«Schlafzimmer-Recherche ist unangebracht»

Der Vorsitzende des Mannheimer Landgerichts hat bei der Urteilsverkündung im Fall Kachelmann die Sensationslust der Medien scharf kritisiert. Wie sich die Journalistikprofessorin Marlis Prinzing dazu stellt.

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Marlis Prinzing Professorin für Journalistik, Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln (Bild: Quelle)

Marlis Prinzing Professorin für Journalistik, Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln (Bild: Quelle)

Frau Prinzing, während der vergangenen Monate haben die Medien in Jörg Kachelmanns Privatleben gewühlt. Zu lesen waren unter anderem Auszüge aus einem erotischen E-Mail-Verkehr. Was halten Sie davon?

Marlis Prinzing: Etliche Journalisten wissen nicht mehr, was ihre Funktion ist. Statt zu informieren und die Ereignisse in einen grösseren Zusammenhang zu stellen, haben sie ermittelt und über Jörg Kachelmann gerichtet. Das Prinzip der Unschuldsvermutung ist oft verletzt worden – in der Schweiz und in Deutschland. Die Medien haben meist versäumt, Themen wie Gewalt, Machtspiele, Lug und Trug in Beziehungen aufzugreifen.

Die Medien hätten sich mit intimen Einzelheiten zurückhalten sollen…

Prinzing: Tatsächlich besteht Informationspflicht, wenn eine öffentliche Person wie Jörg Kachelmann in Untersuchungshaft sitzt. Schliesslich müssen die Medien erklären, weshalb ein Wettermoderator nicht mehr im Fernsehen auftritt. Schlafzimmer-Recherche jedoch ist unangebracht. Der Beruf der Journalisten beschränkt sich auf das, was für die Öffentlichkeit relevant ist.

Die Staatsanwaltschaft und die Verteidiger Jörg Kachelmanns haben aber auch versucht, die Medien zu instrumentalisieren.

Prinzing: Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft hat Jörg Kachelmann dem Nachrichtenmagazin «Spiegel» ein Interview angeboten, um es auf seine Seite zu ziehen. Es liegt in der Verantwortung der Medien, solche Angebote abzulehnen. Andere Medien, die aus dem Tagebuch der Ex-Freundin Kachelmanns zitiert haben, haben sich hingegen hinter sie gestellt. Mit diesem Prozess vor dem Prozess griff man dem Gericht vor.

Die Öffentlichkeit war oft nicht zum Prozess zugelassen. Hätte es die Sensationslust gestillt, wenn das anders gewesen wäre?

Prinzing: Ich glaube nicht. In einem Vergewaltigungsprozess gehören nun mal viel Details nicht verbreitet. Das bedient nur die Schaulust. Gestern sollen die ersten Leute um fünf Uhr morgens Schlange vor dem Landgericht Mannheim gestanden haben, um sich einen Platz für die Urteilsverkündung zu sichern.

Das Landgericht Mannheim hat Jörg Kachelmann in dubio pro reo (im Zweifel für den Angeklagten) freigesprochen. Sein Ruf aber wird wohl geschädigt bleiben.

Prinzing: Das hängt vom jeweiligen Betrachter ab. Manche halten Jörg Kachelmann für einen unschuldig festgenommenen Prominenten, andere trauen ihm alle Schandtaten zu. Was in der Nacht auf den 9. Februar 2010 wirklich passiert ist, wissen nur zwei Personen: Jörg Kachelmann und seine Ex-Freundin. Fest steht für mich lediglich, dass sein Ansehen zusätzlich beschädigt worden ist, indem viele Medien die Unschuldsvermutung verletzt haben.

Trotz Freispruch: Es scheint, als gäbe es keine Sieger.

Prinzing: Ich bezweifle auch, dass aus diesem Prozess Sieger hervorgehen. Beide, Jörg Kachelmann und seine Ex-Freundin, mussten ertragen, dass ihnen manche Medien nachstellten.

Interview: Diana Bula