Ein Ja fürs Leben

JAKOBSBAD. Grosser Tag fürs kleine Kloster: Im Innerrhoder Kloster Leiden Christi legen am 26. April zwei Novizinnen die zeitliche Profess ab.

Julia Nehmiz
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Blicken voller Zuversicht und Freude ihrer zeitlichen Profess entgegen: Die Novizinnen Schwester Chiara und Schwester Elisabeth. (Bilder: miz)

Blicken voller Zuversicht und Freude ihrer zeitlichen Profess entgegen: Die Novizinnen Schwester Chiara und Schwester Elisabeth. (Bilder: miz)

An einem Dienstagmorgen im April. Der Wind rüttelt an den Bäumen. Schwester Rita öffnet die Klostertür und führt ins Besucherzimmer. Sie serviert duftenden, frischgebrühten Kaffee im Kännchen, keine Plastik-Kapsel-Brühe. Ein bisschen ist die Zeit stehengeblieben im klösterlichen Besucherzimmer. Im Zeitungsständer liegen Magazine von 2003, unter dem hölzernen gekreuzigten Jesus grüssen zwei Statuen vom Buffet, die heilige Clara und der heilige Franziskus. Vom Gang ertönen Stimmen und herzliches Gelächter, die Sonne wärmt das Besucherzimmer. Dann – Stille. Kaum wahrnehmbar tickt die Wanduhr, als passe sie sich der klösterlichen Ruhe an. Man hört: nichts.

Schwester Rita fragt, ob man noch etwas brauche, und entschuldigt sich – die beiden Novizinnen sind im Gespräch mit dem Generalvikar, das Interview verzögere sich, der Generalvikar bespreche mit den beiden den Ablauf der zeitlichen Profess.

Letzte Profess vor elf Jahren

Zeitliche Profess. Auch so ein aus der Zeit gefallener Begriff. Die Novizinnen versprechen sich für drei weitere Jahre dem Kloster Leiden Christi. Am Samstag, 26. April, ist es so weit. Für das kleine Kloster ein grosser Tag. Die letzte zeitliche Profess wurde 2003 gefeiert, doch die Schwester, die sie gab, hat das Kloster mittlerweile wieder verlassen. 1997 legte Schwester Rita ihre zeitliche Profess ab, im Jahr 2000 ihre ewige.

«Die drei Jahre bis zur ewigen Profess sind dazu da, sich und seine Entscheidung zu überprüfen», sagt Schwester Mirjam. Sie ist seit 27 Jahren im Kloster zu Jakobsbad, seit 15 Jahren hat sie die Aufgabe der Frau Mutter inne. Doch das sei kein Amt auf Lebzeiten: «Die Frau Mutter wird alle drei Jahre von der Gemeinschaft gewählt.»

Von 45 Schwestern auf zehn

«Dass wir gleich zwei zeitliche Professe feiern dürfen, ist eine grosse Freude und ein wunderbares Geschenk», sagt Schwester Mirjam. Die Nachwuchssorgen machen auch vor Jakobsbad nicht halt. Lebten in den 1940er- Jahren 45 Schwestern im Kloster, sind es heute zehn. Werben für das Klosterleben ist schwer, die Kapuzinerinnen pflegen ihre Homepage sorgfältig, das sei ein guter Weg, um junge Leute zu erreichen.

So wie Schwester Elisabeth. Die 22-Jährige ist eine der jüngsten Novizinnen der Schweiz. Vor zwei Jahren kam sie aus dem norddeutschen Bad Salzuflen nach Jakobsbad. Der Berufswunsch der Maturandin: Nonne. «Schon als Jugendliche verspürte ich diesen Wunsch», sagt Schwester Elisabeth. Das Innerrhoder Kloster hat sie übers Internet gefunden.

Noch ein bisschen proben

Die beiden Novizinnen haben ihre Generalprobe mit dem Generalvikar gut überstanden. «Naja, ein bisschen müssen wir noch proben», sagt Schwester Chiara, und beide lachen. Eine heitere Atmosphäre herrscht im Besucherzimmer – und wohl auch im Kloster, so herzlich wird man empfangen und umhegt.

