde früher klinikintern bereits diskutiert, es wurde jedoch nie als notwendig betrachtet. Ein aktueller Bedarf besteht somit unsererseits nicht.» Die Spitäler Wil, Frauenfeld, Appenzell und Altstätten sind ebenfalls zurückhaltend. Einhellig heisst es, man habe sich bisher nicht konkret mit dem Thema Babyfenster auseinandergesetzt, da man keine Notwendigkeit für eine solche Einrichtung festgestellt habe.