Kanton St.Gallen muss mindestens 2,5 Millionen Tonnen CO2 einsparen

In den letzten 30 Jahren sank der CO2-Ausstoss jedes Ostschweizers um über eine Tonne. Sollen die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels verhindert werden, ist ein ungleich grösserer Kraftakt nötig.

Kaspar Enz
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«Klimanotstand jetzt»: Klimastreik in St.Gallen. (Bild: Mareycke Frehner, 2.2.2019)

«Klimanotstand jetzt»: Klimastreik in St.Gallen. (Bild: Mareycke Frehner, 2.2.2019)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

«Klimanotstand jetzt!»: Das fordern die Schülerinnen und Schüler, die am kommenden Freitag einmal mehr ein paar Schulstunden auslassen, um zu demonstrieren. Die Bewegung wird immer breiter: In der Ostschweiz sind nicht mehr nur in St.Gallen, sondern auch in Frauenfeld Aktionen angekündigt.

Erhört wurde die Forderung zuerst in Basel, wo der Klimanotstand bereits ausgerufen wurde. Doch in der ganzen Schweiz haben Politiker den Ball der Klimajugend aufgenommen. In etlichen Kantonsräten sind entsprechende Vorstösse eingegangen, auch im Thurgau und in St.Gallen. «Es soll ein Weckruf sein», sagt der Grünliberale Ueli Fisch, der den Vorstoss im Thurgauer Grossen Rat einbrachte. Das Wort Notstand töne vielleicht dramatisch, sagt er. «Aber die Situation ist wirklich ernst. Die Politik hat es verschlafen, aber die Jugend hat den Ernst der Lage erkannt.»

Der Schnee verschwindet aus den Niederungen

Wie ernst, machte ein Bericht von Meteo Schweiz und der ETH im vergangenen Herbst deutlich: Ohne entschlossene Massnahmen könnten die Niederschläge im Mittelland um bis zu 40 Prozent zurückgehen, die Höchsttemperaturen im Sommer um neun Grad steigen. Und die würden nicht nur an einem Tag gemessen, wie heute, sondern an bis zu 18. Die Schneefallgrenze stiege um bis zu 650 Meter. All dies hätte tiefgreifende Auswirkungen auf die Natur, und damit auch auf die Landwirtschaft.

Ganz verhindern lassen sich diese Veränderungen nicht, aber deutlich eindämmen, sagt der Bericht. Doch dafür wäre ein Kraftakt nötig. Bis 2050 müsste der CO2-Ausstoss pro Kopf und Jahr auf höchstens eine Tonne sinken, sagt Rolf Wüstenhagen, Professor für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St.Gallen. «Rechnet man das CO2, das unser Verhalten im Ausland erzeugt, mit ein, stossen die Schweizer heute rund 14 Tonnen im Jahr aus.» Davon knapp die Hälfte im Inland.

Wo die Emissionen in der Ostschweiz herkommen, zeigt eine Statistik des Kantons St.Gallen. Pro Kopf stiessen die St.Galler im Jahr 2017 demnach 6,3 Tonnen aus. Das ist zwar mehr als eine Tonne weniger als 1990. Wegen des Bevölkerungswachstums bedeutet das aber lediglich, dass der Gesamtausstoss des Kantons etwa gleich hoch ist wie damals: etwas über 3,1 Millionen Tonnen.

Noch zu viele heizen mit Öl

Zahlen, die einen Vergleich unter den Kantonen erlauben, sind rar. Lediglich über den CO2-Ausstoss des Gebäudeparks existieren einheitliche Erhebungen. Demnach hätte in der Ostschweiz der Thurgau den höchsten Pro-Kopf-Ausstoss aus Gebäuden mit 1,7 Tonnen, gefolgt von Ausserrhoden mit 1,6 und St.Gallen mit 1,5. Innerrhoden hat die saubersten Gebäude. Hier beträgt der Pro-Kopf-Ausstoss aus diesem Bereich nur 1,1 Tonnen.

Grösster Sünder im Gebäudebereich sind weiterhin Ölheizungen. «Diese Heizungen müsste man zum Verschwinden bringen», sagt Philipp Egger. Er ist Geschäftsleiter der Energieagentur St.Gallen. Diese berät Hausbesitzer, Gemeinden und Unternehmen und wickelt die kantonalen Förderprogramme für erneuerbare Energien ab. Doch so schnell geht das nicht. «Rund ein Prozent aller Gebäude werden pro Jahr saniert», sagt Egger. «Wenn wir die Bauherren beraten, können wir sie meist von einer besseren Lösung überzeugen.»

Aber nicht jeder klopft bei ihm an. «Und wir können niemanden zwingen. Wirtschaftlich gesehen ist zumindest beim Einkauf die Ölheizung am günstigsten.» So will die Energieagentur vermehrt Installateure einbeziehen und informieren. Diese hätten einen grossen Einfluss auf die Entscheidungen der Hausbesitzer. «Ihnen müssen wir die Vorteile der erneuerbaren Technologien aufzeigen.»

Auch im Bereich Mobilität will die Energieagentur vorwärts machen – hier nehmen die Emissionen weiterhin zu. Es gehe nicht nur um Elektro-Autos, Mobilitätsmanagement heisse das Zauberwort. Firmen müssten sich vermehrt überlegen, wie erreichbar sie sind. Kommt man mit Velo oder öffentlichen Verkehrsmitteln besser zur Arbeit, sei das nicht nur gut für die Umwelt. «Unsere Erfahrung zeigt: Das kann auch allfällige Parkplatzprobleme lösen.»

Reicht Eigenverantwortung noch aus?

Auch der Thurgau tue schon relativ viel für erneuerbare Energie, sagt Ueli Fisch. Das zeige auch die kürzlich beschlossene Förderung von Elektromobilität. Doch schnell genug gehe es auch hier nicht. «Und dass das Thema wichtig ist, hat sich auch noch nicht bei allen Parteien durchgesetzt», sagt er. Deshalb brauche es den Klimanotstand: «Ich will, dass die Regierung sich mehr Massnahmen überlegt. Und Vorstösse zum Thema müssten prioritär behandelt werden».

Konkrete Massnahmen nennt der Vorstoss allerdings nicht. Fisch denkt an Lenkungsabgaben, um erneuerbare Energien zu fördern, an CO2-Kompensation oder Aufklärungskampagnen. Als Grünliberalem sei ihm Eigenverantwortung lieber als Verbote.

Auch Symbole haben Wirkung

Dass der Klimanotstand ein weitgehend symbolischer Akt bleibe, findet HSG-Umweltökonom Rolf Wüstenhagen nicht schlecht. «Vieles in der Schweizer Demokratie ist symbolisch und hat doch Wirkung gezeigt.» Die Schweizer Kantone hätten durchaus Handhabe, wichtige Schritte einzuleiten. Statt nur Standards zu erfüllen, könnte man öffentliche Gebäude zu Leuchtturmprojekten machen. «Würde man eine Schule als Plusenergiehaus bauen, würden Schüler und Eltern sehen, was möglich ist.»

Auch Wüstenhagen setzt ungern auf Verbote. «Aber sie können ein geeignetes Mittel sein, wie der Katalysator zeigt.» Die Demokratie befinde sich in einem Dilemma. «Lenkungsabgaben, die so hoch sind, dass sie etwas nützen, sind in einer Demokratie fast nicht durchzusetzen», sagt Wüstenhagen. «Die Demokratie lebt von Kompromissen. Aber mit der Natur können wir keinen Kompromiss schliessen.»