Wie ergeht es den Novizinnen? «Ich habe noch nie an meiner Entscheidung gezweifelt», sagt Schwester Elisabeth, und ihre blauen Augen strahlen. Das Noviziat sei eine gute, intensive Zeit gewesen, «eine Vorbereitung auf das, was unser Leben sein wird». Ihre Familie freue sich, ihre Eltern, Onkel, Tante und Cousin kommen zu ihrer Profess.

Auch Schwester Chiara erwartet Besuch zum Fest. Doch ihr Umfeld hat geteilt auf ihre Entscheidung reagiert. «Die einen fanden: <Lässig, das habe ich schon immer gedacht, das passt>, aber es gab auch welche, die den Kontakt abgebrochen haben», sagt die 43-Jährige, die ursprünglich aus Wattwil stammt. Dort hat sie Floristin gelernt, zehn Jahre in diesem Beruf gearbeitet, bis sie aus gesundheitlichen Gründen den Job wechseln musste. Als Pfarreisekretärin half sie bei der Auflösung des Klosters Wattwil – «da habe ich gemerkt, das ist mein Ding».

Sie habe schon früher den Wunsch nach klösterlichem Leben verspürt, diesen aber immer wieder beiseite geschoben. Sie besuchte eine der ehemaligen Wattwiler Schwestern oft im Kloster Leiden Christi. So oft, dass Frau Mutter sie fragte, ob das nicht auch etwas für sie wäre. Am 1. Advent 2011 trat sie als Kandidatin ein. Es sei ein langer Prozess für sie gewesen, sie habe lange überlegt, ob sie wirklich ihr bisheriges Leben, ihre Wohnung, ihren Job, ihr Auto aufgeben möchte.

Zwei Schwestern, drei Hunde

Ihre beiden Hunde durfte sie ins Kloster mitnehmen, erzählt sie und lacht fröhlich. Schwester Dorothea habe einen Pudel, «wenn wir beide mit den Hunden über die Appenzeller Hügel spazieren, weiss ich nicht, wen die Leute mehr anschauen: uns oder die Hunde», sagt Schwester Chiara vergnügt.

Das Kapuzinerinnenkloster ist ein geschlossenes: Die Schwestern empfangen Besuch, gehen aber selber nicht zu den Leuten. Fühlen sie sich nicht isoliert? «Wieso? Wir führen ein ganz normales Leben, wir lesen Zeitung, hören Radio, haben Internet und Fernsehen», sagt Schwester Elisabeth. Es sei eine familiäre Atmosphäre, Heimweh habe sie noch nie verspürt. «Das hier ist mein Zuhause.» Sie geniesse das Zusammenleben, das Leben mit Gott, eng verbunden im Glauben und Gebet.

Selbstbestimmt gemeinsam

Aber ist ein Leben im Kloster nicht das Gegenteil eines selbstbestimmten Lebens? «Nein, wir sind alle selbstbestimmte Menschen mit eigenem Willen», sagt Schwester Chiara. Doch das Einfügen in die Gemeinschaft, die gemeinsam Entscheidungen fällt, sei ihr anfangs schwergefallen. «Aber jeder bringt sich in die Gemeinschaft ein», sagt Schwester Elisabeth. Schwester Chiara stimmt ihr zu: «Nur Jasagen würde nicht funktionieren.»

Am 26. April aber sagen beide Ja. Ja zu drei weiteren Jahren im Kloster Leiden Christi. Zu einem Leben, das einem Aussenstehenden als aus der Zeit gefallen scheint. Und was die Schwestern mit so grosser Befriedigung erfüllt. Nonne sein ist kein Beruf – es ist eine Berufung.

Eingebettet in die Appenzeller Hügel &ndash; das Kloster Leiden Christi in Jakobsbad.

Eingebettet in die Appenzeller Hügel – das Kloster Leiden Christi in Jakobsbad.