«Das Pionierhafte hat uns gefehlt»

Der letzte Vorhang der Appenzeller Kabarett-Tage ist gefallen. Während 15 Jahren haben Marcel Walker und Simon Enzler renommierte Kabarettisten nach Appenzell geholt. Zuletzt war das unternehmerische Risiko grösser als die Freude.

Michael Genova
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Simon Enzler Mitbegründer Appenzeller Kabarett-Tage (Bild: Benjamin Manser)

Simon Enzler Mitbegründer Appenzeller Kabarett-Tage (Bild: Benjamin Manser)

Herr Walker, warum hören Sie und Simon Enzler auf?

Marcel Walker: Dafür gibt es einen Strauss von Gründen. Die Appenzeller Kabarett-Tage organisierten wir in den vergangenen Jahren in unserer Freizeit. Simon Enzler und ich merkten, dass wir viel Zeit mit der Organisation verbrachten, dies aber nicht mehr gemeinsam taten. Jeder hatte seine Aufgaben. Das spitzbübisch Pionierhafte aus der Anfangszeit hat uns zuletzt etwas gefehlt.

Wurden Sie Opfer Ihres eigenen Erfolgs?

Walker: Ja. Wir starteten vor 15 Jahren mit der Bedingung, dass die Freude im Zentrum stehen sollte. Die Kabarett-Tage wurden grösser und damit stieg vor allem das unternehmerische Risiko, nicht aber die Freude. Voneinander hatten wir plötzlich nichts mehr. Wir wollten das Festival immer gemeinsam machen und nicht nebeneinander her.

Noch im April deutete nichts auf eine solche Wendung hin.

Walker: Nein, wir haben uns schon seit Anfang des Jahres darüber Gedanken gemacht. Die Entscheidung ist erst nach Abschluss der 15. Kabarett-Tage im Mai gereift. Wir hätten auch noch die 16. und 17. Veranstaltung planen können, doch wir wollten die Routine vermeiden. Die Veranstaltung sollte kein Selbstläufer werden.

Welche Reaktionen haben Sie bislang auf Ihren Rückzug erhalten?

Walker: Viele sind der Meinung, dass Appenzell etwas Wertvolles in der Veranstaltungskultur abhanden kommt. Es wäre schlimm, wenn wir keine Lücke hinterliessen. Darüber bin ich eigentlich froh. Ich merke aber auch, dass die Menschen, Kulturschaffende oder Gäste, eine eigene Beziehung zu den Kabarett-Tagen hatten. Unser Rückzug betrifft folglich nicht nur uns persönlich, sondern auch das soziale Umfeld, welches wir in den letzten Jahren aufgebaut und gepflegt haben. Ein solches Festival lebt dank vieler Helfer und Hände.

Waren die letzten Appenzeller Kabarett-Tage ein Erfolg?

Walker: Wir haben dieses Jahr die Tickets so schnell wie noch nie verkauft.

Welches waren für Sie die Höhepunkte der vergangenen 15 Jahre?

Walker: Zu den Höhepunkten unseres Programms zählten für mich Gerhard Polt und Georg Schramm. Auch Josef Hader war ein Kaliber. Ihn wollte ich eigentlich nochmals nach Appenzell holen. Dazu kommen viele persönliche Erinnerungen. Zum Beispiel wie wir in der Anfangszeit die vielen technischen Probleme gelöst haben. Unvergesslich bleibt mir auch, wie ich und Simon Enzler das erste Programmheft in einer Wohnung auf der Bettmeralp im Wallis geschrieben haben. Damals war so etwas noch möglich.

Es schwingt etwas Wehmut mit.

Walker: Ich habe fast das Gefühl, es ist mutiger aufzuhören als anzufangen.

Werden Sie und Simon Enzler das Netzwerk der Appenzeller Kabarett-Tage für neue Projekte nutzen?

Walker: Wir erlauben uns auch in Zukunft, Ideen zu entwickeln. Allerdings haben wir uns noch nicht verpflichtet. Wir können uns aber vorstellen, in einer anderen Form wieder etwas auf die Beine zu stellen.

Das erste Programmheft der Appenzeller Kabarett-Tage schrieb Marcel Walker zusammen mit Simon Enzler in einer Wohnung auf der Bettmeralp im Wallis. (Bild: Stefan Beusch)

Das erste Programmheft der Appenzeller Kabarett-Tage schrieb Marcel Walker zusammen mit Simon Enzler in einer Wohnung auf der Bettmeralp im Wallis. (Bild: Stefan Beusch)