Katharina Lehmann: «Ich habe wohl ein hölzernes Herz»

Eine Frau prägt die Holzbranche: Katharina Lehmann übernahm mit 24 Jahren die Leitung des Familienbetriebes. Die damalige Interimslösung dauert nun schon 22 Jahre. In dieser Zeit hat Lehmann gezeigt, dass Holz mehr ist als nur heimelig.

Herbert Bosshart
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Katharina Lehmann: Im Erlenhof «irgendwie» hängen geblieben. (Bild: Beat Belser)

Katharina Lehmann: Im Erlenhof «irgendwie» hängen geblieben. (Bild: Beat Belser)

«Eigentlich war es nicht mein Ziel, die Leitung unseres Familienbetriebes zu übernehmen», sagt Katharina Lehmann. Doch nachdem ihr Vater Leonhard Lehmann 1996 einen Schlaganfall erlitten hatte, übernahm sie als 24-Jährige den Betrieb im Erlenhof in Gossau. Das Unternehmen bestand damals aus der Sägerei, der Zimmerei und dem Holzmarkt an der Bischofszellerstrasse, wo aktuell die Landi Gossau entsteht.

Übergangslösung hält 22 Jahre

Ihren Einstieg verstand Katharina Lehmann damals als «eine Übergangslösung». «Ich wollte einfach dafür sorgen, dass der Betrieb weitergeht, dass die Firma den gesundheitlichen Schicksalsschlag ihres Chefs überstehen würde.» Doch dann ist sie im Erlenhof «irgendwie» hängen geblieben. «Es gab immer wieder neue Projekte, die mich gefordert haben», erklärt die heute 46-Jährige. Seit 22 Jahren steht sie nun an der Spitze der Lehmann-Gruppe, die unter ihrer Leitung den Personalbestand, den Umsatz und die Geschäftstätigkeit stark ausgebaut hat. Sie habe aber noch immer nicht das Gefühl, dass sie dereinst im Erlenhof pensioniert werde. «Mal schauen, was kommt. Wenn ich was nütze, bleibe ich.»

Der Betrieb im Erlenhof in der Nordwest-Ecke Gossaus ist ihr Zuhause. «Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich meine Kindheit verbracht.» Am 15. Februar 1972 geboren, besuchte Katharina Lehmann die Primar- und Sekundarschule in Gossau. Dann folgte der Besuch der Kantonsschule in St.Gallen, wo sie die Wirtschaftsmatura abschloss. Danach wollte sie «einfach mal weg von zu Hause». So trampte sie quer durch Afrika. Ihren Trip finanzierte sie mit Gelegenheitsjobs. «Die Zeit in Afrika war eine gute Erfahrung, die mich mein Leben lang begleitet.» Zurück in der Schweiz, begann sie an der HSG ein BWL-Studium und schloss 1997 ab – ein Jahr, nachdem sie die Leitung des Familienbetriebes übernommen hatte.

Leidenschaft Holz

Die Liebe zum Werkstoff Holz hat Katharina Lehmann sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. «Holz war und ist das Zentrum meines Lebens», bekennt Lehmann und meint lachend: «Ich habe wohl ein hölzernes Herz – im positiven Sinne. Holz ist der Inhalt meiner Tätigkeit und meine Lebensaufgabe.» Und so erstaunt es nicht, dass sie ihrer Liebe auch über den Erlenhof hinaus treu dient. Lehmann ist bekannt für ihr Engagement für die Schweizer Holzindustrie und den Holzbau. Sie bringt ihr Wissen in zahlreiche Projekte der Holzwirtschaft ein – auch international. Die Lehmann-Chefin ist vom Werkstoff Holz fasziniert. «Holz ist für mich der Inbegriff der Nachhaltigkeit.» Und als Material ist Holz für Lehmann «der vielseitigste und sinnhafteste Baustoff überhaupt». Er verfüge über eine Reihe herausragender Eigenschaften, gerät sie ins Schwärmen.

