KANTONSRAT: Der letzte Auftritt der alten Garde

Heute tagt der St. Galler Kantonsrat letztmals in alter Zusammensetzung. Der Rat verliert mehrere Schwergewichte. Aber es kommen vielversprechende Newcomer nach. Wen wir vermissen werden – auf wen wir uns freuen. Von Marcel Elsener, Andri Rostetter und Regula Weik.

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Nils Rickert (Bild: Peer Füglistaller)

Nils Rickert (Bild: Peer Füglistaller)

Nils Rickert (Bild: Peer Füglistaller)

Nils Rickert (Bild: Peer Füglistaller)

Nils Rickert: Wirblig, immer für ein griffiges Statement gut, mit leichtem Hang zur Selbstdarstellung: Rickert verkörperte die Chancen der Grünliberalen. Und er war der inoffizielle Botschafter des (häufig vergessenen) Kantonsteils Linthgebiet. Aus der Mitte heraus prägte der Kommunikationsprofi zuweilen ganze Vorlagen wie die Raumplanung, wo er zu den treibenden Kräften hinter dem Referendum zählte und auch Bürgerliche überzeugen konnte.

Richard Ammann (Bild: Ralph Ribi)

Richard Ammann (Bild: Ralph Ribi)

Richard Ammann: Er war kein grosser Rhetoriker, holte aber mit seinen Auftritten Sympathiepunkte über die Parteigrenzen hinweg. Und er gab seiner Partei ein Gesicht: Die St. Galler BDP, das war vor allem Richard Ammann. Naheliegenderweise profilierte sich der Sekundarlehrer nach seiner Wahl 2012 als Bildungspolitiker. Als Vertreter einer Kleinpartei war der Abtwiler zwangsläufig kaum mit dem politischen Establishment verhängt. Deshalb entschied er manchmal weniger taktisch als andere – und wagte auch wenig erfolgversprechende Schritte wie eine Ständerats- oder Regierungskandidatur.

Werner Ritter (Bild: Regina Kühne)

Werner Ritter (Bild: Regina Kühne)

Werner Ritter: Ein Schwergewicht in mehrfachem Sinne. Der Altstätter ist der geborene Politiker und ein begnadeter Entertainer. Der Sohn eines Bauern und Bruder des Bauernverbandspräsidenten war seit 2000 im Kantonsrat. Als Rechtsanwalt wie als Politiker kann Ritter wettern wie kein Zweiter, wobei er Lautstärke und Subtilität kombiniert – wenn der Originalitätsdrang nicht gerade mit ihm durchging. Seine Leibesfülle half den kabarettistischen Einlagen: So tat er dem Rat jüngst den «Ritter'schen Belastungstest» kund, als es um veraltete Holzspielgeräte ging. Und bei einer Diskussion über die Krankenversicherung meinte er einmal: «Es gibt mit Sicherheit manche Ärzte, welche mir sogar bestätigen würden, ich sei schwanger.»

Markus Straub (Bild: Benjamin Manser)

Markus Straub (Bild: Benjamin Manser)

Markus Straub: Obwohl er mehrfach bittere Niederlagen bei Anläufen für Exekutivämter (Stadtrat St. Gallen, Gemeindepräsidium Altstätten, zweimal Kantonsregierung) wegstecken musste, wirkte der SVP-Finanzpolitiker zuletzt mit seiner besonnenen Art und seinem trockenen Humor staatsmännisch. Auf dem Präsidiumssitz krönte der Stadtsanktgaller Immobilienökonom, der nun in Rüthi wohnt, seine 16 Jahre als Kantonsrat. Erinnerungswürdig, wie der Blasmusiker das Parlament mit einem Orchester verglich: «Auf der einen Seite die Holzinstrumente, vorne die Flöten, hinten die, welche auf die Pauke hauen, und auf der anderen Seite die wohlklingenden Blechblasinstrumente. Wie Sie merken, ich bin Tubist.»

Herbert Huser (Bild: Regina Kühne)

Herbert Huser (Bild: Regina Kühne)

Herbert Huser: Der abtretende Präsident der SVP-Kantonalpartei ist eine Kämpfernatur. Der Altstätter scheute sich nie, gegen den Mainstream zu schwimmen – auch gegen jenen innerhalb der eigenen Partei. Er zog über Monate durch den Kanton und wurde nicht müde, die Spitalstrategie der Regierung zu kritisieren – auch dann noch, als andere Bürgerliche längst die Fahnen gestrichen hatten. Im jüngsten Wahlkampf war er schwer unter Beschuss geraten. Zuletzt stellten ihm aber sogar seine Gegner hervorragende Noten aus für seine Arbeit als Kommissionspräsident.

