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KANTONSRAT: Der Kulturfreund der SVP

Christian Spoerlé, Gemeindepräsident von Ebnat-Kappel und Kantonsrat, ist als sozial und kulturpolitisch engagierter Politiker ein Exot in der SVP-Fraktion. Geprägt haben ihn sein Vater, ein Südafrika-Aufenthalt und die Arbeit bei der Flughafenpolizei.
Marcel Elsener
Christian Spoerlé in seinem Ebnat-Kappeler Gemeindebüro mit der witzigen Eisenplastik seines geschätzten Vaters Bruno. (Bild: Ralph Ribi)

Christian Spoerlé in seinem Ebnat-Kappeler Gemeindebüro mit der witzigen Eisenplastik seines geschätzten Vaters Bruno. (Bild: Ralph Ribi)

«Man darf dem Leben immer wieder mal die lange Nase machen», sagt Christian Spoerlé mit einem verschmitzten Lachen. Die kleine Skulptur, auf einem Kasten platziert, fällt im schmucklosen Büro des Ebnat-Kappler Gemeindepräsidenten auf: Ein Männchen, das mit seinen Händen eine lange Nase macht. Die Eisenplastik ist ein Geschenk des Vaters, dem Amriswiler Kunstschmied Bruno Spoerlé, der im Oberthurgau manchen Platz künstlerisch prägte. Sie bezeichnet vieles, was der Vater dem Sohn mitgegeben hat: Humor, Kunstsinn, Menschenfreundlichkeit. Und eine eigenständige Haltung, die allen Irrungen und Wirrungen des Lebens trotzt. Oder wie Spoerlé meint: «Wenn man eine eigene Meinung hat, muss man sie vertreten, nicht stur, aber mit Überzeugung und Witz, und auch gegen Widerstände.»

Als ihn der Fotograf bittet, sich mit Verve nach vorne zu beugen, winkt er ab, weil es aggressiv wirken könnte: «Ich will mich nicht aufdrängen.» Spoerlé versteht sich als pragmatischer Brückenbauer – ganz so, wie es das zweite Kunstwerk in seinem Büro besagt: Das abstrakte Gemälde eines unbekannten Künstlers schätzt er sehr, weil es brückenschlagend verschiedene Welten verbinde.

Dezidiert andere Positionen als die SVP

Brücken bauen, im Dorf und im Toggenburg, aber auch in der kantonalen Politik: Das passt zum Gemeindepräsidenten, der 2008 von Bauma nach Ebnat-Kappel gewählt wurde und seit 2013 für die SVP im Kantonsrat sitzt. Er ist in diesem Winter im Kanton St. Gallen nicht zum ersten Mal aufgefallen, weil er dezidiert von der Linie seiner Partei abwich: Spoerlé gab seinen Namen für das No-Billag-Gegnerkomitee «Nein zum Sendeschluss», er stimmte als einziger SVP-ler gegen die Plafonierung der Kulturausgaben, und vor allem wirbelte er für ein Ja zum Theaterumbau, den seine Partei als einzige Partei bekämpfte. Spoerlé engagierte sich ohne Wenn und Aber als einer der wenigen Abweichler im befürwortenden Komitee aller andern Parteien, mitsamt Testimonial und einem Podiumsauftritt in Wattwil.

Für die Kultur einzustehen, ist für Spoerlé, Jahrgang 1957, selbstverständlich: Er wirkt als Verwaltungsrat der Genossenschaft Konzert und Theater St. Gallen, als Stiftungsrat der St. Gallischen Kulturstiftung und als Präsident des regionalen Fördervereins Kultur Toggenburg. Das Stadttheater hat ihn schon in Amriswiler Jugendjahren über die Bühne hinaus fasziniert, namentlich die Diskussion um den umstrittenen Wandteppich von Antoni Tàpies (1970), und bis heute schätzt er die Impulse, die Theater und Tonhalle für die Gesellschaft leisten. Als im Kantonsrat Delegierte gefragt waren, meldete er Interesse an – «so ergab eins das andere», bis hin zum Kulturmandat für die Region, wozu natürlich der Kampf fürs Klanghaus gehört. «Das ist jetzt gut aufgegleist und muss endlich kommen.»

