Test-Kapazitäten
«Zustände, bei denen einem das Arbeiten echt verleidet» – Ostschweizer Apotheken sind überlastet

Die Apotheken sind schon länger am Anschlag der Test-Kapazitäten, doch die neuen Beschlüsse des Bundesrats bringen das Fass zum Überlaufen. Unterstützung von den Kantonen wäre dringend nötig, aber diese sträuben sich schon seit Monaten.

Mauro Lorenz/FM1Today und Janina Gehrig 2 Kommentare
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Die Apotheken werden überrannt und fordern endlich Hilfe vom Kanton.

Die Apotheken werden überrannt und fordern endlich Hilfe vom Kanton.

Bild: Keystone

Der Bundesrat hat entschieden, die erweiterte Covid-Zertifikatspflicht einzuführen, wonach ab Montag nur noch Geimpfte, Genesene und Getestete (3-G-Regel) Restaurants und Bars, Fitnesscenter, Kinos oder Museen besuchen dürfen. Ziel ist es, mit den Massnahmen die Impfquote zu erhöhen und die Intensivstationen vor einer Überlastung zu schützen. Dies sei absolut richtig, sagt Claudia Meier-Uffer, Präsidentin des Apothekerverbands St.Gallen und Appenzell: «Ich habe Verständnis für den Bundesratsentscheid, aber er hat die Konsequenzen nicht durchdacht. Der Bundesrat versucht, die Spitäler vor dem Kollaps zu schützen – und dafür kollabieren wir.»

«Eine Katastrophe»

Die Apotheken und Testzentren sind nämlich bereits seit Monaten an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt. Der Beschluss vom Mittwoch hat die Lage weiter verschärft. «Eine Katastrophe. Seit Mittwochnachmittag füllen sich unsere Terminkalender.» Die Inhaberin der Rotpunkt Apotheke in Gossau berichtet, dass Tage mit bis zu 300 Tests in letzter Zeit zur Normalität geworden seien und sagt:

«Wir sind echt verzweifelt. Ich weiss nicht, wie es weitergehen soll.»

Im Kanton Graubünden ist die Situation ähnlich. Bei der Steinbock Apotheke in Chur klingelt das Telefon seit Mittwochnachmittag ununterbrochen. «Alle wollen sich testen lassen und alle haben einen plausiblen Grund. Ob Hochzeit oder Ferien, es ist schwer, Nein zu sagen», sagt die Inhaberin und Präsidentin des Apothekerverbands Graubünden, Monika Fehr.

Gereizte Stimmung bei den zu Testenden und dem Personal

Diese Belastung führe beim Personal zu Ermüdungserscheinungen und auch die Kundinnen und Kunden reagierten zunehmend gereizt. «Die Stimmung beginnt zu kippen. Die Leute sind genervt und lassen den Frust an unserem Personal raus», sagt Meier-Uffer. Der Unmut bei den zu Testenden und beim Personal sei gross. So komme es auch immer wieder zu Streitereien, die für die Situation alles andere als hilfreich seien. Die höchste St.Galler Apothekerin findet klare Worte: «Es sind Zustände, bei denen einem das Arbeiten echt verleidet. In 30 Jahren musste ich so etwas noch nie sagen, aber so ungern wie momentan habe ich noch nie im Leben gearbeitet.»

Der Kanton reagiert nicht

Das Problem ist nicht neu. Es wurde aber durch die neuen Beschlüsse zusätzlich verschärft. «Bereits seit dem Frühling weisen wir den Kanton auf die Problematik hin und bitten um den Bau von Testzentren», sagt die Präsidentin des Apothekerverbands St.Gallen und Appenzell. Eine wirkliche Reaktion sei ausgeblieben:

«Auf alle unsere Anfragen und Hilfeschreie reagieren sie gleich und behaupten, es gebe genügend Kapazitäten.»

Auch auf Nachfrage schreibt das Gesundheitsdepartement des Kantons St.Gallen: «Zum aktuellen Zeitpunkt sind ausreichende Testkapazitäten im Kanton St.Gallen vorhanden und nicht ausgeschöpft.» Die Lage werde beobachtet. Und: «Es ist den Apotheken oder weiteren privaten Anbietern überlassen, weitere Kapazitäten aufzubauen.» Ein Testzentrum sei aktuell nicht geplant.

Die Testkapazitäten scheinen jedoch nicht nur für Personen knapp zu sein, die einen negativen Nachweis brauchen, sondern auch für jene mit Covid-19-Symptomen, wie das Beispiel eines 70-jährigen Geimpften von vergangener Woche zeigt. Weil er sich krank fühlt, macht er einen Antigen-Schnelltest, der positiv ausfällt und ruft bei seinem Hausarzt in St.Gallen an. Dort heisst es, er solle sich einem PCR-Test in einer Apotheke unterziehen, um das Resultat bestätigen zu lassen. In welcher, wird ihm nicht geraten, denn alle umliegenden Apotheken seien überlastet. Erst Tage später erhält der Rentner, der namentlich nicht genannt werden möchte, einen Termin.

Entspannung im Oktober?

Ob sich die Situation entspannt, wenn die Tests ab Oktober nicht mehr gratis sind, kann noch nicht beantwortet werden. «Das fragen wir uns auch. Erste Buchungen für den Oktober sind bereits eingegangen», sagt Meier-Uffer. Ihre Kollegin aus Chur glaubt, dass die Nachfrage noch eine Weile gross bleiben wird. Der Oktober ist eine beliebte Ferienzeit und auch viele Veranstaltungen finden in dieser Zeit statt. «Auch wenn sich die Leute durch den Druck des Bundesrats zum Impfen entscheiden, dauert es mindestens sechs Wochen, bis beide Impfungen ihre Wirkung zeigen», sagt Monika Fehr.

Eine leichte Entspannung ist in Sicht, trotzdem bleibt die Lage in den Apotheken angespannt. Fehr möchte optimistisch bleiben und sagt:

«Wir haben es den ganzen Sommer geschafft, irgendwie muss es gehen.»
2 Kommentare
Marianne Levron

Die Apotheker  haben genug zu  tun mit  ihrer anspruchsvollen  Arbeit. Dass  die  verantwortungslosen Nichtimpfer ihnen noch die  endlosen Tests aufbrummen  wollen,  ist eine Zumutung. Die Tests sollten nur noch als Ausnahmefall (Schulkinder usw. ) gemacht werden. Die Impfmuffel sollen  endlich  kapieren,  was es geschlagen hat. Ohne Impfpass bleiben sie eben zu Hause hocken !

Andreas Nef

Wenn zu wenig getestet wird ist nicht gut und wenn man testen geht ist auch wieder nicht recht. Hauptsache man kann über alles und jeden jammern. Richtige „Impfmuffel“ lassen sich nicht testen.

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