«Kaum kratzt es im Hals, haben die Leute Angst»: Wie das Corona-Virus den Alltag des Rorschacher Hausarztes Lukas Moll verändert hat

In der Corona-Krise ist der Rorschacher Hausarzt Lukas Moll zum wichtigsten Berater seiner Patienten geworden.

Michael Genova
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Mit Mundschutz und aus sicherer Distanz: Lukas Moll spricht mit seiner Patientin Stefania Cerfeda, die seit mehreren Wochen an einer Bronchitis leidet.

Mit Mundschutz und aus sicherer Distanz: Lukas Moll spricht mit seiner Patientin Stefania Cerfeda, die seit mehreren Wochen an einer Bronchitis leidet.

Benjamin Manser

Seit einer Woche kämpft Hausarzt Lukas Moll gegen die Verunsicherung. Die Telefone in seiner Praxis klingeln pausenlos, die drei Leitungen sind permanent besetzt. Seine Praxisassistentinnen klären auf, beraten und beruhigen. Wer nun einen blöden Husten habe, rufe an, sagt Moll. «Kaum kratzt es im Hals, haben die Leute Angst.» Das Corona-Virus hat alte Gewissheiten ins Wanken gebracht.

Es ist Freitag, 13.11 Uhr. In der Praxis im Federer-Haus am Rorschacher Hafenplatz ist für einen Moment lang Ruhe eingekehrt. Früher war hier die äbtische Taverne Zum Gülden Löwen. Heute erinnert im Sprechzimmer 1 noch ein alter Klostertisch an jene Zeiten. Lukas Moll, 41 Jahre alt, trägt ein weisses Polo-Shirt, weisse Hosen und rote Puma-Turnschuhe. Zurzeit kommen zwar weniger Patienten zur Visite vorbei, doch Moll weiss, die Lage ist ernst. Er sagt:

«Die Welle wird uns treffen.»

In den kommenden Tagen werde die Zahl der Corona-Fälle steigen.

Eine Schutzbrille aus dem Gallusmarkt

Vorerst ringt der Hausarzt allerdings mit profaneren Problemen, mit «nervenaufreibenden Nebenschauplätzen». Einer davon ist die Suche nach knappem Schutzmaterial. Vom Kanton St.Gallen hat er zwar 500 Hygienemasken erhalten, doch Desinfektionsmittel kann er über die üblichen Kanäle längst nicht mehr bestellen. Und von Einweg-Schutzmäntelchen, wie man sie zurzeit am Fernsehen sieht, kann er nur träumen. Zum Glück konnte Moll über Bekannte von Bekannten kürzlich fünf Liter Desinfektionsmittel bestellen. Eine Schutzbrille hat ihm seine Frau kurzerhand im Gallusmarkt gekauft.

Hausarzt Lukas Moll.

Hausarzt Lukas Moll.

Benjamin Manser

Ein weiteres Ärgernis sind ungesicherte Nachrichten, welche die grosse Verwirrung noch steigern. So riet das Bundesamt für Gesundheit in der vergangenen Woche erst davon ab, Fieber mit dem Medikament Ibuprofen zu senken. Nur um Tage später wieder zurückzukrebsen. Die Entwarnung bekamen viele Patienten jedoch nicht mehr mit – und meldeten sich in der Folge telefonisch bei Lukas Moll.

Kurz nach 14 Uhr erwacht die Praxis wieder zum Leben. Eine Patientin streckt zögerlich den Kopf zur Tür hinein und fragt: «Darf ich reinkommen oder sind hier schon zu viele Leute?» Moll zwinkert schelmisch und nach einer Kunstpause sagt er: «Sie dürfen.»

Die Schweiz befindet sich im Ausnahmezustand, doch in Rorschach muss der Praxisalltag weitergehen. Patiente holen ihre Medikamente ab oder kommen zum Bluttest. Alte Menschen mit chronischen Schmerzen können nicht warten, bis die Pandemie besiegt ist. Lukas Moll wird an diesem Nachmittag auch eine Patientin mit einer Wadenzerrung behandeln.

Auf der Theke im Eingangsbereich steht auf einem Schild: «Achtung! Bitte halten Sie Abstand! Lehnen Sie nicht über den Empfang!» Dahinter konzentrieren sich die Praxisassistentinnen auf ihre Arbeit. Sie richten Medikamente, nehmen Anrufe entgegen und beantworten geduldig die immer gleichen Fragen zum Corona-Virus. Praxisassistentin Rafaela Studach sagt:

«Viele wollen einen Test machen.»