Die Faszination für den einheimischen Werk- und Baustoff Holz präge das Handeln der rund 300 Mitarbeitenden der Lehmann-Gruppe. Holz, so Lehmann weiter, sei ein nachwachsender, CO2-neutraler Baustoff und Energieträger. Dank modernster Bearbeitungs- und Verfahrenstechnik eröffne der Baustoff Holz architektonisch und konstruktiv immer wieder völlig neue Anwendungsfelder, erklärt Katharina Lehmann weiter. In der Holzbau-Disziplin «Free Form» zum Bespiel werde der natürliche Werkstoff Holz als Hightech-Baustoff für aufwendige und teils auch sehr spektakuläre Projekte verwendet. «Mit unseren Projekten beweisen wir, dass der Baustoff Holz nicht in der Schlummerecke zu Hause sein muss. Holz kann viel mehr sein als nur heimelig.»

Lehmann geht sogar so weit, dass sie Holz als «Baustoff der Zukunft» bezeichnet. «Wir haben unsere Planungs- und Produktionsprozesse so stark modernisiert, dass wir bei vielen Projektausschreibungen gut mithalten können. Das Thema Vorfertigung wird auch im Bauwesen immer wichtiger.»

Vorzeigeprojekte im Ausland

Mit den Produkten und Dienstleistungen im Silobau und im Holzbau mit den Modul- und Free-Form-Bauten ist die Lehmann-Gruppe über die Grenzen der Schweiz hinaus tätig. «Wir sind stolz darauf, unsere Leistungsfähigkeit auch im Ausland beweisen zu können», meint Katharina Lehmann. «Unsere Mannschaft zeigt in einer kleinen Nische des Holzbaus, wozu die – meist zu teuren – Schweizer fähig sind.» Nach ihren Lieblingsprojekten gefragt, denkt Lehmann lange nach. «Eigentlich begeistern mich alle Projekte. Das können auch ganz kleine sein, in denen die Höchstleistungen des Teams sichtbar werden. Besonders gefallen mir die Free-Form-Bauten.» Prägend sei vielleicht der Bau eines Golfclubhauses in Korea gewesen, weil das einer der ersten Aufträge auf einem anderen Kontinent war.

Ein «echtes Monument» werde auch die Moschee in Cambridge, die zurzeit gebaut wird. Eine Meisterleistung sei der Swatch-Bau in Biel, weil er als Projekt sehr anspruchsvoll gewesen sei.

Bekenntnis zu Gossau

Die Lehmann-Gruppe ist seit 1875 im Erlenhof zu Hause, betreibt mittlerweile aber auch kleinere Betriebsstätten in Deutschland und Luxemburg. Wie beurteilt Katharina Lehmann den Standort Gossau? «Wir sind hier historisch gewachsen», schaut sie zurück. «In den letzten Jahren haben wir im Rahmen unserer Expansion immer wieder Standorte ausserhalb von Gossau geprüft», letztmals beim Neubau für die CNC-Produktion. «Die schnelle Bewilligungspraxis der Behörden parallel zur Tatsache, dass wir damit unsere Mannschaft geografisch nahe beisammen halten können, hat uns dann den Entscheid für Gossau leicht gemacht.» Und so überrascht es nicht, dass die Lehmann-Gruppe auch für die aktuellen Ausbaupläne auf den Standort Erlenhof setzt.

«Wir wollen hier zusätzliche Kapazitäten und Möglichkeiten für das Sägewerk, die Restholzverarbeitung, das Kraftwerk und auch für den Holzbau schaffen.» Ebenfalls sind Investitionen in Infrastrukturbauten geplant. Die dafür notwendigen Zonenplanänderungen und Baugesuche sind aufgegleist. Das zeigt, dass der Vollblutunternehmerin Katharina Lehmann und ihrem Team die Ideen und Projekte nicht ausgehen. Da kommen Zweifel auf, ob sie sich doch noch je vom Erlenhof verabschieden kann.