«Lebenswert», wie es der Slogan seines Dorfs verspricht, bedeutet für den Gemeindepräsidenten «nicht nur auf die Steuern und die Wirtschaft zu schauen, sondern die weichen Faktoren zu gewichten», wie er sagt. Selbstredend gehört für ihn der Einsatz für die Ärmsten und Schwächsten dazu, unter anderem als Präsident der Sozialen Fachstellen Toggenburg. Und sogar im Asylbereich widerspricht Spoerlé dem Klischee eines SVP-Hardliners: Er bot das Berghaus Girlen in seiner Gemeinde als Unterkunft für abgewiesene Asylsuchende an; als «menschenwürdigere» Alternative zu den untauglichen Baubaracken, die er anderswo gesehen hatte. Um Lösungen zu finden, wünsche er sich «mehr Kreativität» und «gemeinsames Anpacken statt gegenseitige Vorwürfe», begründete er den Schritt – und meinte damit keineswegs nur das «Asylproblem».

In der bürgerlichen Mitte wieder Allianzen schmieden

In den 1990er-Jahren, nach dem Umzug von Amriswil ins Zürcher Oberland, als Schulrat in Bauma in die Politik eingestiegen, eher zufällig bei der SVP, «weil die sich um mich bemühte», politisiert Spoerlé seit jeher «bürgerlich mittig» und pocht auf Themen wie Bildung oder Umwelt, die seine Partei vernachlässigt habe. Er verkörpere «sozusagen den linken Flügel der SVP», wie er schmunzelt: «Die exotische Ausstrahlung innerhalb meiner Partei ist mir bewusst.» Jedoch ist er überzeugt, dass er mit seinem Anliegen, gesprächsbereit Kooperationen zu suchen und Allianzen zu schmieden, «seiner Partei Gutes tun könne». Statt zu poltern und mit einer rückwärts gewandten Politik ständig Abwehrhaltungen zu provozieren, müsse sich die SVP «zurücknehmen und andere überzeugen», sagt Spoerlé, der sich vielmehr Thurgauer Parteivertretern wie Spuhler und Eberle verpflichtet fühlt als den Zürcher Scharfmachern. «Einige laute Stimmen haben noch nicht begriffen, dass sie unsere Politik an die Wand fahren.» Dabei seien kontroverse Meinungen fruchtbar, meint Spoerlé. Aufgrund seiner eigenständigen Positionen sei er noch nie «gerüffelt» worden, auch nicht vom prominentesten Ebnat-Kappler Politiker (Toni Brunner), und «wenn es ein Problem gibt, sollen sie es mir bitte sagen». Im Kantonsrat gehört er zu den stillen Schaffern, um nicht zu sagen Hinterbänklern, die sich selten zu Wort melden, auch das habe «mit dem Verzicht aufs Poltern zu tun». Es gab schon leise Abwerbeversuche, so seitens der FDP, doch steht für Spoerlé ein Parteiwechsel ausser Frage. Wegen seiner Haltung, und weil er die Politik der SVP grundsätzlich mitträgt. Auf Parteikurs ist er in der Finanzpolitik, und geradezu leidenschaftlich wird er, wenn es um den Rechtsstaat Schweiz geht: «Fremde Richter dürfen wir uns nicht bieten lassen, die EU tritt oft mit einer Arroganz sondergleichen auf.» Bodenständig, umgänglich, pragmatisch, ein Kultur- und Menschenfreund, der offenherzig das Gespräch suche, kein Blender, sondern ein Anpacker, der sich auch von anderen Meinungen überzeugen lasse: Wer sich in der Politik nach Spoerlé erkundigt, erhält übereinstimmend solche Aussagen.