Sie muss dann erklären, dass die wenigen vorhandenen Tests den Risikopatienten vorbehalten sind. Die Abstandsregeln hält sie ein, so gut es eben geht. Manchmal lässt sich nicht verhindern, dass sie Patienten nahekommt. Deshalb trägt sie Mundschutz und Handschuhe, wenn sie Blut abnimmt. Ganz wohl sei ihr dabei nicht, doch Angst habe sie keine, sagt Studach.

Besuch bei Hausarzt Lukas Moll während der Corona-Pandemie.
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Besuch bei Hausarzt Lukas Moll während der Corona-Pandemie.

Benjamin Manser

Die Verdachtsfälle kommen ins Sprechzimmer 2

An der Praxistüre klingelt es zwei Mal. Es ist das vereinbarte Zeichen für Patienten mit einem Atemwegsinfekt. Die Praxisassistentin empfängt Stefania Cerfeda, gibt ihr eine Hygienemaske und begleitet sie ins Sprechzimmer 2. Dort werden dieser Tage die Verdachtsfälle behandelt. Die Schweizerische und St. Galler Ärztegesellschaften fordern von den Hausärzten zwar, Corona-Tests in Zelten oder Containern ausserhalb der Praxis durchzuführen. Doch ohne Unterstützung vom Kanton sei dies absolut unrealistisch, sagt Moll.

Cerfeda hat einen Husten, der einfach nicht verschwinden will. Vor zweieinhalb Wochen rief sie Lukas Moll an, erhielt Medikamente und Ratschläge. Nun ist sie doch in die Praxis gekommen, weil sich auch die Nasennebenhöhlen entzündet haben. «Die Bronchitis ist chronifiziert», erklärt Moll aus sicherer Distanz.

«Diesen Husten habe ich jedes Jahr», sagt sie. Normalerweise wäre sie nicht zum Arzt gegangen. Doch nun habe ihr Umfeld Druck gemacht und gefordert, sie solle sich gründlich untersuchen lassen.

«Mein Mann hat Panik.»

Doch Cerfeda ist guter Dinge. «Ich habe ein Urvertrauen – es kommt so, wie es kommen muss.» Die Leute müssten positiv bleiben, denn das Negative schwäche das Immunsystem.

Zurzeit Mangelware: Röhrchen und Stäbchen für den Corona-Test.

Zurzeit Mangelware: Röhrchen und Stäbchen für den Corona-Test.

(Bild: Benjamin Manser)

Lukas Moll freut sich über den Gleichmut seiner Patientin. Es gehe ihr gut, sagt er. Sie müsse allerdings weiterhin zu Hause bleiben. Und: «Eine gewisse Restunsicherheit bleibt bestehen.» Er würde seine Patientin deshalb gerne auf das Corona-Virus testen, doch das Material ist knapp. Und die 40-jährige Goldacherin gehört nicht zur Risikogruppe. Bislang hat Moll zehn Corona-Tests ins Labor geschickt – alle zehn waren negativ.

Das Virus hat das Leben zweigeteilt

Nach 15 Minuten ist die Untersuchung vorbei. Lukas Moll wünscht gute Besserung, eine Praxisassistentin begleitet Stefania Cerfeda zur Türe und achtet darauf, dass die Patientin die Türklinke nicht berührt. Danach wird der Behandlungsstuhl im Sprechzimmer 2 gründlich desinfiziert.

Eine Praxisassistentin desinfiziert die Ablageflächen im Sprechzimmer 2, in dem Verdachtsfälle untersucht werden.

Eine Praxisassistentin desinfiziert die Ablageflächen im Sprechzimmer 2, in dem Verdachtsfälle untersucht werden.

(Bild: Benjamin Manser)

Das Corona-Virus hat das öffentliche Leben zweigeteilt. Während die einen zu Hause bleiben, halten die anderen die Stellung: Pöstler und Verkäuferinnen, Busfahrer und Bäuerinnen, Pflegende und Hausärzte. Für Lukas Moll eine Selbstverständlichkeit. Sein Beruf sei die Medizin – und Medizin habe mit kranken Menschen zu tun. «Angst? Wenn ich die hätte, dürfte nicht mehr hier sein.»

Während er spricht, wandert sein Blick zum heiligen Johannes, der seit Jahrzehnten über die Patientinnen und Patienten wacht. Lukas Moll hat die Holzstatue stehengelassen, als er die Praxis vor acht Jahren von seinem Vater übernommen hat.