KASTANIENHAIN: Die Marroni wachsen um die Wette

Die grösste Marroniplantage nördlich der Alpen entwickelt sich prächtig. Auch die Frostnächte im April haben die Edelkastanien in Rorschacherberg am Bodensee gut überstanden. Mehr Sorge bereiten Mäuse und Diebstähle.

Rudolf Hirtl
Merken
Drucken
Teilen
Filipp Fässler inspiziert seine Marroniplantage. (Bilder: Jil Lohse)

Filipp Fässler inspiziert seine Marroniplantage. (Bilder: Jil Lohse)

Rudolf Hirtl

rudolf.hirtl@tagblatt.ch

Müsste man Marroni nicht erst braten, um sie geniessen zu können, Filipp Fässler und Richard Hollenstein würden wohl gleich herzhaft hineinbeissen. Ihre Begeisterung über die Entwicklung der Marroniplantage in der «Bleichi» im Rorschacherberg steht ihnen beim Besuch ins Gesicht geschrieben. Sie eilen von Baum zu Baum, betrachten den Wuchs, fachsimpeln über die weiteren Schritte, und schälen, was den Laien erstaunt, bereits zahlreiche der glänzenden dunkelbraunen Nüsse aus dem stacheligem Kleid. Erstaunlich in erster Linie deshalb, weil der Goldacher Gemüseproduzent die 151 Bäumchen erst im Januar 2016 gepflanzt hat. Damals noch knappe zwei Meter hoch und erst fingerdick.

Fachstelle Obstbau begleitet den Anbau

Nun, knappe 22 Monate später, sind die Edelkastanien nicht nur beinahe doppelt so hoch. Auch die Durchmesser der Stämme der eurasischen Hybride «Marsol» sind beachtlich. Sichtbar kleiner ist die Sorte «Marigoule», aber auch sie hat sich prächtig entwickelt, sagt Richard Hollenstein von der Fachstelle Obstbau des Kantons St. Gallen, für die er den «Feldversuch» von Beginn an begleitet. Zwei Sorten sind nötig, weil Edelkastanien Fremdbefruchter sind.

Ab Juni sei das Wetter in der Region Rorschach für Bäume optimal und sehr wüchsig gewesen, sagt Fässler und blickt zufrieden auf die in vier Reihen im Abstand von sieben Metern verteilten Marronibäume. Das Wetter spielt bei seiner Tätigkeit nicht nur eine entscheidende Rolle, bei der täglichen Arbeit auf dem freien Feld spürte er es auch in all seinen Facetten – schwitzend im Sommer und mit klammen Fingern im Winter. Gemäss Fässlers Aufzeichnungen und Beobachtungen der vergangenen zwanzig Jahre ist das Klima in der weiteren Region Rorschach spürbar milder geworden. Zudem profitiere der Nordhang, an dem die Edelkastanien stehen, vom nahen Bodensee als Wärmespeicher. Auch dies eine Erklärung dafür, weshalb die Bäume derart gut gedeihen.

Mäuseplage in den Griff bekommen

Dennoch, dass er bereits am 25. September die ersten reifen Marroni von den Bäumen nehmen konnte, damit hat er nicht gerechnet. «Ich habe vielmehr befürchtet, dass die Edelkastanien hier bei uns erst im November erntereif sind», räumt der experimentierfreudige Goldacher ein, der in vergangenen Jahren auch schon erfolgreich Honigmelonen angebaut hat. Wirft die gesamte Plantage diesen Herbst erst ein paar wenige Kilo Marroni ab, so ist in zehn Jahren mit Erträgen zwischen 15 und 35 Kilo pro Baum zu rechnen.

Damit es soweit kommt, muss die Plantage nicht nur aufwendig gepflegt werden. Fässler muss sich auch etwas gegen die Mäuseplage einfallen lassen, denn ein halbes Dutzend der Marronibäume ist den Nagern bereits zum Opfer gefallen. «Mäuse lieben die Wurzeln und verputzen sie sozusagen als Dessert», sagt Richard Hollenstein und empfiehlt als Massnahme den Einsatz von Fallen. Der Fachmann, der bei der Fachstelle Obstbau des Kantons St. Gallen die Leitung der Versuchsflächen an den Standorten Flawil und Frümsen inne hat, gibt auch Tipps, wie die Bäume zu schneiden sind. So soll der mittlere Trieb forciert und die seitlichen Äste gestutzt werden, damit die Bäume Stabilität erhalten. Dies optimal noch vor dem Wintereinbruch, da schwerer Schnee die Äste knicken könnte.

In der Regel wachsen in den stacheligen Fruchtbechern eine grosse und zwei kleine Marroni. Um für die kommenden Jahre eine möglichst genaue Ernteprognose festlegen zu können, notiert Filipp Fässler das durchschnittliche Gewicht einiger abgezählter Nüsse. So kann er im nächsten Juni aufgrund der Fruchtstände abschätzen, welche Mengen an Edelkastanien zu erwarten sind.

Fässler blickt nicht ohne Sorgenfalten in die Zukunft, wofür nicht nur immer extremere Wetterkapriolen verantwortlich sind. Diebstähle bereiten ihm mindestens so viel Kopfzerbrechen. Zu Beginn wurden Jungbäume vom Feld gestohlen, und nun bedienen sich dreiste Diebe bei den Früchten.