Karte statt Bares für Asylbewerber

Der Kanton Thurgau prüft die Idee, Asylbewerbern kein Bargeld mehr in die Hand zu geben, sondern eine Plastikkarte. Damit sollen sie im Laden bargeldlos zahlen können. Das soll helfen, Missbräuche zu verhindern, sagen die Initianten.

Christof Widmer
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Bargeldlos zahlen ist für Schweizer zum Standard geworden. Nun wird erwogen, auch Asylbewerbern eine Plastikkarte zu geben. (Bild: Reto Martin)

Bargeldlos zahlen ist für Schweizer zum Standard geworden. Nun wird erwogen, auch Asylbewerbern eine Plastikkarte zu geben. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Das Konzept liegt fixfertig auf dem Tisch: Jeder Asylbewerber erhält auf seinen Namen eine Plastikkarte ausgestellt. Der Kanton zahlt das Asylgeld nicht mehr bar aus, sondern lädt es auf die Karte. Dasselbe geschieht mit Geld, das die Asylbewerber für Arbeitseinsätze bekommen. Der Karteninhaber kann damit im Laden oder am Kiosk einkaufen, nicht aber am Automaten Bargeld beziehen. Das Konzept stammt von der St. Galler MF Group (Kasten), die es in einem Pilotversuch im Thurgau testen will. Die Idee dazu hatte Reto Grubenmann. Der Thurgauer ist im Kanton bekannt als Verwaltungsratspräsident der Weinkellerei Rutishauser. Er ist aber auch Verwaltungsratspräsident der MF Group.

Karte verhindert Erpressung

«Das ist eine pfannenfertige Lösung, die zum Vorbild für die ganze Schweiz werden könnte», sagt SVP-Kantonsrat Hanspeter Gantenbein (Wuppenau). Er ist für die MF Group der Türöffner beim zuständigen kantonalen Sozialamt. Laut Gantenbein hat bereits ein Treffen stattgefunden, bei dem das Unternehmen sein System vorgestellt hat.

Ziel des bargeldlosen Zahlungsverkehrs für Asylbewerber ist, Missbräuche zu verhindern. Gantenbein denkt dabei an Asylbewerber aus Eritrea, die laut Bundesamt für Polizei ihrem Heimatstaat Steuern zahlen müssen. Das wäre mit der Plastikkarte nicht möglich. «Wenn ein Asylbewerber kein Bargeld mehr hat, kann er auch nicht mehr zu Zahlungen erpresst werden», sagt Gantenbein. Auch kriminellen Asylbewerbern liesse sich so einfacher auf die Schliche kommen: «Wer 200 Franken in bar hat, muss dann erklären, woher das Geld kommt.»

Sperre für Alkohol

Die Behörden könnten zudem einerseits den Einsatz der Karte geographisch einschränken, andererseits aber auch das Sortiment der kaufbaren Waren limitieren. «Alkohol oder der Handy-Shop könnten gesperrt werden», sagt Gantenbein. Der Kanton könnte die Bezahl-Karte zuerst für die kantonalen Durchgangsheime einführen. Dort werden die Asylbewerber, die der Bund dem Thurgau zuteilt, zuerst untergebracht und mit den Verhältnissen in der Schweiz vertraut gemacht. Nach einigen Monaten verteilt sie der Kanton an die Gemeinden, wo sie Sozialhilfe empfangen. Das bargeldlose System liesse sich auch auf die Gemeinden ausdehnen, sagt Gantenbein.

Die MF Group würde das System zum Selbstkostenpreis zur Verfügung stellen, sagt Dirk Melser, CEO der zur Gruppe gehörenden Member.ch. Verwaltungsratspräsident Grubenmann gehe es darum, einen Beitrag zu leisten, um ein Problem für den Staat zu lösen.

Kanton klärt ab

Das kantonale Sozialamt bestätigt, dass es den bargeldlosen Zahlungsverkehr für Asylbewerber prüft. «Wir klären die Frage ab, ob und für welchen Personenkreis ein solches System sinnvoll sein könnte», sagt Amtsleiterin Florentina Wohnlich. Die Prüfung sei allerdings unverbindlich. Die Idee sei von aussen an das Amt herangetragen worden. «Wir selber haben bisher keinen dringenden Bedarf für einen Systemwechsel gesehen», hält sie fest.

Heute erhalten Asylbewerber, die in einem kantonalen Durchgangsheim wohnen, ein Taschengeld von 3 Franken pro Tag bar. Je nach Heim bekommen sie zusätzlich entweder Lebensmittel oder nochmals 9 Franken, um solche zu kaufen. Werden die Asylbewerber einige Monate später auf die Gemeinden verteilt, bekommen sie dort Sozialhilfe.