KANTONSSPITAL: Spital verteidigt kritisierte Ärztin

Am St.Galler Kantonsspital arbeitet eine Oberärztin mit Verbindungen zum sektenähnlichen Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM). Die Leitung des Spitals stellt sich vorbehaltlos hinter die Frau.

Andri Rostetter
Drucken
Teilen
Unterschiedliche Meinungen willkommen: Ärzte am Kantonsspital St. Gallen werden nicht auf ihre Gesinnung geprüft. (Bild: Urs Bucher)

Unterschiedliche Meinungen willkommen: Ärzte am Kantonsspital St. Gallen werden nicht auf ihre Gesinnung geprüft. (Bild: Urs Bucher)

ST.GALLEN. Die Leitung des Kantonsspitals St.Gallen musste sich in den vergangenen Tagen intensiv mit einer Mitarbeiterin befassen. Der Grund liegt bereits einige Monate zurück: Die Medizinerin Karen Nestor, seit 2013 Oberärztin am Palliativzentrum des Kantonsspitals, wurde Anfang Jahr vom Bundesrat in die Nationale Ethikkommission (NEK) gewählt. Eine heikle Wahl, wie sich nun zeigt: Laut einem Bericht der «NZZ am Sonntag» ist Nestor Mitglied der Hippokratischen Gesellschaft Schweiz. Die Vereinigung gilt als eine von mehreren Nachfolgeorganisationen des Vereins zur Förderung für Psychologische Menschenkenntnis (VPM). Der VPM wurde 2002 zwar offiziell aufgelöst, die Verantwortlichen agieren aber weiter im Hintergrund. Das Gedankengut wird über diverse Kanäle weiterverbreitet, unter anderem über das Magazin «Zeit-Fragen», die «Mut zur Ethik»-Tagungen und das «Forum Naturrecht und Humanismus». Letzteres wird von VPM-Gründungsmitglied Moritz Nestor geleitet, dem Ehemann von Karen Nestor.

«Warnung vor Psychosekte»

Der VPM war in den 1990er- Jahren in den Schlagzeilen, nachdem ehemalige Mitglieder die autoritären Strukturen und den Personenkult um die Chefin Annemarie Buchholz-Kaiser beklagt hatten. Unter dem Titel «Warnung vor einer Psychosekte» schrieb die «Zeit» 1993, der VPM sei «bekannt für rabiate Auftritte, Diffamierungen und eine unglaubliche Prozesswut». In der Tat strengte der Verein weit über 150 Verfahren gegen seine Kritiker in Deutschland und der Schweiz an. In der Schweiz machte der VPM vor allem mit seiner reaktionären Haltung in der Bildungs-, Gesundheits- und Drogenpolitik von sich reden. Sektenexperten und Journalisten berichteten von Einschüchterungsversuchen, der Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) warnte 1994 vor einem «Psychokult», der den Eindruck einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft zu erwecken suche: «Diese sogenannte psychotherapeutische Betätigung des VPM entbehrt jedoch nach Auffassung des BDP jedweder fachlichen Grundlage.»

Transparenter Lebenslauf

Nach dem Tod von Buchholz-Kaiser 2014 ist es ruhig geworden um den VPM. Das Kürzel taucht kaum mehr auf, ehemalige Mitglieder wollen kaum mehr mit der Organisation in Verbindung gebracht werden. Anders Karen Nestor: In ihrem Lebenslauf macht die 46-Jährige ihre Verbindung zur Organisation transparent. Unter «berufsfremde Zusatzausbildung» heisst es: «Studienbegleitende und postgraduate psychologische Fortbildung bei Frau Dr. A. Buchholz-Kaiser und im Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis, Zürich».

«Hochgeschätztes Mitglied»

Auf Anfrage unserer Zeitung verwies Nestor gestern an ihren Vorgesetzten Thomas Cerny, Chefarzt der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital. Cerny stellt sich vorbehaltlos hinter seine Mitarbeiterin. «Wenn Karen Nestor aufgefallen ist, dann durch ihre Sorgfalt und Feinfühligkeit.» Nestor zeichne sich durch hohe fachliche Kompetenz aus und sei «ein hochgeschätztes Mitglied des Teams», hält Cerny fest. Obwohl die Palliativmedizin regelmässig mit ethischen Fragen konfrontiert sei, gebe es keine «Gesinnungsprüfung» für Mediziner, sagt Cerny. «Bei uns haben die verschiedensten Meinungen Platz. Wir wollen einen gewissen Pluralismus.» Bei Nestor sei die Gesinnung bislang aber ohnehin kein Problem gewesen, man habe das VPM-Gedankengut nie gespürt. Sie sei zwar eine vehemente Gegnerin der aktiven Sterbehilfe, wie dies auch der VPM propagierte. Eine solche Sichtweise müsse aber Platz haben in einer Klinik. «Karen Nestor hat nie versucht, Patienten oder Mitarbeiter von ihrer Weltanschauung zu überzeugen», hält Cerny fest. Die Klinik hätte sonst längst gehandelt. «Wir haben in den vergangenen 20 Jahren schon Personen entlassen, weil sie versucht haben, todkranke Patienten zu missionieren.»