Jörg Frei (Bild: Michel Canonica)

Jörg Frei (Bild: Michel Canonica)

Jörg Frei: Der frühere CVP-Präsident und Steuerexperte konnte schon als Parteipräsident gepfefferte Voten abfeuern. Im Rat beherrschte er sämtliche Disziplinen: Von spröde-supersachlichen Analysen bis spritzig-witzigen Angriffen durfte man vom Rotschopf aus Eschenbach alles erwarten. Bereits abgewählt, lief er im März nochmals zur Hochform auf, als Frei im Rat über «Freiheit» zu sinnieren begann.

Hans Oppliger (Bild: Regina Kühne)

Hans Oppliger (Bild: Regina Kühne)

Hans Oppliger: Der bärtige Bienenzüchter aus Frümsen passte eigentlich nie so recht in die hektische und leicht wichtigtuerische Atmosphäre in der Pfalz. Oppliger war auch als routinierter Parlamentarier noch so freundlich und zurückhaltend, wie es manch ein Ratsnovize nicht einmal eine Woche lang ist. Als EVP-Politiker ein wohltuender Ruhepol im permanenten Geplänkel der Grossparteien.

Anita Blöchliger Moritzi (Bild: pd)

Anita Blöchliger Moritzi (Bild: pd)

Anita Blöchliger Moritzi: Sie wirkte immer leicht gereizt, zählte aber durchaus zu den umgänglichen Ratsmitgliedern. Die Gymnasiallehrerin aus Abtwil liess sich das Denken nicht verbieten. Und die SP-Frau wich auch mal von der Parteilinie ab, wie jüngst, als sie den Vorstoss der Jungen SVP für Kleidervorschriften an Schulen begrüsste. Weil sie ihren Ärger meist unverhohlen kundtat, brachte sie unfreiwillig einmal den ganzen Rat zum Lachen, als sie betonte: «Jetzt bin ich wirklich hässig.»

Martin Sailer (Bild: Benjamin Manser)

Martin Sailer (Bild: Benjamin Manser)

Martin Sailer (neu): Viele behaupten, sie seien «nicht 08/15». Sailer darf es von sich zu Recht sagen: Der parteilose, SP-nahe Toggenburger begründete in Unterwasser mit vier rostigen Containern und einem Zelt das Kleintheater Zeltainer, entwickelt schlaues Hundespielzeug und vertreibt elektrische Einräder. Wahrlich eine originelle Bereicherung für den oft brötigen Ratsbetrieb.

Basil Oberholzer (Bild: Ralph Ribi)

Basil Oberholzer (Bild: Ralph Ribi)

Basil Oberholzer (neu): Der Kantonsrat ist ein Abbild des konservativen Landkantons. Umso hartnäckiger wird der 26jährige Stadtsanktgaller Volkswirtschafter als progressiver Grüner dagegen ankämpfen. Im elterlichen Pfarrershaus schon früh politisiert, wirkte er jahrelang mit Verve im Sozial- und Umweltforum Ostschweiz mit.


Monika Simmler (Bild: Benjamin Manser)

Monika Simmler (Bild: Benjamin Manser)

Monika Simmler (neu): Ratsmitglieder, die sich für die Session einfliegen lassen, erwartet man sonst bei den Bürgerlichen. Künftig wird aber eine Linke mit Jetlag in der Pfalz sitzen. Die SP-Politikerin Monika Simmler geht für mehrere Monate als Gastforscherin in die USA. Die 26jährige Stadtsanktgallerin ist nicht nur in dieser Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Schon als 17-Jährige war sie Mitglied der SP-Geschäftsleitung, mit 22 Kantonalpräsidentin.

Isabel Schorer (Bild: Ralph Ribi)

Isabel Schorer (Bild: Ralph Ribi)

Isabel Schorer (neu): Sie wuchs in einem freisinnigen Haus auf, als Tochter des St. Galler alt Stadtrats Peter Schorer. Auf diese familiäre Bande ist Isabel Schorer, Jahrgang 1978, längst nicht mehr angewiesen (wenn sie es denn überhaupt einmal war). Als Leiterin der Standortförderung der Stadt St. Gallen ist Schorer schon jetzt bestens vernetzt.

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