Engelsgeduld für perfekte Falten

Bernadette Nef ist momentan die einzige Trachtenschneiderin, welche noch «Fäältliröcke» für die Innerrhoder Festtagstracht herstellt. Ab heute sind Nefs Fertigkeiten in einem Film im Museum Appenzell zu sehen.

Rosalie Manser
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Neue Fäältliröcke fertigt Bernadette Nef nur selten an. Meistens nimmt sie Änderungen vor oder bringt die Plissees wieder in Reih und Glied. (Bild: rom)

Neue Fäältliröcke fertigt Bernadette Nef nur selten an. Meistens nimmt sie Änderungen vor oder bringt die Plissees wieder in Reih und Glied. (Bild: rom)

GONTENBAD/APPENZELL. Das Gesamtkunstwerk Innerrhoder Festtagstracht vereint eine Vielzahl von verschiedenen (Kunst-)Handwerken. Für das «Stöffige» bei Appenzeller Trachten ist Bernadette Nef aus Gontenbad die Fachfrau. Die gelernte Damenschneiderin liess sich als junge Frau bei ihrer Grossmutter in die Künste der Trachtenschneiderei einführen.

Das Schneidern der Innerrhoder Trachten setzt vor allem eines voraus: Engelsgeduld. Gerade für die feine Plissierung des sogenannten «Fäältlirocks», der bei der Innerrhoder Festtagstracht nicht fehlen darf, ist akribische und geduldige Handarbeit unabdingbar. Wie viel Arbeit und Mühe in einem solchen Rock mit 240 bis 280 Plissees steckt, hat der Trogner Filmemacher Thomas Karrer in einem 35minütigen Dokumentarfilm festgehalten (siehe Kasten).

Reine Wolle, perfekte Falten

Für den Fäältlirock verarbeitet Bernadette Nef je nach Hüftumfang der Trägerin eine 4,20 bis 4,80 Meter breite Wollstoffbahn. «Diesen reinen Wollstoff zu bekommen, wird immer schwieriger», sagt die Trachtenschneiderin. Dass der Rock aus reiner Wolle genäht wird, sei aber äusserst wichtig. Schon die kleinste Menge an synthetischen Fasern sorgt dafür, dass die Plissees ihre Form nicht behalten, «vejockid», wie Bernadette Nef sagt. Die Plisseetechnik erfordert ein gutes Augenmass, geschickte Hände und sehr viel Geduld.

Trocknen, pressen, sichern

Das Plissieren für einen Fäältlirock muss an einem einzigen Arbeitstag erledigt werden. Deshalb beginnt Bernadette Nef frühmorgens mit dem «Fäältlilegge». Zu Beginn näht sie beim Rocksaum ein sogenanntes Blegiband, eine Verstärkung, ein. Danach wird der Stoff mit Wasser durchtränkt und sogleich auf den Schneidertisch gelegt, wo dann mit den blossen Händen die Plissees eingelegt und mit dem Fingerhut scharf gestrichen werden.

Einzige Orientierung für Nef in diesem Faltenwirrwarr ist die geheftete Mittelfalte. Hernach wird der Rock mit Leintüchern bedeckt, die mehrmals ausgewechselt werden.

Den trockenen Rock heftet Bernadette Nef im Abstand von fünf Zentimetern und zieht dabei den Faden in jeder Reihe durch sämtliche Plissees, damit diese standhaft bleiben. Anschliessend ruht der Rock zwei bis drei Wochen in der Presse, bevor die Trachtenschneiderin jedes Fältchen mit einem Vestonstich sichert und diese Stiche unter einem gleichfarbigen Bändchen verschwinden lässt. Praktischerweise ist der Fäältlirock nur auf der Rückseite plissiert. Die glatte Vorderseite bleibt hinter der Seidenschürze verborgen.

Zu zweit straff einrollen

«Damit der Fäältlirock schön seine Form behält, ist es sehr wichtig, dass er nach jedem Tragen wieder straff eingerollt wird», betont Bernadette Nef. Und weil dazu mindestens vier Hände vonnöten sind, muss bei Nefs schon mal eines der vier Kinder oder der Mann zum Einrollen herhalten. So verhält es sich in mancher Innerrhoder Familie, wo die Mutter an den kirchlichen Feiertagen die Festtagstracht trägt und somit eine sogenannte «Schlottefrau» ist.

«Fäältli, Glöfeli ond viil Geduld», Sonderausstellung im Stickerei- und Trachtengeschoss des Museums Appenzell, Vernissage heute 19.30 Uhr. www.museum.ai.ch