Wirtschaft
Ukrainerinnen packen an: Der Thurgau erteilt 236 Arbeitsbewilligungen für Flüchtlinge mit Schutzstatus S - Das ist schweizweit die beste Quote

Geflüchtete aus der Ukraine finden im Thurgau hauptsächlich in der Industrie und der Landwirtschaft eine Stelle. Das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit prüft unter anderem, ob die vereinbarten Löhne branchenüblich sind. In zehn Fällen musste es intervenieren.

Silvan Meile
Drucken
Das Migrationsamt Thurgau unterstützt Geflüchtete mit Status S und bezahlt ihnen den Deutschunterricht.

Das Migrationsamt Thurgau unterstützt Geflüchtete mit Status S und bezahlt ihnen den Deutschunterricht.

Bild: Reto Martin

Die Frau aus der Ukraine will arbeiten und hat Glück. Ihre Ausbildung als Veterinärmedizinerin ist im Thurgau gefragt. So hat sie eine Anstellung als Tierärztin gefunden. Anders als im humanmedizinischen Bereich seien für sie die fehlenden Deutschkenntnisse kein unüberwindbares Hindernis, sagt Daniel Wessner, Leiter des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Die Tierärztin ist eine Ausnahme. Fachkräfte haben es grundsätzlich schwer, in ihrem Beruf Fuss zu fassen. Wessner sagt:

«Je anspruchsvoller die Tätigkeit, desto bedeutender die Sprache.»

Rund 2000 Personen aus dem von Krieg betroffenen osteuropäischen Land finden aktuell mit Schutzstatus S Zuflucht im Thurgau. Für 236 von ihnen hat das AWA bisher eine Arbeitsbewilligungen ausgestellt. Gemessen an der Bevölkerung habe kein anderer Kanton eine bessere Quote, sagt Wessner. Was sind die Gründe?

90 Prozent sind Frauen

Der Thurgau braucht Erntehelfer. Bauern stellen seit Jahren helfende Hände aus Osteuropa ein. Aktuell ist es naheliegend, dass sie auch Geflüchtete aus der Ukraine einstellen, die hier bereits untergebracht sind. «27 Prozent der Arbeitsbewilligungen für Personen aus der Ukraine sind für die Branche ‹Landwirtschaft und Gartenbau› ausgestellt worden», sagt Wessner. Der Sektor «Industrie und Gewerbe» ist mit 30 Prozent sogar noch etwas häufiger vertreten. Beide Branchen sind im Thurgau stark vertreten. Hier gibt es Jobs, in denen Sprachbarrieren überwunden werden können. «16 Prozent fanden in der Gastronomie eine Anstellung, 13 Prozent in der Bildung, zum Beispiel als Klassenassistentinnen, und 7 Prozent in der Reinigung», erklärt Wessner.

Die Arbeitsbewilligungen für ukrainische Flüchtlinge seien zu etwa 90 Prozent an Frauen gegangen. Er sei beeindruckt von der hohen Motivation und Flexibilität dieser Menschen, sich in der Schweiz zu integrieren und eine Arbeitsstelle zu finden – trotz der schwierigen persönlichen Umstände. Viele seien sich nicht zu schade, aufgrund ihrer mangelnden Deutschkenntnisse eine einfachere Arbeit anzunehmen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind.

Von der fehlenden staatlichen Kinderbetreuung überrascht

Das Amt für Wirtschaft und Arbeit bewilligte nicht jedes Gesuch. Der Kanton hat ein Auge darauf, dass die Geflüchteten nicht etwa ausgenutzt werden. In zehn Fällen seien Gesuche abgelehnt worden, weil der abgemachte Lohn als «nicht orts- und branchenüblicher Mindestlohn» eingestuft worden ist, erklärt Wessner.

Es bestünde ein grosser Informationsbedarf in Bezug auf den Arbeitsmarkt. Deshalb habe das Amt für Wirtschaft und Arbeit ein Infoblatt in ukrainischer Sprache erstellt. Die Ukrainerinnen zeigen sich gemäss Wessner einerseits vom Arbeitnehmerschutz überrascht, anderseits sind sie sich deutlich intensivere staatliche Kinderbetreuung gewohnt.

Die meisten finden selber eine Stelle

Die Geflüchteten aus der Ukraine erhalten zwar kein Arbeitslosengeld, doch sie haben Anrecht auf eine individuelle Beratung bei der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV). «Die RAV-Beraterinnen und -berater klären die beruflichen Kompetenzen der ukrainischen Stellensuchenden ab und unterstützen diese bei der Stellensuche», sagt Heinz Erb, Leiter RAV Thurgau, gemäss einer Mitteilung des Kantons.

Die Kommunikation sei jedoch nicht immer einfach. «Wir weisen schon im Vorfeld darauf hin, dass diejenigen, die absolut keine Deutsch- oder Englischkenntnisse haben, eine übersetzende Person mitbringen sollen zum Beratungsgespräch.» Ansonsten würden sich die RAV-Angestellten mit Online-Hilfsmitteln wie beispielsweise Google-Translate behelfen. 17 Personen aus der Ukraine fanden übers RAV eine Arbeit.

Die Gesuche steigen, je länger der Krieg dauert

Daniel Wessner sagt, die Anzahl Gesuche von Menschen aus der Ukraine für eine Arbeitsbewilligung würden laufend zunehmen. Wohl waren viele Geflüchtete zuerst mit Themen wie Unterkunft und Kinderbetreuung beschäftigt. Allmählich dürften aber noch mehr den Zugang zum Arbeitsmarkt suchen. Wessner sagt:

«Die Gesuche werden steigen, je länger der Konflikt in der Ukraine andauert.»

Seit Kriegsbeginn flüchteten rund 60'000 Menschen aus der Ukraine in der Schweiz. Der Bund rechnet damit, dass es bis Ende Oktober 80’000 bis 120’000 Geflüchtete sein werden.