Impressionen einer Sonntagsprobe

D ie zwilchenen Hosen bleiben versteckt hinter dem Vorhang, aufgehängt über dem Sägmehlgeviert. Wir sind in der Leichtathletikhalle Gais, wo der Schwingclub Gais seine Trainingsstätte hat.

Martin Hüsler
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Dirigent Michael Schläpfer gibt einen Einsatz für Chor und Orchester. (Bild: hü)

Dirigent Michael Schläpfer gibt einen Einsatz für Chor und Orchester. (Bild: hü)

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ie zwilchenen Hosen bleiben versteckt hinter dem Vorhang, aufgehängt über dem Sägmehlgeviert. Wir sind in der Leichtathletikhalle Gais, wo der Schwingclub Gais seine Trainingsstätte hat. Heute bleibt das Sägemehl unangerührt, denn angehende Piraten haben den vorderen Teil der Halle quasi geentert und bereiten sich auf das vor, was ab dem kommenden 7. August im Gaiser Depot der Appenzeller Bahnen zu Turbulenzen führt. Dann nämlich geht das in der Hafenstadt Port Monnée spielende «Piratical» erstmals in Szene. Weitere 18 Aufführungen folgen, ehe am 12. September aus Port Monnée wieder ausschliesslich Gais wird.

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In der Leichtathletikhalle ist ein Probensonntag angesetzt. Seit Stunden feilt Regisseur Reto Wiedenkeller mit den Damen und Herren des Ensembles an einzelnen Szenen. Nach der Mittagspause will er die 6. Szene im 3. Bild präziser herausgearbeitet wissen und ihr weiteren Feinschliff verleihen. Piratenkapitän Black Arrow ist auf Seite 18 des 90seitigen Textheftes erstmals in Erscheinung getreten und trifft nun nach weiteren fünf Seiten auf Morgan Night, den Gouverneur von Port Monnée. Da die Zwischentexte in Mundart gehalten sind, kann der Gouverneur seine «zivile» Herkunft aus dem Appenzellischen nicht verleugnen, derweil sich der Kapitän in hochdeutsch eingefärbtem Dialekt nach Kitty LaBelle erkundigt. Aus deren Namen lässt sich unschwer ableiten, dass es sich bei ihr kaum um ein Unschuldslämmlein handeln dürfte.

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Mit Sprache, Mimik und Gestik erhält eine darzustellende Figur Persönlichkeit. Reto Wiedenkeller ist unablässig bemüht, dieses grundlegende Prinzip Wirklichkeit werden zu lassen. Er greift ein, gibt Anweisungen, korrigiert, verbessert, macht vor – und das alles im spürbaren Bestreben, eine zwar lockere, aber gleichwohl zielorientierte Atmosphäre zu erwirken. Als die beiden Ordensschwestern Augusta und Grunthilda auf den Plan treten und den Gouverneur um eine Spende für die Armen bitten, wird's ab und zu unfreiwillig komisch. Viel Gelächter hallt durch die Leichtathletikhalle, in der die Temperatur um einiges von jener entfernt ist, die dann im Sommer Port Monnée vermutlich irgendwo im karibischen Raum ansiedelt.

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Zurück im Textheft auf Seite 11, zur Szene 3. Sie ist mit «Verfluechte Fluech» überschrieben und hat als Hauptprotagonisten ein Orakel, das nach einem geheimnisumrankten Schatz sucht. Es heisst zwar das Orakel, aber das «das» ist in der Handlung ein «der». Der Ablauf der Szene bringt es mit sich, dass ihm einiges an körperlicher Anstrengung aufgebürdet ist. Wie von der Tarantel gestochen wuselt er durch die Leichtathletikhalle und beginnt mit einer supponierten Schaufel, die ansonsten als Unihockeystock ihren Dienst versieht, zu graben. Nach der etwa vierten Wiederholung wird deutlich erkennbar, dass auch Orakel ausser Puste sowie ins Schwitzen geraten können. Doch wenn eine Schatzsuche von Erfolg gekrönt ist, steckt man derlei Schufterei leicht weg.

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Zum Abschluss des Probensonntags geht's hinüber in den Singsaal des Dorfschulhauses. Dort hat tagsdurch die Camerata Salonistica geübt. Sie verleiht dem «Piratical» den instrumentalen Unterbau. Erstmals stösst nun der vokale Überbau dazu, will heissen: Chor und Orchester vollziehen die erste Annäherung – zumindest fürs «Piratical», nachdem sie einander ja von früheren Produktionen her bereits kennen. Es bleibt, nach den beidseits anstrengenden Stunden, bei einem relativ kurzen Beschnuppern, wobei jetzt die beiden Dirigenten Michael Schläpfer und Beat Brunner die Kadenz vorgeben. Aber was man zu hören bekommt, facht die Lust auf mehr ganz gehörig an. OK-Präsident Andy Winkler, wie das ganze OK sichtlich beeindruckt vom Stand der Dinge, dankt für den Probeneifer und ermuntert das versammelte Ensemble, in selbigem nicht nachzulassen, auf dass Gais ab dem 7. August zum piratesken Port Monnée werde.