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Fast jede Klasse ist auch eine Band: die Klasse 3b beim Proben. (Bilder: Mareycke Frehner)

Fast jede Klasse ist auch eine Band: die Klasse 3b beim Proben. (Bilder: Mareycke Frehner)

Kathi: Eine lärmige Mädchenfamilie

Längst unterrichten am «Kathi» keine Schwestern mehr. Die Wiler Mädchensek setzt auf Musik und Gemeinschaftssinn. Geht es nach dem Stadtrat, könnte die über 200-jährige Geschichte der einstigen Klosterschule bald enden.
Kaspar Enz

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Sie liegt etwas versteckt hinter dem Wiler Kloster St. Katharina, doch man kann sie bald hören. Aus einem Fenster des «Kathi» ertönt Musik. Auch dafür ist die Mädchensekundarschule bekannt. Im ersten Stock riecht es nach frisch gebackenem Teig. Aber bis zum Mittagessen müssen die Schülerinnen noch ein paar Lektionen durchhalten.

Es ist Pause. Am Buffet gibt’s Brötli oder Müesli. Die Schülerinnen der 3b drängen sich um ­einen der Holztische. «Hier kann ich mit allen Kolleginnen Mittag essen – mega cool», sagt Andrina. Was manche Schulgemeinde mit Müh und Not aufbauen muss, gab es hier schon immer: Mittagstisch und Hausaufgabenbetreuung, in der Schule statt zu Hause bei der Familie. «Das hier ist wie eine Familie», sagt Lea. Eine Art Zuhause, so der Tenor am Tisch. Ein recht ausgelassenes sogar. «Es ist meistens ein ziemlicher Lärm hier.»

Ausgelassene Stimmung in der Pause.

Ausgelassene Stimmung in der Pause.

Einstige Klosterschule

Das Kathi ist eine Institution. Es hat manche bekannte Wilerin hervorgebracht, mit Karin Keller-Sutter vielleicht bald eine Bundesrätin. Ihre Sek-Zeit ist eine Weile her. Und es war anders damals, strenger, sagt Corinne Alder.

In den 1980er-Jahren war sie Schülerin im Kathi. Heute gibt’s Buffet, freie Platzwahl und Lärm. «Damals sass man ordentlich am Tisch, vor dem Essen wurde gebetet.» Es gab schon weltliche Lehrerinnen, aber es war eine Klosterschule, auch Schwestern unterrichteten und führten die Schule. Sie achteten auf Tischmanieren, es gab Kleidervorschriften.

Trotzdem zog es Alder schon bald zurück, nachdem sie Lehrerin geworden war. Seit 2011 ist sie Schulleiterin. Die Schwestern mögen streng gewesen sein. «Aber sie waren weltoffen. Sie haben uns keine Traumwelt verkauft. Und sie sind auf die Schülerinnen und ihre Bedürfnisse eingegangen.»

Werte statt Religion

Mit der Zeit verschwanden die Klosterschwestern aus dem Schulalltag. Den Dominikanerinnen des Klosters fehlte der Nachwuchs. Seit einigen Jahren führt eine Stiftung die Schule. Aber die Religion ist nicht ganz verschwunden. Zumindest einmal im Advent sollen die Schülerinnen früh aufstehen zur Rorate-Messe. Und eine Reise nach Assisi samt Lektionen über das Leben des heiligen Franz gehören immer noch zum Programm jeder Klasse: Das Kathi will Leistungsschule, Tagesschule und musische Schule sein, aber auch «Werteschule».

«Wir wollen unsere Schülerinnen nicht zu Christinnen machen», sagt Eva Sutter, Leiterin des Ressorts Religion. «Aber zu jungen Frauen, die wissen, wer sie sind.» Und dazu gehören Ideale wie Gemeinschaft, Toleranz und Achtsamkeit. «Das sind auch die Werte, die den Schülerinnen am wichtigsten sind», sagt ­Corinne Alder.

Werteschule: Eine Schülerin zündet eine Kerze an.

Werteschule: Eine Schülerin zündet eine Kerze an.

Alles andere wäre auch schwierig. Zwar hat die Schule einen katholischen Hintergrund. Aber andere Konfessionen waren immer zugelassen, sagt Alder, die selbst reformiert ist. «Uns ist es ein Anliegen, dass die Schülerinnen sich und ihre Herkunft kennen lernen sowie Gemeinsamkeiten entdecken. Wir haben auch Musliminnen. Gerade religiösere muslimische Eltern schicken ihre Kinder gerne zu uns. Wenigstens reden wir über Religion», sagt Eva Sutter. Und es gibt am Kathi immer noch keine Buben. «Manche sagen, das sei nicht zeit­gemäss», sagt Alder. Aber da ist sie sich nicht so sicher. «Gerade in der Pubertät entlastet das den Schulalltag.»

Dass das Kathi aber nur Mädchen unterrichtet, wird ihm nun vielleicht zum Verhängnis. Der Vertrag der Stadt Wil mit der Mädchenschule erlaubt Wiler Sekschülerinnen freien Zugang zum ­Kathi. 162 Schülerinnen gehen hier zur Schule. Mädchen, die in den anderen ­Wiler Oberstufen fehlen – dort gibt es zu viele Buben, beklagen einige.

