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KANTON ST.GALLEN: Medikamententests an der Psychiatrie Wil: Angst vor teurer Detektivarbeit

Politik und Klinik sind sich einig: Die Medikamententests an der Psychiatrie Wil sollen untersucht werden. Ob es je dazu kommt, bleibt aber unklar. Die Regierung zweifelt am Nutzen einer Aufarbeitung.
Andri Rostetter
Berichte zu Medikamententests in Fachzeitschriften veröffentlicht: die Psychiatrische Klinik Wil in einer Aufnahme von 1976. (Bild: ETH Bildarchiv)

Berichte zu Medikamententests in Fachzeitschriften veröffentlicht: die Psychiatrische Klinik Wil in einer Aufnahme von 1976. (Bild: ETH Bildarchiv)

Andri Rostetter

andri.rostetter@tagblatt.ch

Die St.Galler Regierung befürwortet die Aufarbeitung der Medikamententests an der Psychiatrischen Klinik Wil in den 1970er-Jahren. Das schreibt sie in einer Antwort auf eine Interpellation. Es sei wichtig, dass die Vorgehensweisen von staatlichen Institutionen durchleuchtet werden, wenn die Möglichkeit bestehe, dass die Integrität von Menschen in Notlagen verletzt wurde.

Im Februar hatten mehrere Kantonsräte von der Regierung eine Erklärung zu den Vorkommnissen an der Psychiatrie Wil gefordert. «Die Medikamententests in der Psychiatrie stehen im Kontext einer Zeit von Ein- und Übergriffen von staatlichen Institutionen in die persönliche Integrität von Menschen in einem schwierigen Umfeld», hiess es im Vorstoss. Eingereicht hatte ihn SP-Fraktionschef Peter Hartmann, 20 Ratsmitglieder waren als Mitunterzeichnende aufgeführt. Auslöser für den Vorstoss waren Medienberichte über Tests mit nicht zugelassenen Psychopharmaka. Anfang Jahr war bekannt geworden, dass in der Psychiatrischen Klinik Wil Medikamentenversuche stattgefunden haben (Ausgabe vom 18. Januar). In den 1970er-Jahren führte der damalige Chefarzt Walter Pöldinger mehrere Testreihen mit antipsychotischen Wirkstoffen durch. An den Tests nahmen jeweils 20 bis 60 Patientinnen und Patienten verschiedenen Alters teil. Bis heute ist unklar, ob Pöldinger in allen Fällen die Einwilligung der Patienten eingeholt hatte.

Die St.Galler Regierung bleibt in ihrer Antwort vorsichtig. «Die veröffentlichen Arbeiten entsprechen den damals geltenden wissenschaftlichen Standards», hält sie fest. Das zeige unter anderem die Tatsache, dass Pöldingers Berichte zu den Medikamentenversuchen von internationalen Fachzeitschriften akzeptiert und gedruckt wurden. In ­einigen Artikeln werde auch erwähnt, dass Pöldinger von den Versuchspatienten ein formelles Einverständnis zur Teilnahme an den Versuchen eingeholt hatte.

Was die Aufarbeitung angeht, hütet sich die Regierung aber vor konkreten Versprechungen. «Da im erwähnten Zeitraum mehrere tausend Patientinnen und Patienten der Klinik Wil behandelt wurden, würde es sich um ein sehr aufwendiges Verfahren handeln, ohne nähere Hinweise die Krankengeschichten damaliger Studienteilnehmender im Archiv aufzufinden», argumentiert sie. Bisher hätten sich auch keine ehemaligen Patientinnen oder Patienten gemeldet, die an solchen Medikamentenversuchen teilgenommen hätten oder gar durch diese Versuche geschädigt wurden.

Hinweise auf Versuche in der Klinik Pfäfers

In ihrer Antwort liefert die Regierung allerdings Hinweise zu weiteren Medikamententests im Kanton. An der Klinik St. Pirminsberg in Pfäfers sollen ab 1953 ähnliche Versuche wie in Wil durchgeführt worden sein. Entsprechende Anhaltspunkte liefere eine Publikation zur Geschichte der Klinik, detaillierte Informationen seien allerdings nicht verfügbar. Ob jemals zusätzliche Informationen zu Wil und Pfäfers ans Licht kommen, lässt sich frühestens in einigen Monaten abschätzen. Dann soll klar sein, ob es überhaupt zu vertieften Untersuchungen kommt.

Die Geschäftsleitungen der beiden Kliniken prüfen derzeit, was eine detaillierte Aufarbeitung durch externe Experten bedeuten würde. Wie die Regierung andeutet, geht es vor allem um eine Aufwand- und Kostenschätzung. Die Aufarbeitung der Medikamententests an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen habe im Kanton Thurgau Kosten von mehreren hunderttausend Franken verursacht. Bevor im Kanton St. Gallen ein ähnlich grosser Stein ins Rollen gebracht werde, müsse über die Finanzierung Klarheit herrschen.

Die Regierung lässt indes durchblicken, dass sie sich nicht allzu viel von einer umfassenden Untersuchung der Medikamentenversuche verspricht. «Es ist aus aktueller Sicht noch nicht klar, ob eine Aufarbeitung andere oder neue Erkenntnisse als in den bereits durchgeführten Projekten in der Schweizer Psychiatrie mit sich bringt.» Es sei auch nicht abschätzbar, ob die Vorabklärungen plausibel darlegen können, ob die Integrität von Menschen verletzt wurde. Damit bleibt offen, ob die Vorkommnisse in Wil und Pfäfers überhaupt je aufgearbeitet werden.

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