Sogar von «Weltoffenheit im Kleinen wie im Grossen» ist die Rede, die Prägung verdankt er wohl der Familie, die einen Accent aigu im Namen trägt. Spoerlés Grossvater Paul, ebenfalls Kunstschmied, wanderte 1926 aus dem Elsass in die Schweiz ein, zunächst in den Neuenburger Jura, dann nach Amriswil. Dort hängen seine Arbeiten mittlerweile im Ortsmuseum, doch tat sich das Dorf früher mitunter schwer mit dem kämpferischen Gaullisten aus dem Elsass: Aufgrund seiner Anti-Hitler-Tiraden habe man ihn in Kriegsjahren zeitweise eingesperrt, sagt der Enkel.

Schlosser, Afrikareisender, Flughafenpolizist

Christian Spoerlé erlernt ebenfalls den Beruf des Schmieds, und träumt 1977 vom Auswandern. Zwei Jahre lang arbeitet er in Südafrika, die Erfahrung im Apartheidstaat hat ihn geprägt, auch was Toleranz angeht: Wer als Weisser unter vorwiegend Schwarzen gelebt hat, versteht eher, wie sich ein Dunkelhäutiger im Toggenburg fühlen muss. «Die Beklemmung muss man erlebt haben. Ich war allerdings ein freiwilliger Aussenseiter und hatte als Sulzer-Angestellter eine reale Perspektive.» Für Flüchtlinge, auch solche aus wirtschaftlicher Not, hat er «volles Verständnis», grantig werde er nur, «wenn jemand unehrlich ist». Eine Reise per Jeep durch Afrika kam damals nicht zustande, doch lernte Spoerlé später viele afrikanische Länder aus anderer Perspektive kennen: Zurück in der Schweiz, ging er zur Flughafenpolizei.

26 Jahre, zuletzt als Dienstchef, erlebte er alle Migrationswellen von Sri Lanka bis Eritrea, und er begleitete Dutzende Rückschaffungsflüge. In dieser «Mühle» professionell und empathisch zu bleiben, sei schwierig gewesen, sagt er. Doch half stets ein Satz eines Polizeipsychologen, der ihn heute noch leitet: «‹Man muss Menschen mögen›. Die vier Ms, ohne die ein solcher Job nicht zu machen ist.»

Die Lebens- und Welterfahrung kommt Spoerlé seit bald zehn Jahren als Gemeindepräsident zugute. In Ebnat-Kappel erlebe er «offene Wertschätzung, die Leute kommen auf mich zu». Dabei verhehlt er Rückschläge nicht, wie die jäh abgelehnte Zentrumsgestaltung, «ein schmerzhafter Prozess», der mittels Zukunftswerkstatt und breiter Diskussion überwunden wurde. «Die Toggenburger sind offen und freundlich, aber auch nachtragend und manchmal verstockt», sagt Spoerlé und schwärmt von seinem Wirkungsort mit 5000 Einwohnern, der viele Arbeitsplätze biete und trotzdem alle Vorteile einer naturnahen Landgemeinde aufweise: «Besser kann man es fast nicht haben.» Prompt würde er mit einigen geschenkten Millionen nicht eine verrückte Vision, sondern zuerst einen Allwetterplatz für den Fussballclub bauen. Praxistaugliche, menschenfreundliche Politik: Das braucht man den Familienvater (drei erwachsene Kinder, seine Frau Bernadette arbeitet bei den Sozialen Diensten in Winterthur) nicht zu lehren. Trotz mancher Rück- und Schicksalsschläge – sein Bruder verstarb als junger Vater auf dem Tennisplatz an einem Herzstillstand – wirkt er wie einer, der noch vieles anpacken will. Und dem Leben jederzeit auch mal eine lange Nase machen kann.

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