Kantonsgericht St.Gallen
Die Mutter packte die Kinderleiche in einen Koffer und verstaute diesen im Keller: Verurteilte Eltern fordern nun Freispruch

Vor zwei Jahren sind die Eltern eines Kleinkindes wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. Nun wollen sie vor Kantonsgericht Freisprüche erwirken.

Claudia Schmid
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Die Eltern des toten Kleinkindes im November 2018 vor dem Kreisgericht Rorschach.

Die Eltern des toten Kleinkindes im November 2018 vor dem Kreisgericht Rorschach.

Illustration: Sibylle Heusser (27. November 2018)

Am Freitag, 19. Februar, wird sich das Kantonsgericht St.Gallen mit einem Fall beschäftigen, der vor zwei Jahren die Öffentlichkeit stark beschäftigte. Damals standen die Eltern eines zweijährigen Mädchens vor dem Kreisgericht Rorschach, dessen Leiche im Sommer 2015 im Keller eines Einfamilienhauses in Staad gefunden worden war. Sie war von der Mutter in einen Koffer gebettet und versteckt worden. Sowohl die Mutter als auch der Vater mussten sich wegen vorsätzlicher Tötung, Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht und Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz verantworten.

Fahrlässige statt vorsätzliche Tötung: Gericht entschied strafmildernd

Der erstinstanzliche Prozess gegen die Eltern des toten Mädchens dauerte drei Tage. Mitte Dezember 2018 veröffentlichte das Kreisgericht Rorschach das Urteil. Es war zum Schluss gekommen, dass die Eltern für den Tod ihres gemeinsamen Kindes verantwortlich sind. Bei den Schuldsprüchen folgte das Richtergremium mehrheitlich den Anträgen der Anklage, wandelte aber den Anklagepunkt «vorsätzliche Tötung» in «fahrlässige Tötung» ab. Die Mutter erhielt eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren, der Vater von fünf Jahren.

Damit fiel das vom Gericht ausgesprochene Strafmass milder aus, als die von der Staatsanwaltschaft beantragten Strafen. Die Anklage hatte für die Mutter eine Freiheitsstrafe von 10,5 Jahren, für den Vater eine Strafe von 8 Jahren gefordert. Die Verteidigung plädierte hingegen auf Freisprüche und legte schliesslich gegen das Urteil Berufung ein.

Kind wird im heissen Dachgeschoss zurückgelassen und stirbt

An der Berufungsverhandlung vom Freitag, 19. Februar, wird der Fall nun vom Kantonsgericht neu beurteilt. Der 37-jährigen Frau und dem 57-jährigen Mann werden zur Last gelegt, ihre Tochter über einen langen Zeitraum psychisch, medizinisch, sozialemotional und körperlich vernachlässigt und sie an einem heissen Sommertag für über zwei Stunden alleine im Kinderzimmer im Dachgeschoss ihres Wohnhauses zurückgelassen zu haben, worauf das Kleinkind verstorben sei.

Die Mutter habe ihre tote Tochter während mehreren Tagen im Kinderbett liegen gelassen und später den stark verwesten Leichnam in einen Koffer gesteckt und im Keller versteckt. Im Weiteren geht es um Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz und falsche Anschuldigung.

Das Haus in Staad, in dem das Paar gewohnt hat und in dem die Polizei im Sommer 2015 die Leiche eines Kleinkindes gefunden hat.

Das Haus in Staad, in dem das Paar gewohnt hat und in dem die Polizei im Sommer 2015 die Leiche eines Kleinkindes gefunden hat.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE (6. August 2015)

Eltern sagen aus, sich stets korrekt verhalten zu haben

Die Eltern hatten an der Gerichtsverhandlung vor zwei Jahren jegliche Schuld von sich gewiesen. Er habe sich stets korrekt verhalten, hatte der Vater ausgesagt. Sie habe stets gut zu ihrer Tochter geschaut, hatte die Mutter betont.

Der Verteidiger des Vaters hatte in seinem Plädoyer erklärt, die Anklageschrift beruhe auf Spekulationen. Die Todesursache des Kindes sei nicht geklärt – und könne wohl auch nie geklärt werden. Die Beweislage sei viel zu dünn. Wisse man nicht, wie das Kind zu Tode gekommen sei, könne man auch nicht sagen, wie der Vater dies hätte verhindern können.

Gerade weil die Todesursache nicht bekannt sei, sei es fraglich, ob der Tod des Mädchens vermeidbar gewesen wäre, argumentierte auch die Verteidigerin der Mutter. Es gebe kein klares Bild, das zu einer Verurteilung führen könnte. Dass die Mutter ihr totes Kind in den Koffer gepackt habe, sei eine Kurzschlusshandlung gewesen. Sie habe die Tochter «nicht hergeben» und den Leichnam bei sich behalten wollen.

An der Berufungsverhandlung verlangt der Vater vollumfängliche Freisprüche von Schuld und Strafe. Die Mutter beantragt, sie sei einzig wegen falscher Anschuldigung zu einer Geldstrafe zu verurteilen. Die Staatsanwaltschaft, die Anschlussberufung erhoben hat, wendet sich gegen die Verurteilungen wegen fahrlässiger Tötung und beantragt stattdessen Schuldsprüche wegen vorsätzlicher Tötung sowie höhere Freiheitsstrafen. Aufgrund der Coronapandemie ist die Öffentlichkeit vom Prozess ausgeschlossen.