«Jede Geburt ist eine Meisterleistung»

«Ich heisse Maidönneli. Eigentlich wollte meine Mutter mich Kathrin taufen. Kurz vor der Geburt realisierte sie, dass dies einer der meist gewählten Vornamen war. Sie entschloss sich, mir den Namen meiner Appenzeller Urgrossmutter zu geben. Maidönneli.

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Maidönneli Bantle hat bis heute 659 Geburten betreut. (Bild: Martina Basista)

Maidönneli Bantle hat bis heute 659 Geburten betreut. (Bild: Martina Basista)

«Ich heisse Maidönneli. Eigentlich wollte meine Mutter mich Kathrin taufen. Kurz vor der Geburt realisierte sie, dass dies einer der meist gewählten Vornamen war. Sie entschloss sich, mir den Namen meiner Appenzeller Urgrossmutter zu geben. Maidönneli. Das ist ein sehr alter, seltener Appenzeller Name. Im Falle, dass mir der Name nicht gefällt, bekam ich noch ein paar weitere: Roswitha, Katharina, Elizabeth. Wer jedoch Maidönneli heisst, wird höchst selten verwechselt. Für mich ist das ein Vorteil, denn ich bin auf Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen. Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren als Hebamme.

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Jede Geburt ist eine Meisterleistung. Dass die Natur so viel Schmerz und so viel Glück verbinden kann, ist faszinierend. Doch viele Frauen trauen sich heute eine natürliche Geburt nicht mehr zu. Da sind Berge von Angst. Das Vertrauen in den eigenen Körper fehlt. Man vergisst oft, dass der Körper neun Monate lang genau wusste, was er zu tun hat. Warum soll er dies nun von einem Moment auf den anderen bei der Geburt vergessen? Als Hebamme habe ich die Chance, die Frauen durch die Schwangerschaft zu begleiten und zu motivieren. Ich zeige Optionen auf, um schliesslich der werdenden Mutter ihre eigene Wahl zu lassen. Die Geburt versuche ich für Mutter und Kind so optimal wie möglich zu gestalten und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass der Vater keinen Schaden nimmt.

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Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern und weiss, dass man Schmerz nicht messen kann. Er ist sehr individuell, genau so wie es jede Geburt ist. Die werdenden Mütter scheint dies zu beruhigen, als denken sie: Die weiss wovon sie redet und hat es zweimal überlebt! Was es braucht, dass Mutter und Baby das Leben als Team zusammen meistern? Einen grossen Haufen Liebe. Es ist egal ob drei Wickeltische zur Verfügung stehen oder nur ein gefaltetes Frotteetuch auf dem Holztisch liegt. Am Anfang zählt nur Fürsorge und Liebe. Später ist es wichtig, das Kind ernst zu nehmen, es als ganzwertige Person zu behandeln, es zu stärken, ehrlich zu sein und aufzuzeigen, dass das Glas immer halb voll bleibt.

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Als Tochter einer Appenzellerin und eines Franzosen bin ich in Paris geboren. Hier lebte ich die ersten 19 Jahre, begann Biologie zu studieren und entschloss mich schliesslich das Studium abzubrechen, um in der Schweiz Hebamme zu werden. Die Anmeldedokumente für die Hebammenschule in St. Gallen gingen per Post irgendwo auf dem Weg zwischen Frankreich und St. Gallen verloren. Ich bekam keinen Ausbildungsplatz mehr und landete auf einer langen Warteliste. Zur Überbrückung begann ich eine Ausbildung zur Arzt- und Tierarzthelferin. Statt die erhofften wenigen Wochen dauerte die Warterei auf den Ausbildungsplatz drei volle Jahre. Doch das Warten hat sich gelohnt.

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Bis heute habe ich 659 Geburten betreut. Gewöhnen tue ich mich an die Magie, an das Wunder einer Geburt wohl nie. Es kribbelt immer noch wie beim ersten Mal. Früher habe ich in Spitälern gearbeitet. Heute bin ich freischaffende Hebamme mit einer kleinen Praxis bei mir zu Hause. Von meiner Familie fordert meine Arbeit viel Flexibilität. Es gibt für mich keine fixen Arbeitszeiten. Jeder Arbeitstag gestaltet sich anders. Unerwartetes gehört zum Alltag. Geburten und Komplikationen im Wochenbett sind nicht planbar. Manchmal geht auch eine Geburt schneller vorwärts als erwartet, und ich werde gerufen, weil es die Eltern nicht mehr ins Krankenhaus schaffen. Das Baby kommt dann in der Badewanne, in der Küche oder dem Treppenhaus zur Welt. Für mich gehören diese Geburten zu den schönsten. Unerwartet, natürlich und mit diesem unbeschreiblichen Zauber, dass es die Natur so eingerichtet hat, dass es gut geht.»

Maidönneli Bantle,

47 Jahre, Appenzell

Notiert: Christa Wüthrich