Kantonsgericht St.Gallen
Schüsse in Altstätter Hanfplantage – zwei gebrochene Männer vor Gericht: «Wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten ...»

Zwei Männer, die in den Betrieb einer grossen Hanfplantage in Altstätten verwickelt waren, müssen mit höheren Strafen rechnen. Das Urteil des Kantonsgerichts St.Gallen steht noch aus.

Claudia Schmid
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Die Altstätter Hanfplantage, auf der sich im Februar 2015 die Schiesserei ereignete.

Die Altstätter Hanfplantage, auf der sich im Februar 2015 die Schiesserei ereignete.

Bild: Tagblatt

Der Fall erregte im Februar 2015 mediale Aufmerksamkeit: Damals überfielen sechs Männer eine grosse Hanfplantage, die in einer Industriehalle an der Alten Landstrasse in Altstätten untergebracht war. Einer der Angreifer schoss mehrmals mit einer Schrotflinte auf zwei Aufpasser, welche die Anlage bewachten. Beide erlitten schwere Verletzungen.

Angreifer und Anlagebetreiber verurteilt

Im Zuge der Ermittlungen kam es zu mehr als zwei Dutzend Verhaftungen. In der Zwischenzeit wurden sowohl Angreifer als auch Betreiber der Hanfanlage vor Gericht gestellt und verurteilt. Mit zwei von ihnen hat sich aktuell das Kantonsgericht St.Gallen zu beschäftigen. Sie wurden Ende 2018 vom Kreisgericht Rheintal unter anderem wegen qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz zu Freiheitsstrafen auf Bewährung und Geldstrafen verurteilt.

Beide akzeptierten ihr Urteil, jedoch legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Sie verlangte einerseits eine höhere Bestrafung der Beschuldigten, andererseits eine deutlich niedrigere Entlöhnung der amtlichen Verteidigung.

An der Berufungsverhandlung sassen zwei gebrochene Männer vor Schranken. Der ältere, ein 64-jähriger Schweizer, erzählte, er habe einen Schlaganfall erlitten und seither grosse gesundheitliche Probleme. Er habe harte Zeiten hinter sich und vieles verdrängt und vergessen. Der jüngere, ein 49-jähriger Schweizer, wurde bei der Schiesserei im Februar 2015 schwer verletzt. Er habe bereits an die 100 Operationen über sich ergehen lassen müssen, betonte er. Er werde sein Leben lang grosse Schmerzen haben. Wegen Splitter im Körper bestehe noch immer grosse Infektionsgefahr. Beide leben heute in finanziell bescheidenen Verhältnissen und haben Schulden.

9489 Hanfpflanzen in Halle angepflanzt

Dem älteren Beschuldigten wurde vorgeworfen, er habe ab Mitte 2012 eine eigene Hanfplantage betrieben, mit der er mindestens 60 Kilogramm Marihuana erzeugt und durch den Verkauf mindestens 300'000 Franken erzielt habe. Danach habe er sich der Gruppe mit der professionellen Hanfanlage in Altstätten angeschlossen. Die Untersuchungsbehörden errechneten, dass die Hanfplantage zwischen Frühjahr 2014 und Ende Januar 2015 einen Umsatz von fast 700'000 Franken abwarf. Mitte Februar 2015 habe die Bande 9489 Hanfpflanzen besessen, aus denen man eine Ernte von 118 Kilo Marihuana und einen Ertrag von rund 680'000 Franken habe erwarten können.

Der 64-Jährige bestritt nicht, dass er der Bande sein Wissen über den Hanfanbau zur Verfügung stellte und für das Gedeihen der Pflanzen zuständig war. Er habe aber eher aus therapeutischer Sicht Interesse am Hanf gehabt und niemals gedacht, dass der Anbau von Marihuana derart strafbar sei, erklärte er an der Berufungsverhandlung. Über die Menge der verkauften Droge wisse er gar nichts.

Ein Blick in die Hanfplantage, in welcher sich die Schiesserei ereignet hat.

Ein Blick in die Hanfplantage, in welcher sich die Schiesserei ereignet hat.

Bild: Keystone

Für die elektrischen Anlagen zuständig

Der 49-Jährige, ein langjähriger Bekannter des Mitangeschuldigten, war nach seinen eigenen Angaben für die technische Einrichtung der Hanfanlage zuständig. Er wisse nicht, weshalb er erneut seine Aussagen vor Gericht wiederholen müsse, betonte er. Er habe das erstinstanzliche Urteil akzeptiert und hätte auch die neuen Anträge der Staatsanwaltschaft angenommen. Ihm gehe es vor allem darum, die Sache abzuschliessen. Könnten sie die Zeit zurückdrehen, würden sie ihr Wissen nie wieder für eine solche Sache zur Verfügung stellen, versicherten beide Beschuldigten.

Der Staatsanwalt betonte in seinem Plädoyer, dass es bei der Berufung allein um die Höhe der Strafen für die Beschuldigten und die Entschädigung der beiden Verteidiger gehe. Die beiden Angeklagten hätten bei der erstinstanzlichen Gerichtsverhandlung ihre Rolle innerhalb der Bande kleingeredet. Diese Beschönigungsreden hätten aber nichts mit der Realität zu tun. Antrieb für sie sei der beträchtliche finanzielle Verdienst gewesen.

Für den 64-Jährigen beantragte er eine teilbedingte Strafe von 34 Monaten, wobei die Hälfte zu vollziehen ist (Vorinstanz: 24 Monate bedingt). Für den 49-Jährigen sah er eine bedingte Strafe von 24 Monaten (Vorinstanz: 18 Monate) als gerechtfertigt. Bei den Honoraren der Verteidiger bemängelte er, dass sie mehr als doppelt so hoch ausgefallen seien, als für andere Verteidiger weiterer Beschuldigter in demselben Fall.

Kantonsgericht eröffnet Urteil schriftlich

Die Verteidiger plädierten für die Abweisung der Berufung. Die Vorinstanz habe alles richtig gemacht und ein sachgerechtes, faires Urteil gefällt, erklärte der eine. Es überrasche ihn, dass die Rolle seines Mandanten plötzlich so hochgespielt werde, betonte der andere. Dieser gehöre eindeutig nicht zu den Haupttätern, sondern sei in die Sache hineingezogen worden. Entrüstet wiesen sie den Vorwurf zurück, ihre Honorarrechnung sei überrissen. Das Urteil des Kantonsgerichts St.Gallen steht noch aus. Es wird schriftlich eröffnet werden.

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