Kinderbetreuung
Weder Spielgruppe noch Mittagstisch: SP Thurgau nimmt Gemeinden bei der Hand

Im Thurgau gibt es zu wenige Angebote an guter und bezahlbarer Kinderbetreuung, meint die SP. Die Mehrheit der 80 Thurgauer Gemeinden hat weder eine Spielgruppe noch eine Kita, einen Mittagstisch oder gar eine Tagesschule. Die SP-Lokalsektionen suchen jetzt das Gespräch mit den zuständigen Gemeinderäten.

Thomas Wunderlin
Drucken
Die SP auf dem Spielplatz: Turi Schallenberg, Andrea Epper, Marina Bruggmann, Barbara Dätwyler.

Die SP auf dem Spielplatz: Turi Schallenberg, Andrea Epper, Marina Bruggmann, Barbara Dätwyler.

Bild: Thomas Wunderlin

Vor einem Jahr hat in Bürglen eine Kindertagesstätte (Kita) ihre Türen geöffnet. «Sie war grad voll», sagt der Bürgler SP-Kantonsrat Turi Schallenberg. «Es gab vorher keine Nachfrage. Aber als das Angebot da war, wurde es genutzt.»

In Münsterlingen blickt der Kindertreff auf eine bald zehnjährige Erfolgsgeschichte zurück, sagt SP-Gemeinderätin Andrea Epper. «Viele Eltern arbeiten im Spital und sind auf eine Kinderbetreuung angewiesen.» Die Nachfrage sei weiterhin hoch:

«Wir haben viele Zuzüger aus Deutschland; wir bekommen oft Anfragen, ob wir ein Angebot hätten.»

Im Gegensatz zu Münsterlingen und Bürglen verfügt die Mehrheit der 80 Thurgauer Gemeinden gemäss einer Erhebung von Ende 2019 über keinerlei Angebote an familienexterner Betreuung. Es gibt weder Spielgruppe noch Kita, Mittagstisch oder gar Tagesschule.

Ein flächendeckendes Angebot an Betreuungsplätzen wäre wichtig, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, sagt die Frauenfelder Sozialvorsteherin und Grossratspräsidentin Barbara Dätwyler. Mehr als die Hälfte der Gemeinden zahlt auch keine Beiträge an Eltern, die ihre Kinder in einer andern Gemeinde betreuen lassen. Schallenberg spricht von einem «Missstand».

Im Normalfall arbeiten heute beide Eltern

Diesen zu beheben, das hat sich eine Arbeitsgruppe der SP Thurgau vorgenommen und einen Fragebogen ausgearbeitet. Die lokalen SP-Sektionen werden mit dem zuständigen Mitglied der Gemeindebehörde Kontakt aufnehmen mit der Bitte, den Fragebogen für ihre Gemeinde auszufüllen. Die erhobenen Resultate sollen als Grundlage für ein Gespräch dienen.

Für Epper sind Eltern der Normalfall, die beide arbeiten. «Das hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert.» SP-Thurgau-Präsidentin Marina Bruggmann betont, dass es auch Kinder gebe, die besser zu Hause gefördert würden:

«Jedes Kind ist einzigartig.»

Die Thurgauer Gemeinden sind gesetzlich verpflichtet, die Nachfrage nach externer Kinderbetreuung zu erheben. Falls sich ein Bedarf ergibt, sollten sie laut Dätwyler Kontakt mit privaten Anbietern aufnehmen und sie motivieren, ein Angebot zu bieten.

Wenn die Gemeinden weder eine Erhebung durchführen noch den Bedarf decken, habe das allerdings keine Konsequenzen. Bruggmann ergänzt:

«Die Interpretation der Erhebung liegt an den Leuten, die sie machen.»

So war in Salmsach umstritten, ob ein Bedarf nach Betreuung besteht, wenn zwei Kinder diese über längere Zeit in Anspruch nehmen. Bruggmann: «Der Kanton sagt, das reicht.»

Dabei könne sich ein Kita-Angebot für die Gemeinden auszahlen: «Wenn es gelingt, Doppelverdiener zu holen, bringt es steuerlich etwas.» Das gelte besonders für Gemeinden, in denen viel gebaut werde. Wichtig sei ein qualitativ gutes Angebot, wozu eine bessere Bezahlung als heute üblich gehöre.

Auch Unternehmen könnten eine Kinderbetreuung anbieten. Eine Pionierin auf diesem Gebiet war das Kantonsspital Frauenfeld, wo Dätwylers Kinder betreut wurden.

Thurgau: Nur 18 Prozent familienextern betreut

Wenn sie die Kinderbetreuung subventionieren, so tun dies die Gemeinden unterschiedlich. Laut Dätwyler zahlen Thurgauer Eltern mindestens drei Viertel der Kosten selber, während sie im Kanton Zürich nur die Hälfte übernehmen müssen. In Zürich werden laut Schallenberg gemäss einer Erhebung von 2017 auch 43 Prozent der Kinder familienextern betreut. Im Thurgau sind es – Stand 2018 – nur 18 Prozent.