Gordon-Bennett-Cup
«Ich könnte 100 Stunden da oben verbringen»: Die Thurgauer Ballonfahrer über ihren zweiten Platz, Ballonpost und die erste Dusche nach der Landung

Kurt Frieden und Pascal Witprächtiger sind nach 60 Stunden in der Luft am frühen Montagmorgen in Bulgarien gelandet. Die 1550 Kilometer Wettkampfdistanz zwischen der St.Galler Kreuzbleiche und der Schwarzmeerküste haben den beiden den Vizeweltmeistertitel am Gordon-Bennet-Cup eingebracht.

Stefan Marolf
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Nach 60 Stunden in der Luft landeten Kurt Frieden und Pascal Witprächtiger am Montagmorgen um 04.25 Uhr in Bulgarien.

Nach 60 Stunden in der Luft landeten Kurt Frieden und Pascal Witprächtiger am Montagmorgen um 04.25 Uhr in Bulgarien.

Bild: Team SUI-1, Frieden/Witprächtiger

22 Kilometer machten am Ende den Unterschied zu Ungunsten von Kurt Frieden und Pascal Witprächtiger: Die beiden Thurgauer Titelverteidiger mussten sich am Gordon-Bennet-Cup, der Langstrecken-Weltmeisterschaft der Gasballone, dem deutschen Vater-Sohn-Gespann Wilhelm und Benjamin Eimers geschlagen geben.

22 Kilometer sind, angesichts der Wettkampfdistanz von über 1500 Kilometern, eine lächerliche Differenz. Frieden und Witprächtiger trauern dem verpassten Sieg trotzdem nicht nach. Frieden, der in Hohentannen lebt, sagt:

«Der zweite Platz ist sensationell.»

Ihr Ziel sei das Podium gewesen, sagt Witprächtiger. «Das haben wir, zusammen mit dem Team am Boden, erreicht.» Der vierfache Sieger ist sich bewusst, dass eine erfolgreiche Gordon-Bennett-Vergangenheit kein Erfolgsgarant ist. Er sagt: «Jedes Rennen fängt bei null an.»

Den Wind an der Küste gemieden

Ihren ursprünglichen Plan, bis an die türkische Grenze und damit ans Ende des Wettkampfgebiets zu fahren, mussten die beiden vor allem aus Sicherheitsgründen aufgeben. Der in Schlatt wohnhafte Witprächtiger sagt:

«Wegen der hohen Windgeschwindigkeiten an der Schwarzmeerküste haben wir uns für die robustere Variante entschieden.»
Pascal Witprächtiger, Co-Pilot.

Pascal Witprächtiger, Co-Pilot.

Bild: Reto Martin

Das heisst konkret: Frieden und er haben, verglichen mit der deutschen Konkurrenz, ein Gebiet mit mehr Landemöglichkeiten angesteuert. Witprächtiger sagt: «Wir waren besorgt um unser Material, das wir selbst finanzieren und das beim Landen Schaden nehmen kann.»

Landung in windgeschütztem Waldstück

Rein technisch hätte das Team Schweiz 1 noch bis am Montagabend weiterfahren können, sagt Witprächtiger. Weil das Schwarze Meer aber eine natürliche Grenze darstellt und weder die Türkei noch die russischsprachigen Gebiete zum Wettkampfgebiet zählen, mussten die beiden Thurgauer ihre Reise am frühen Montagmorgen beenden.

Pascal Witprächtiger (links) und Kurt Frieden irgendwo zwischen St.Gallen und Schwarzem Meer.

Pascal Witprächtiger (links) und Kurt Frieden irgendwo zwischen St.Gallen und Schwarzem Meer.

Bild: Team SUI-1, Frieden/Witprächtiger

Eine sichere Landung anpeilen, statt den Sieg zu erzwingen – der Plan des Teams Schweiz 1 ging auf. Frieden und Witprächtiger landeten um 04.25 Uhr in einem abgelegenen, aber windgeschützten Waldstück und konnten mit einiger Mühe das Begleitfahrzeug zum Landeplatz lotsen. Witprächtiger sagt:

«In Bulgarien gibt es grosse Gebiete ohne asphaltierte Wege. Es hat deshalb ein paar Minuten länger gedauert.»

Trotzdem war der Ballon bis am Montagmittag verstaut – und das Duo Frieden/Witprächtiger schon mit einer neuen Aufgabe beschäftigt: Vor der Rückreise nach St.Gallen und der Siegerehrung am Samstag kümmern sich die beiden Thurgauer um die Ballonpost.

Die beiden nahmen über 200 Postkarten für Verwandte und Bekannte mit auf ihre Reise und schicken sie nun – so will es die Tradition – vom Landeort des Ballons aus zurück nach Hause. «Wir versuchen gerade, Briefmarken aufzutreiben», sagt Witprächtiger am Montagmittag.

Die wohltuende Dusche danach

Die Anekdote zeigt: Erschöpft sind der 53-jährige Frieden und sein sechs Jahre jüngerer Co-Pilot Witprächtiger auch nach zweieinhalb Tagen in der Luft nicht. Das sei vor allem ihrem klaren Schlafplan zu verdanken, sagt Witprächtiger. Von den vier- bis fünfstündigen Ruhepausen profitiere vor allem Frieden, denn:

«Kurt kann zu jeder Tages- und Nachtzeit in einer, zwei Minuten einschlafen.»
Kurt Frieden, Pilot.

Kurt Frieden, Pilot.

Bild: Reto Martin

Frieden bestätigt und sagt: «Erholung ist das Wichtigste – ohne Schlaf bist du nach 24 Stunden durch.» Die 60 Stunden zu zweit auf knapp anderthalb Quadratmetern sind für ihn denn auch kein Problem. «Ich könnte 100 Stunden da oben verbringen. Wir sind weg von der Welt und den Elementen ausgesetzt. Das ist etwas ganz Spezielles.»

Auf eines freuen sich Frieden und Witprächtiger dann doch: «Die erste Dusche nach einer Fahrt ist besonders wohltuend.»

Kurt Frieden und Pascal Witprächtiger haben ihre Reise auf dem Liveblog www.gordonbennettrace.wordpress.com dokumentiert. Die genauen Flugrouten aller Teams sind auf www.live.gordonbennett.aero abgebildet.