Auch deswegen soll der Vertrag gekündigt werden, hat der Stadtrat entschieden. Ob es so weit kommt, ist nicht klar. Auch das Stadtparlament hat ein Wörtchen mitzureden, am Ende vielleicht das Volk.

Die Klosterschulen öffnen sich

Die Mädchensekundarschule St. Katharina ist nicht die einzige geschlechtergetrennte Schule im Kanton St. Gallen. Auch an der Gossauer Maitli­sek werden nur Mädchen unterrichtet. Die St. Galler Flade führt Mädchen-, Buben- sowie gemischte Klassen.

Alle Schulen haben einen katholischen Ursprung: Die Bubensek der Flade ist noch heute im Stiftsbezirk untergebracht, auch wenn keine Ordensbrüder mehr unterrichten. In der 1912 gegründeten Maitlisek in Gossau lehrten bis in die 1970er-Jahre vor allem Ingenbohler Schwestern.

So bestehen Parallelen zum Kathi, das vom Wiler Dominikanerinnenkloster St. Katharina geführt wurde. Alle drei Schulen sind auch fester Teil des Volksschulsystems ihrer Standortgemeinden – und standen immer wieder unter Reformdruck. Längst sind auch andere Konfessionen zugelassen.

Zuletzt stimmten Flade wie Maitlisek einer weiteren Öffnung zu: Ab Sommer 2019 werden beide Schulen auch Realschülerinnen und -schülern offen stehen. In Gossau soll dies helfen, das Ungleichgewicht zwischen Mädchen und Buben an der ­öffentlichen Sek auszugleichen.

Ein ähnliches Modell stand auch in Wil für die Mädchensekundarschule St. Katharina zur Diskussion. Der Stadtrat hat sich aber Anfang Woche dagegen entschieden. Er plant ohne das Kathi. Parlament oder Volk können den Entscheid aber noch umstossen. (ken)

Mut statt Zickenkrieg

Den Schülerinnen jedenfalls fehlen die Buben kaum. «Wir trauen uns mehr zu ohne Buben», sagt Sara am Pausentisch der 3b. Die Konkurrenz fehlt. «Wir müssen uns weniger darum kümmern, was wir anziehen, mit wem wir reden.» Und vom Zickenkrieg, von dem alle gewarnt hätten, sei kaum etwas zu spüren. «Man hat vielleicht mal eine Meinungsverschiedenheit, aber die ist am nächsten Tag vergessen.» Eigentlich fehlen die Buben nur ein paar Tage im Jahr. «Im Skilager. Da wäre es lustiger mit den Buben.»

Dass die dort fehlen, findet Klassenlehrerin Sabine Burkhardt nicht schlimm. «Da müsste man viel strenger sein», sagt sie. Auch im Klassenzimmer fehlen sie nicht. «Ich kann mich aufs Wesentliche konzentrieren, den Inhalt des Unterrichts.» Das gelte auch für Schülerinnen. «Sie sind weniger gehemmt, ­weniger damit beschäftigt, sich an Geschlechterrollen anzupassen.»

Das gelte auch für Buben, meint Sportlehrer Klemens Häfliger. Er hat es selber erlebt. «Ich wuchs neben der Maitlisek in Gossau auf – deswegen waren in meiner Sekklasse nur Buben.» Manche wenden ein, die Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht sei wichtig für die Entwicklung. «Wir hatten auch Kontakt zu Mädchen, auch wenn wir nicht mit ihnen in der Klasse sassen», sagt er. Das Kathi zu schliessen, sei nicht die Lösung. «Vielleicht braucht es eben auch ein ­Kathi für Buben.»

Die Klasse 3b im Schulzimmer.

Die Klasse 3b im Schulzimmer.

Leistung und Muse

Wer das Kathi wählt, tut das nicht nur, weil die Mädchen hier unter sich sind. «Für die Eltern ist wohl vor allem die Leistungsschule wichtig», meint Corinne Alder. Auch die Tagesstrukturen seien für sie ein Vorteil. Für die Schülerinnen zähle wohl die Musik, die kreativen Fächer. «Die verlieren leider vielerorts an Bedeutung.» Im Kathi bildet dagegen fast jede Klasse eine Band, nicht nur die eigentlichen Musikklassen wie die 3b. «Ich wollte ans Kathi, weil viele Kolleginnen hingingen. Und wegen der Musik», sagt Andrina.


Nun probt ihre Klasse in der Aula des Neubaus und spielt «Believer» von Imagine Dragons. Musiklehrer Cyril Schönenberger und Klassenlehrerin Sabine Burkhardt feilen an den Einsätzen und der Choreografie. Musikklassen wie die 3b haben zwar drei Lektionen weniger in anderen Fächern. Aber sie sind deswegen nicht langsamer. «Die drei Lektionen merkt man nicht», sagt Sara. «Ich freue mich auf fast jeden Tag.»

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