Kapitäne auf Blaufahrt

Kein dichter Verkehr, keine Beschränkung der Fahrbahn, nur seltene Kontrollen: Angetrunkene Bootsführer kommen trotz Promillegrenze oft ungeschoren davon.

Noemi Heule
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Mit 1,5 Promille Alkohol im Blut strandete ein Motorbootfahrer in Rapperswil-Jona auf einer Sandbank. (Bild: Kapo SG)

Mit 1,5 Promille Alkohol im Blut strandete ein Motorbootfahrer in Rapperswil-Jona auf einer Sandbank. (Bild: Kapo SG)

Sonnige Stunden und hohe Temperaturen: Der Sommer lockte zahlreiche Bootsführer aus dem sicheren Hafen. Hinter vorgehaltener Hand wird den Hobbykapitänen gerne ein zu hoher Alkoholpegel unterstellt. Seit Anfang 2014 gilt auf Schweizer Seen mit 0,5 Promille die gleiche Alkoholgrenze wie im Strassenverkehr. Einzig auf dem Bodensee als internationales Gewässer beträgt diese 0,8 Promille.

Dennoch wird kaum jemand angetrunken am Ruder erwischt. Zwei Fälle verzeichnete der Kanton St. Gallen in dieser Saison. Der Thurgauer Seepolizei ging kein einziger angetrunkener Kapitän ins Netz. Auch die Landespolizei Vorarlberg meldet keine Alkoholsünder. Die Wasserschutzpolizei Friedrichshafen erwischte lediglich eine Person mit zu viel Alkohol im Blut.

Nach Unfällen oder bei Verdacht

Grund dafür ist nicht allein vorbildliches Verhalten. Vielmehr sind Kontrollen selten: Nur nach Unfällen oder bei konkretem Verdacht wird ein Alkoholtest durchgeführt. Beispielsweise beim 37jährigen Kapitän, der am Sonntag mitsamt Motorboot in Rapperswil-Jona auf einer Kiesbank strandete. Er hatte 1,5 Promille intus.

«Flächendeckende Alkoholkontrollen, wie sie etwa im Strassenverkehr durchgeführt werden, gibt es keine», sagt Kurt Reich, Leiter des Amtes für Schifffahrt St. Gallen. Zwar führen Kantone und Anrainerstaaten des Bodensees jeweils gemeinsam Grosskontrollen durch. Diese beschränken sich jedoch meist darauf, zu prüfen, ob Sicherheitsvorschriften eingehalten werden und die Ausrüstung komplett ist.

In 25 Jahren nie kontrolliert

Der Alkoholwert wird wiederum nur bei Auffälligkeiten getestet – und diese zeigen sich selten. «In 25 Jahren wurde ich noch nie kontrolliert», sagt etwa Hanspeter Dudler, Präsident des Segelclubs Rietli Goldach. Zwar gehöre ein «Ankerdrink» bei der Ankunft am Hafen dazu, während des Segelns aber werde nicht getrunken. Dudler gibt den Schwarzen Peter weiter an die Motorbootfahrer.

Reto Arpagaus, Präsident des Schweizerischen Bodensee-Motorbootclubs, weist den Vorwurf zurück: Von wenigen schwarzen Schafen abgesehen, sei Alkohol kein Problem im Wassersport. Tatsächlich gibt es selten Unfälle wegen Alkohols: «Das Risiko auf See zu verunfallen ist kleiner als auf der Strasse», sagt Reich. Der Verkehr sei weniger dicht, die Fahrbahn nicht beschränkt. Dennoch: «Die Gefahr, sich zu überschätzen, besteht.» Betrunkene stellen deshalb primär eine Bedrohung für sich selbst dar. Allgemein gelte: «Das grösste Risiko auf dem Wasser ist es, Gefahren zu unterschätzen.» Nicht Alkohol, sondern gerade auch das schöne Wetter könne zu Übermut verleiten.