Wenig Mut, dafür Gipfeli: Der St.Galler Wahlkampf, der keiner ist

Nur noch vier Wochen bis zu den Regierungswahlen im Kanton St.Gallen. Bisher verläuft der Wahlkampf überraschungsfrei. Die Spitaldebatte ist den Kandidierenden zu heikel, bei anderen Themen fehlen eigene Akzente. Eines kann den flauen Wahlkampf noch retten.

Katharina Brenner und Regula Weik
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Die Parteien präsentieren ihre Regierungsratskandidaten im Duo wie die FDP Marc Mächler und Beat Tinner in Wittenbach.

Die Parteien präsentieren ihre Regierungsratskandidaten im Duo wie die FDP Marc Mächler und Beat Tinner in Wittenbach.

Urs Bucher

Die Uhr tickt: In viereinhalb Wochen wählen St.Gallerinnen und St.Galler eine neue Regierung. Doch der Wahlkampf kommt nicht in Fahrt. Und das, obwohl zehn Personen um die sieben Sitze kämpfen. Drei davon werden vakant. Kreative Kampagnen, überraschende Slogans und Aktionen, geschweige denn Chuzpe, lassen auf sich warten. Vor allem aber fehlen konkrete Ideen für den Kanton St.Gallen.

Von links bis rechts werden zwar gewichtige Ansagen gemacht wie «mehr Gerechtigkeit», «wachstumsorientierte Steuerpolitik», «intelligente Lösungen beim Verkehr». Doch konkret wird es nur ganz vereinzelt. Die Grüne-Kandidatin Rahel Würmli möchte neue Ölheizungen verbieten, SP-Kandidatin Laura Bucher eine Quote für mehr Frauen in Führungspositionen beim Kanton einführen. Beides überraschungsfreie Anliegen, mit denen beide auf Parteilinie sind.

Exponiert in diesem Regierungswahlkampf hat sich bisher einzig FDP-Kandidat Beat Tinner mit seiner Forderung, der Kanton St.Gallen müsse für Reiche attraktiver werden. Das gab zu reden auf der Strasse. Und in Politikerkreisen. Dort meistens hinter vorgehaltener Hand. Die Reaktionen reichen von «Skandal» bis «Respekt» und es wird gerätselt: Kostet die Aussage Tinner die Wahl? Oder punktet er am Ende gar damit? Als er die Forderung gelesen habe, da sei seine erste Reaktion gewesen: «Nun kann die FDP gleich damit beginnen, einen neuen Kandidaten für den zweiten Wahlgang zu suchen», sagt ein Bürgerlicher, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will.

Niemand will sich pointiert zur Spitaldebatte äussern

Ein unspektakulärer Wahlkampf und eine tiefe Wahlbeteiligung sind Zeichen von Stabilität und Wohlstand. Beides nicht per se schlecht. Allerdings gibt es auch im Kanton St.Gallen ausreichend Themen, die seine Bürgerinnen und Bürger umtreiben. Allen voran die steigenden Gesundheitskosten und die Zukunft der Spitäler. Doch keiner der Kandidierenden will sich pointiert in der Spitaldebatte äussern. Zu heikel.

Auch bei den Themen Verkehr, Integration und Kultur fehlen eigene Akzente. An Präsenz eingebüsst hat der Klimawandel – zumindest in der politischen Debatte. Noch im Herbst waren plötzlich alle vegi oder vegan, hatten die Ölheizung längst durch eine Wärmepumpe ersetzt und machten Ferien in der Schweiz. Und jetzt? Alle reden vom ausbleibenden Winter, vom Ende des Wintertourismus – vom eigenen Verhalten redet niemand mehr. Hat sich das Klima als Wahlkampf-Thema bereits abgenutzt? Oder macht einen umweltbewusstes Verhalten nicht mehr anders oder gar besser als die andern?

Die Kandidaten geben sich als Macher

Die Terminkalender der Kandidatinnen und Kandidaten sind indes seit Wochen gut gefüllt: Vom Neujahrsapéro über Standaktionen bis zum Besuch des lokalen Schützenverbands. Sie verteilen frühmorgens Gipfeli an müde Pendler oder stülpen Schutzhüllen in SP-Rot über Velosattel. Die Kandidaten geben sich als Macher. Und sie wollen alle nah beim Volk sein. Bei Beat Tinner klingt das schon fast wie der Slogan eines Zügelunternehmens: «Hört zu. Packt an. Setzt um.»

Gleichzeitig verkommt der Wahlkampf immer mehr zu einer Materialschlacht. Flyer, Prospekte und Wahlzeitungen verstopfen den Briefkasten und wandern meist ungesehen ins Altpapier. Trotzdem mag kaum eine Politikerin, kaum ein Politiker darauf verzichten. Genauso wenig wie auf einen Auftritt in den sozialen Medien oder auf einer eigenen Homepage.

Susanne Hartmann und Bruno Damann präsentieren sich auf einer gemeinsamen, ebenso Fredy Fässler und Laura Bucher, Stefan Kölliker und Michael Götte siegessicher unter «ihre-regierungsräte.ch». Auch auf Plakaten sind sie jeweils zusammen zu sehen, ebenso die beiden FDP-Kandidaten Marc Mächler und Beat Tinner. Die Neuen profitieren von den Bisherigen und andersrum. Der Auftritt im Duo suggeriert: Gemeinsam stark.

Der einzige Kandidat ohne Partei im Rücken gibt sich bedeckt

Der einzige Kandidat, der ohne Partei im Rücken antritt, ist Zlatan Subasic. Der Überraschungskandidat von Parteifrei SG könnte eine kreative, eigenwillige Agenda für den Kanton entwickeln. Stattdessen gibt er sich bedeckt und nennt als einzig konkretes, politisches Ziel: gegen Tierversuche.

Was also kann den flauen Wahlkampf noch retten? Angriffige Voten, mutige Ideen und schlagfertige Antworten auf den noch anstehenden Podien.

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