Satanic panic
Fantasien von mörderischen Ritualen: Vor 20 Jahren geriet schon einmal eine Thurgauer Therapiestation in die Schlagzeilen

Heute Littenheid, früher Hosenruck: Töchter dichten ihren Vätern die Zugehörigkeit zu satanistischen Zirkeln an. Vor 20 Jahren geriet die Therapiegemeinschaft Schnäggehuus in die Schlagzeilen. Zwei ehemalige Bewohnerinnen verweigern bis heute den Kontakt zu den Angehörigen.

Thomas Wunderlin
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Die therapeutische Wohngruppe Schnäggehuus in Hosenruck stellte 2007 den Betrieb ein.

Die therapeutische Wohngruppe Schnäggehuus in Hosenruck stellte 2007 den Betrieb ein.

Susann Basler

Satanistische Zirkel missbrauchen Kinder auf blutrünstige Weise – Verschwörungstheorien dieser Art zirkulieren seit einigen Jahrzehnten. Manchmal nehmen sie auch Psychotherapeuten für bare Münze; der Fall eines Oberarztes der Klinik Littenheid sorgt derzeit für Aufsehen.

Der «Beobachter» erinnert in seiner neuesten Ausgabe an eine andere Thurgauer Therapiestation, deren Patientinnen vor 20 Jahren solche blutigen Fantasien von sich gegeben hatten.

Mit Leichensuchhunden Thurinsel abgesucht

Drei Bewohnerinnen des Hosenrucker Schnäggehuus warfen ihren Vätern vor, sie gehörten einem Satanszirkel an, der Menschen foltert, verstümmelt und tötet. Die Berner Polizei untersuchte 2005 die Vorwürfe, da die Eltern einer Patientin im Kanton Bern wohnten. Polizisten suchten mit Leichensuchhunden auf einer Thurinsel nach verscharrten Knochen. Untersuchungsrichter Marcel Meier fand jedoch keinen einzigen Beleg für die tatsächliche Existenz des Satanszirkels.

Das Schnäggehuus stellte 2007 den Betrieb ein; die Verantwortlichen machten unter anderem «unfaire und unwahre Presseberichte» für den defizitären Betrieb verantwortlich.

Die Schnäggehuus-Leiterinnen mussten sich hingegen vorwerfen lassen, dass sie Patientinnen ein Kontaktverbot zu ihren Eltern auferlegt hatten. Das Errichten solcher Kontaktschranken sei «unter dem Strich eher nachteilig», urteilte Thomas Knecht, damaliger Leiter des Bereichs Sucht und Forensik der Klinik Münsterlingen, der im Auftrag der kantonalen Heimkommission die therapeutische Wohngemeinschaft Schnäggehuus durchleuchtete. «Auch im Zeichen der Realitätsprüfung» bezüglich Verschwörungstheorien solle man den Kontakt mit Angehörigen nicht ohne Not erschweren, fand Knecht:

Thomas Knecht, Forensiker.

Thomas Knecht, Forensiker.

Bild: PD
«Nur durch Austausch mit aussen kann man verhindern, dass solche Feindbilder ins Unermessliche wuchern.»

Im Übrigen stellte Knecht der Therapiestation ein gutes Zeugnis aus und lobte explizit das «milde, warme Klima».

Noch immer kein Kontakt zu den Angehörigen

Wenig davon gespürt hatten die Angehörigen, die mit den Vorwürfen allein gelassen wurden. Der «Beobachter» zitiert einen Bruder und eine Mutter zweier ehemaliger Bewohnerinnen des Schnäggehuus. Auch nach zwei Jahrzehnten haben sie den Kontakt zur Schwester respektive Tochter nicht wieder aufnehmen können.

Die 80-jährige Mutter sieht ihre Tochter nur, wenn sie ein Foto des Verkaufsteams auf der Website des Wuppenauer Dorfladens anschaut. Nach dem Ende des Therapieheims hatten die Schnäggehuus-Leiterinnen den Betrieb auf den Verein Revita übertragen.

Dieser bietet in einer Wohngruppe Betreuung für vier Frauen an; gemäss «Beobachter» wird er unter anderem über IV-Renten und Sozialhilfe finanziert. Demgegenüber hatte das Schnäggehuus in Hosenruck sieben Plätze angeboten, dazu fünf weitere in einer Aussenwohngruppe in Weinfelden.

Der Verein Revita arbeitet mit der Genossenschaft zusammen, welche den Dorfladen betreibt. Bewohnerinnen der Revita-Wohngruppe arbeiten teilweise im Dorfmarkt mit.

Der Gemeindepräsident von Wuppenau, Martin Imboden, ist Präsident der Genossenschaft Vitaplus, die den Dorfladen betreibt. Seine Sorge gilt der Stabilität des Betriebs, die viel Aufmerksamkeit verlange, wie er auf Anfrage dieser Zeitung sagt. Der Laden floriere dank der guten Lage an der Durchgangsstrasse, nicht, weil er sich für die Behindertenintegration einsetze:

«Dadurch verkaufen Sie kein einziges Rüebli mehr.»
Martin Imboden, Gemeindepräsident von Wuppenau und Präsident der Genossenschaft Vitaplus, die den Dorfladen betreibt.

Martin Imboden, Gemeindepräsident von Wuppenau und Präsident der Genossenschaft Vitaplus, die den Dorfladen betreibt.

Bild: Andrea Tina Stalder

Die Bewohnerinnen der Wohngruppe seien zu respektieren, betont Imboden: «Sie sind nicht bevormundet; sie können weggehen, wenn sie möchten.» Das sei auch schon vorgekommen. In einem Fall sei es Zeichen einer positiven Entwicklung gewesen, in einem anderen Fall «ist sie nicht weit gekommen», nämlich in die psychiatrische Klinik Wil.