Theater ohne Drehbuch

HERISAU. Morgen abend gastiert das Playback-Theater St. Gallen mit «Stürmische Zeiten» in der Alten Stuhlfabrik in Herisau. Theatermitglied Ruth Mumenthaler erläutert, wie sich ihre Darbietung von einem klassischen Theaterstück unterscheidet.

Roger Fuchs
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Ruth Mumenthaler (Mitte) in Aktion mit Beatrice Mock (links) und Christina Koszinowski. (Bild: pd)

Ruth Mumenthaler (Mitte) in Aktion mit Beatrice Mock (links) und Christina Koszinowski. (Bild: pd)

Die in Stein lebende Ruth Mumenthaler ist keine ausgebildete Schauspielerin, steht aber dennoch regelmässig auf der Bühne. Seit zwei Jahren tourt sie als Mitglied des siebenköpfigen Playback-Theaters St. Gallen durch die Region. Morgen Donnerstag macht dieses Theater halt in der Alten Stuhlfabrik in Herisau.

«Playback-Theater ist Improvisations-Theater, bei dem das Publikum mitwirkt», sagt Mumenthaler. Sie stellt damit klar, dass die Zuschauenden sich aktiv beteiligen können. In Herisau wird das Publikum eingeladen sein, seine eigenen Geschichten und Erlebnisse zum Thema «Stürmische Zeiten» zu erzählen. Diese werden dann von den Schauspielerinnen des Playback-Theaters mit viel Gestik und wenigen Worten «zurückgespielt». Unterstützt wird dieses Spiel von einem Musiker, ein Moderator führt durch den Abend. So schaffen Publikum und Schauspielerinnen in jeder Aufführung gemeinsam ein einmaliges Werk voller Überraschungen.

Letztlich weiss beim Playback-Theater niemand im voraus, was auf der Bühne zu sehen sein wird. Oder wie es die 58jährige Ruth Mumenthaler formuliert: «Alles entsteht intuitiv und ist nicht von einem Drehbuch abhängig.» Wer von den Schauspielerinnen in welche Rolle schlüpft, bestimmen die Erzählenden. So sei es, sagt Mumenthaler, dass sie am selben Abend mehrere Rollen – beispielsweise von einem Gast über einen Baum bis hin zu einem Haus – auf der Bühne verkörpere.

Vor jedem Auftritt nervös

Ruth Mumenthaler, die abseits der Bühne in der Reisebranche arbeitet, gehört seit zwei Jahren zum Team des Playback-Theaters St. Gallen. Dessen Leiter Tobias von Schulthess kenne sie schon länger; als er sie ein erstes Mal anfragte, habe sie jedoch sehr zögerlich reagiert. Erst als er sie einlud, sich die Sache doch einmal anzusehen, habe sie den Entschluss gefasst, das Playback-Spiel selbst auszuprobieren.

«Da man bei keinem Auftritt weiss, wie er wird, bin ich jedesmal nervös», erzählt Ruth Mumenthaler weiter. Zu ihren persönlichen Stärken zählt sie das Zuhören und die Fähigkeit, sich emotional in Geschichten hineinzubegeben. Auf der Bühne sei es zudem sehr wichtig, dass die Spielenden sich als Team wahrnehmen, aufeinander hören und reagieren.

Wöchentliche Proben

Ein Auftritt dauert gemäss Mumenthaler jeweils 1 bis 1,5 Stunden. «Unsere aktuelle Tournée wurde bisher von 20 bis 60 Personen pro Aufführung besucht.»

Wie aber probt man Theater, das kein fixes Drehbuch kennt und von der Spontanität lebt? Geprobt werden in diesem Fall, wie Ruth Mumenthaler erzählt, die Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeiten. Treffen tun sich die Schauspielerinnen, der Musiker und der Leiter einmal wöchentlich. Nach einer musikalischen «Aufwärmrunde» werden verschiedene schauspielerische Techniken und Formen geübt. «Anschliessend erzählen sich die Mitglieder des Playback-Theaters ihre eigenen Geschichten, die sie sodann einander zurückspielen», sagt Ruth Mumenthaler. Dabei würden auch alternative Möglichkeiten ausprobiert und es werde am persönlichen Ausdruck gefeilt.

Ruth Mumenthaler ist definitiv vom Playback-Theater-Virus infiziert und fasziniert von der Intuition und dem Hören auf die innere Stimme. «Als Kopfmensch ist das gar nicht so einfach.» Aus diesem Grund will sie denn auch ihre Ausbildung fürs Playback-Theater weiter vertiefen.

Playback-Theater St. Gallen gastiert in Herisau: Donnerstag, 15. Nov., 20 Uhr, Alte Stuhlfabrik, Kasernenstrasse 39a. Türöffnung: 19 Uhr, freie Platzwahl.